Berliner Perlen

Jahrmarkt der Süßigkeiten

Am Freitag beginnt das Deutsch-Französische Volksfest. Doch im „Schokolottchen“ in Kreuzberg ist nicht nur einmal im Jahr, sondern jeden Tag Rummel. Schließlich ist es Berlins erstes Kirmes-Café

Drei Stufen führen hinauf in die süße Traumwelt. Für alle jenseits der 20 Lebensjahre sind diese drei Stufen eine Reise zurück in die Kindheit, zu Erinnerungen an den ersten Rummelbesuch, an das Kribbeln im Bauch beim ersten Looping, an den ersten Biss in einen Liebesapfel. Für alle unter 20 ist das „Schokolottchen“ ein Paradies, das so ziemlich alles bereithält, was engagierte Eltern und Zahnärzte lieber nicht in Kindernähe sehen würden: Waffeln, Crêpes, gebrannte Nüsse, Liebes- und Schokoäpfel, Lebkuchenherzen, Zuckerstangen, Zuckerketten. Dazu noch liebevoll verzierte Cup-Cakes und Eis. Und im Winter sind auch Mutzenmandeln und Quarkbällchen im Programm.

Das „Schokolottchen“ nennt sich auch Kirmes-Café, es ist wohl das erste seiner Art in Berlin. Und es ist eine kleine Oase, nur wenige Schritte von der lauten Yorckstraße entfernt. Wer in die Großbeerenstraße einbiegt, muss nur seiner Nase folgen, denn schon von Weitem bemerkt man den Duft frisch gebackener Waffeln und Crêpes. Am Vormittag kommen die ersten Gäste. Kitagruppen mit ihren Erzieherinnen nehmen auf den rosa und hellblauen Stühlen auf der Straße Platz und erholen sich bei einem Eis vom Spielplatzbesuch.

Vom Kleinkind bis zur 100-Jährigen

Am Mittag kommen dann Schulkinder. Schon Elf- und Zwölfjährige setzen sich mit einem Crêpe in den hinteren Café-Raum. „In dem Alter geht doch normalerweise keiner in ein Café“, sagt Inhaberin Elke Fischer. Hier aber schon. Vielleicht liegt es daran, dass der Besuch auf dem Rummel zu den ersten Aktivitäten gehört, die Zwölfjährige auch schon mal ohne ihre Eltern machen dürfen. Vielleicht liegt es an den moderaten Preisen: Ein Crêpe oder eine Waffel mit Zucker für 1,50 Euro sind durchaus im Taschengeld drin. Vielleicht liegt es an der bunten Gestaltung des Ladens, der dennoch nicht wie ein Kindercafé daherkommt. Das wäre für einen Zwölfjährigen viel zu uncool. Sicherlich liegt es aber auch an der familiären Atmosphäre, die das „Schokolottchen“ ausstrahlt. Diese hat dem Laden, der erst vor drei Monaten eröffnet hat, schon eine Menge Stammkunden gebracht, darunter auch eine fast 100-jährige Dame, die regelmäßig auf einen Crêpe vorbeischaut.

Mit der Idee, ein Kirmes-Café zu eröffnen, trägt sich die 43-jährige Elke Fischer bereits seit 19 Jahren. Damals war sie gerade zum ersten Mal Mutter geworden und hatte mit ihrem Mann Boris eine Schaustellermesse besucht, auf der Indoor-Spielplätze als neues Geschäftsmodell präsentiert wurden. Ein Café plus Spielzimmer – die Idee gefiel ihr.

Doch ein Indoor-Spielplatz heutigen Zuschnitts mit gigantisch großen Kletterwelten aus Plastik und dem Geräuschpegel einer Bahnhofsvorhalle schwebte ihr dabei nicht vor. Sie wollte es kleiner und gemütlicher haben. Doch statt ihre Vorstellung umzusetzen, bekam sie vier weitere Kinder und sammelte nebenbei reichlich Rummelerfahrung.

Der 45 Jahre alte Boris Fischer ist in dritter Generation Schausteller und steht mit seinen zwei Süßwagen das ganze Jahr über auf Volksfesten in und um Berlin. Auf dem Rummel hat sich das Paar auch kennengelernt. Boris half seinem Vater und Elke verkaufte als 13-jähriges Mädchen nach der Schule Luftballons. Gefunkt hat es zwischen den beiden aber erst Jahre später, irgendwo zwischen Auto-Scooter, Achterbahn und Zuckerwatte.

Lebkuchenherz mit Foto

Und gefunkt hat es auch, als im vergangenen Jahr die Räume an der Großbeerenstraße zur Vermietung standen. Auf einmal wusste sie: „Hier muss es sein“. Es ist schließlich auch der Kiez, in dem sie groß geworden ist. Und an den sie jetzt mit dem „Schokolottchen“ zurückgekehrt ist. Die Einrichtung des Cafés ist mit viel Liebe und Geschmack ausgesucht. Von einem ausrangierten Kinderkarussell hat Boris Fischer ein Auto bekommen, es gibt eine alte Popcorn-Maschine, Kristallleuchter und einen Thron, mit dem Elke Fischer noch weitere Pläne hat. Demnächst wird es bei ihr personalisierte Lebkuchenherzen geben. Sprüche wie „Papa ist der Beste“, „Zuckerschnecke“ oder „Ich liebe Dich“ kennt man ja schon. Im „Schokolottchen“ kann man sich jetzt fotografieren lassen und das Foto auf ein Lebkuchenherz drucken lassen. Das Unikat gibt es dann für 9,50 Euro.

Das Geschäft ist ein Familienbetrieb: Elke Fischers Neffe liefert das Eis, ihre Schwester hilft am Nachmittag mit, und auch ihre Kinder sind oft im Laden. Nicht nur zum Naschen. Die älteste Tochter bemalte mit ihrer Freundin die Wände des Café-Raumes mit Lebkuchenherzen und Schaukelpferd, die jüngste Tochter Lotta inspirierte den Namen des Cafés. Dass die Kinder so gerne hier sind, liegt vielleicht auch daran, dass alle fünf große Rummel-Fans sind. „Wenn wir auf einem Fest sind, ist es für sie immer wieder so, als sei es das erste Mal. Sie können gar nicht genug von all dem bekommen“. Weder von den Fahrgeschäften noch von den Crêpes und Liebesäpfeln. Typische Kinder eben.

„Schokolottchen“ Großbeerenstraße 28d, Kreuzberg, im Sommer täglich 11–20 Uhr, www.schokolottchen.de