Liebesfilm

Liebe im Realitycheck

Richard Linklaters dritter „Before...“-Film mit Julie Delpy und Ethan Hawke: „Before Midnight“

Du wirst dein Flugzeug verpassen“, sagte Celine, und Jesse antwortete vieldeutig: „Ich weiß.“ Die Frage, wie es danach weiter gehen könnte mit den beiden, die sich neun Jahre zuvor bei einem langen Spaziergang durchs nächtliche Wien näher kamen, blieb offen. 18 Jahre nach der Wiener Nacht und neun Jahre nach dem Pariser Tag klinkt sich Richard Linklater jetzt zum dritten Mal ins Leben seiner beiden Helden ein, eine filmische Langzeitbeobachtung der besonderen Art. Dabei sind Julie Delpy und Ethan Hawke inzwischen so sehr mit ihren Rollen verwachsen, dass Realität und Fiktion fließend ineinander übergehen.

Wie schon beim letzten Mal beteiligten sie sich auch jetzt wieder stark an der Drehbucharbeit und ließen ihre persönlichen Ansichten einfließen, so wie das Julie Delpy auch in ihren eigenen Regiearbeiten tut, in denen es ebenfalls immer wieder um den französisch-amerikanischen Clash der Kulturen geht. Dabei ist ein wundersamer Hybrid entstanden, immer zugleich filmische Fiktion und wahres Leben, ganz ähnlich wie die Romane, mit denen Jesse berühmt geworden ist.

Schon ihr Regisseur Richard Linklater hatte einst eine Episode seines eigenen Lebens, eine lange nächtliche Unterhaltung auf den Straßen von Philadelphia, als Startrampe für die Gespräche von „Before Sunrise“ genutzt. Entstanden ist dabei eine zauberhafte Liaison zwischen französischer Nouvelle Vague und amerikanischer Screwball-Komödie, nah am wirklichen Leben und überhöht zum filmischen Destillat, das immer ein wenig komischer und unterhaltsamer ist.

Wie schon in Wien und Paris sind Celine und Jesse auch jetzt wieder im Ausnahmezustand und in ständiger Bewegung, im Familienurlaub in Griechenland. Und wieder geht es im nicht abreißenden Strom ihrer Gespräche, Flirts und Kabbeleien um die Bedingungen der Liebe, um nicht eingelöste Hoffnungen und mögliche Perspektiven. Am Anfang setzt Jesse seinen Sohn aus erster Ehe ins Flugzeug nach Chicago und die Wehmut über den Abschied lässt ihn laut darüber nachdenken, ob man nicht mal eine Weile in Amerika leben könnte. Sehr zum Missfallen von Celine, die gerade in Paris ihren Traumjob in Aussicht hat, die Möglichkeit ihren Umweltaktivismus in die Regierungsarbeit einzubringen.

15 nahezu ungeschnittene Minuten lang lauschen wir den beiden, bei ihrem liebevollen Geplänkel, in dem hier und da die etwas härteren Fronten der Eheroutine aufblitzen, all die kleinen Ärgernisse und Frustrationen im Alltag von Ehe und Kindererziehung. Die große Kunst liegt darin, wie lässig Linklater und die Darsteller die Lücken füllen, wie ungezwungen sie kleine Angelhaken auswerfen, mit denen sie an die alten Geschichten anknüpfen, und zugleich die verlorenen Jahre dazwischen rekapitulieren. Dabei wird die strikte Zweisamkeit der ersten beiden Filme „Before Sunrise“ und „Before Sunset“ immer wieder geöffnet, etwa am großen Mittagstisch im Garten, mit den griechischen Freunden. Und wie das Flair von Wien und Paris die vorherigen Filme prägte, tun es jetzt die griechischen Szenerien, mit den weiß leuchtenden Häusern, den pink leuchtenden Blumen und sonnentrockenen Wiesen.

Mehr noch als in den früheren Filmen geht es in „Before Midnight“ um einen Realitycheck, um den Abgleich der einstigen Träume, Hoffnungen und Ideale mit dem Alltag: „Was würdest du an mir ändern wollen, wenn wir noch weitere 56 Jahre zusammenleben“, fragt Celine einmal. „Dass du aufhörst, mich verändern zu wollen“, erwidert Jesse. Während er als Schriftsteller den Kopf in den Wolken trägt, arbeitet sie sich als handfeste Weltverbesserin an der Wirklichkeit ab. Abends spazieren die beiden dann zum romantischen Rendezvous, das die Freunde eingefädelt haben, eine Auszeit vom Elternalltag, in der dann statt erotischen Freuden harte Vorwürfe ausgetaucht werden, ganz einfach weil „Before Sunrise“ eben keine Hollywoodzuckergußromanze ist, sondern ein Stück glaubhaftes Leben. So ist am Ende wieder alles offen zwischen Celine und Jesse, aber wir hoffen, dass wir in neun Jahren wieder bei ihnen reinschauen dürfen und sie sich auch in 40 Jahren noch so zugetan sind wie das betagte Ehepaar in Hanekes „Liebe“.

Liebesfilm: USA 2013, 108 min, von Richad Linklater, mit Julie Delpy, Ethan Hawke

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