Kulturmacher

Im Partykeller der Hölle

In der Friedrichshainer Jägerklause gibt es unter Hirschgeweih und Totenkopfdeko Live-Musik und Poesie-Schlachten. Sebastian Koschinski hat damit einen Szene-Treff geschaffen

Man sollte als Gast der „Jägerklause“ nicht allzu zart besaitet sein. Die beliebtesten Dekokorationsgegenstände, wenn man sie denn so nennen will, sind Totenköpfe aus Plastik und ausgestopfte Tiere. Die Wände bedecken Hirschgeweihe in vielen unterschiedlichen Größen und gerahmte Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Frohnaturen wie Heavy-Metal-Ikonen Black Sabbath oder der dubiose Lemmy Kilmister von Radautruppe Motörhead. So ungefähr muss es im Partykeller der Hölle aussehen.

Im großen Gastraum stehen vor einer kleinen Empore ein paar Reihen dunkelrote Plüschsessel. Durch ein buntes Bleiglasfenster mit bäuerlichen Motiven dringt etwas Licht in die Kneipendämmerung. Punkrock trifft Förstertradition, Sozialismusschick im Kulturambiente. Doch das Wichtigste für Sebastian Koschinski, der die Jägerklause 2007 übernommen hat, ist immer noch der Punk. Die harte, schnelle Musik, der Lifestyle, der freundschaftliche Zusammenhalt unter den Anhängern der Szene.

Dieser Zusammenhalt sei es, so der 38-Jährige, der ihn vorangebracht hat. Als junger Punk aus Kaulsdorf hatte man es nicht leicht, sagt Koschinski. Eine Lederjacke trug er damals, Aufnäher von den „Ramones“ und Doc-Martens-Stiefel. „Nach der Wende waren ziemlich viele Rechtsradikale unterwegs, die fanden das natürlich nicht so gut“, sagt er. Eine Erfahrung, die viele Berliner Punkrocker machten. Das schweißt zusammen.

Ein Tresen aus Bierkästen

Auch wenn das gar nicht zum Werdegang eines Punks passt: Koschinskis Lebenslauf wirkt ehrgeizig. Nach einer Tischlerlehre holte er sein Fachabitur nach. Er nahm ein Studium in Theater- und Veranstaltungstechnik auf und schloss es 2004 mit Diplom ab. Danach war er Redaktionsassistent bei einem Fernsehsender, sägte Baumstämme für das Berliner Badeschiff und packte auch nebenan in der Treptow-Arena an. Dass er dort am Ende zum technischen Leiter aufstieg, erwähnt Koschinski eher nebenbei.

Es scheint keine große Sache für ihn zu sein, dass Dinge, die er anpackt, recht gut funktionieren. So wie die Jägerklause. Es war im Herbst 2007, als er über einen Bauzaun kletterte, um einen Blick in die leer stehende Kneipe zu riskieren. Denn der Wunsch, etwas ganz eigenes zu machen, sei immer schon da gewesen, sagt Koschinski. „Ich wollte einen Ort schaffen, an dem ich mit Partys Geld verdienen kann und der dem Kiez auch etwas zurückgibt.“ Schnell begeisterte er sich für die Räume und den Garten der Jägerklause. Gemeinsam mit seinem langjährigen Kumpel Tino nahm er einen Kredit auf und unterschrieb den Pachtvertrag. In den folgenden Monaten sägte, schraubte, malerte und entkernte Koschinski und arbeitete nebenbei noch seine Schichten in der Arena ab. Immer dabei: seine Freunde. Alle packten mit an, jeder konnte irgendetwas beitragen, und sei es, Sperrmöbel von Berlins Straßen einzusammeln und als Interieur in die Kneipe zu stellen.

„Dieser eine Kumpel von mir“, beginnen viele von Koschinskis Sätzen. Der eine ist Zimmermeister und schreinert die Bar, der andere ist Förster und liefert eines Morgens eine Ladung Hirschgeweihe vor der „Jägerklause“ ab. Und es gibt noch viele mehr. Die Theke bei der ersten Party haben sie aus Bierkästen und einer Pressplatte zusammengebaut. Für die Gäste holte man einige Kisten Bier. „Einen regulären Kneipenbetrieb gab es anfangs nicht“, sagt Koschinski. Also hat er Geburtstage und andere Privatpartys gefeiert, immer in der Hoffnung, dass sich die Jägerklause „als Feierbude herumspricht“. Die Zeit der Doppelbelastung habe schon manchmal viel Kraft gefordert. Gelegentlich sei er im Stehen, mit dem Rücken an die Bar gelehnt eingenickt. Doch nach zwei Jahren hatte sich die Kneipe mit den wilden Partys und dem rauen Charme tatsächlich etabliert. Stammgäste kamen, und immer öfter konnte die Crew feste Events auf den Terminplan setzen.

Seitdem ist die Jägerklause Koschinskis Hauptjob. Regelmäßig werden Live-Konzerte veranstaltet. Nur die Auftritte von Metal-Punk-Bands hat Koschinski ersatzlos gestrichen. „Das ist so laut, da helfen nicht mal unsere Schallschutzwände“, sagt er. Inzwischen spielen dort Bands wie „Killing Soul“, eine zunehmend bekannte Berliner Truppe, die bei einem Konzert in der Jägerklause ihr letztes Album aufgenommen hat: „Live in der Jägerklause“. Im August gibt es ganz besonderen Besuch. Der Bassist der momentan ungemein angesagten US-Rockband „Queens of the Stone Age“, Nick Oliveri, spielt bei Sebastian Koschinski seine Solostücke. Darüber hinaus gibt es auch viele Akustik-Sets wie von Scott Kelly und Steve von Till, den Sängern der Band „Neurosis“.

Pointenschleuder

Ein Programmhöhepunkt, bei dem die Jägerklause zuverlässig voll wird, ist die monatliche Slam- und Lesebühne „Spree vom Weizen“. Da wird gedichtet und gerappt, gesungen und erzählt. Zur fünfköpfigen Stammbesetzung gehören unter anderem der mehrmalige deutsche Poetry-Slam-Meister Frank Klötgen und der deutsche Filmemacher und Slam-Poet Wolf Hogekamp. Bei ihm können sich auch interessierte Künstler aus ganz Deutschland melden, um einmal auf der kleinen Bühne zu stehen und Pointen Richtung Hirschgeweih zu schleudern.

Passt das eigentlich? Gedichte in einer Punkrockkneipe? „Na klar“, sagt Koschinski leidenschaftlich. „Das alles gehört doch zur Subkultur. Und alternatives Publikum ist hier immer willkommen.“ Wenn ihn die Shakespeare Company, die zurzeit „Shakespeare in grün“ auf der Schöneberger Naturbühne aufführt, nach einer Zusammenarbeit fragen würde – er würde nicht nein sagen: „Hey Mann, warum nicht Shakespeare? Der ist auch irgendwie Punk.“

Und bis dahin darf auch gerne alles so weiterlaufen wie bisher, findet Sebastian Koschinski. Mit Punk, gekühlten Getränken und guten Freunden.