Kulturmacher

„Wir waren schon immer arm, aber sexy“

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Britta Klar

Das English Theatre ist mit dem internationaler werdenden Berlin gewachsen – und warder Stadt oft auch voraus. In Kreuzberg wurde die Werkstatt zur Bühne

Manchmal laufen die Dinge im besten Sinne parallel. In diesem Fall die Entwicklung einer Stadt und die Entstehung einer Kulturstätte. Die Rede ist von Berlin und dem English Theatre an der Fidicinstraße in Kreuzberg. „Die Geschichte dieses Hauses ist auch eine Geschichte des neuen Berlins“, sagt Daniel Brunet. Der 33-jährige Theatermacher verstärkt seit Ende 2012 die Doppelspitze des Hauses und bildet mit den Gründern Bernd Hoffmeister und Günther Grosser das neue Dreigestirn des English Theatre Berlin.

Seit 2001 ist der junge Theatermacher in Berlin. Die drei Männer kennen sich schon länger, schätzten einander in ihrer Arbeit. Dass Brunet nun das Theaterteam verstärkt, ist für alle ein Gewinn. „Er ist die perfekte Ergänzung des Leitungsteams und bringt den Blick der jüngeren Generation mit in unser Haus“, sagt Günther Grosser. „Ich bin den beiden unendlich dankbar“, sagt Brunet als Reaktion und fügt leidenschaftlich hinzu: „Für mich ist das English Theatre unschlagbar.“

Innovation auf Bestellung

Das sah eine Zeit lang anders aus. Auch das ist einer der Gründe, warum Brunet kam. 2012 war die Zukunft des Hauses ungewiss. Die Hiobsbotschaft: Die Förderung durch die Kulturverwaltung endet nach 2013. Es wurden fehlende Innovationen bemängelt – also kam die Innovation. Mit Daniel Brunet. Er kam nach dem Studium in Boston mit einem Fulbright-Stipendium nach Berlin, einem der prestigeträchtigsten Programme weltweit. Brunet wollte sich hier mit der europäischen Theatertradition befassen. „Als ich damals eintraf war Berlin noch eine sehr deutsche Stadt“, sagt Brunet. „Nun, wo ich ein Drittel meines Lebens hier gelebt habe, kann ich sagen, dass es heute anders ist. Berlin ist international“, sagt der Mann aus New York.

The English Theatre hingegen war irgendwie schon immer international. Angefangen hatte alles in den 80er-Jahren, als Bernd Hoffmeister nach einigem Suchen die Räume des heutigen Theaters fand. Der Möbelrestaurateur betrieb mit seinem ehemaligen Geschäftspartner Martin Kamratowski eine „Werkstatt für spezielle Konstruktionen“, wie er sagt. „Wir haben das Bühnenbildrecycling neu erfunden. Wir haben Bühnenbilder in ganz Berlin zusammengesucht.“

So entstanden schnell Kontakte in die Szene. Und wenn Bühnenbilder da sind, sind freie Schauspielgruppen nicht weit, scheint es. „Am 17. Juni 1990 spielte bei uns – in der Werkstatt, wohlgemerkt! – das erste Mal ein Gruppe vor Publikum. Wir haben also schon bald wieder Geburtstag“, sagt Hoffmeister. Zu dem Zeitpunkt nannte sich das heutige Theater noch Oper, genauer: „Freunde der italienischen Oper“. Einfach, weil Hoffmeister der Name gefiel: „Das ist das einzige, was ich in all den Jahren wirklich bedauere: Dass wir den Namen aufgeben mussten. Für einen,zugegebenermaßen besseren und weit sinnvolleren Namen.“

Zwischendurch, als klar war, dass man sich abgrenzen muss in der großen Zahl stetig wachsender Bühnen, und die Betreiber sich entschlossen, nur noch englischsprachige Stücke zu spielen, hieß das Haus „Friends of Italian Opera“. Wichtig war und ist den Dreien aber: „Wir sind kein britisches Theater. Wir sind international“, sagt Brunet. 1993 kam Günther Grosser mit ins Boot, der bereits produzierend für englischsprachige Gruppen tätig war. „Wenn man etwas werden wolltes, musste man in Berlin ein Geheimtipp sein, und das haben wir geschafft“, sagt Grosser.

Zug um Zug professionalisierte sich die „Werkstatt“ und wurde zur Bühne. Parallel dazu zog Berlin zunehmend kreative Menschen an. „Berlin war am Werden“, sagt Grosser „Und wir waren wie ein Durchlauferhitzer. Die Leute kamen und gingen. Einige blieben uns aber auch treu, bis heute.“ Kein Wunder, war doch die Atmosphäre eine ganz besondere: „Wir hatten einen tollen Fundus und viele Unikate: alte DDR-Lampen zum Beispiel“, sagt Hoffmeister.„Bei uns war die Atmosphäre sehr intim. Und mit der Zeit hat das auch die Senatsseite erkannt.“

Vor fast 20 Jahren machte das heutige English Theatre einen großen Schritt: Im Jahr 1995 gab es die erste Dauerförderung. Diese half zwar, reichte aber vorne und hinten nicht. Auch das verbinde das Schauspielhaus mit Berlin: „Wir waren schon immer arm und sexy“, sagt Günther Grosser.

Von Hoffnungslosigkeit oder gar der Frage, wie es weitergeht oder gar schlechter Laune sind die drei Theatermacher inzwischen weit entfernt. Zu Recht: Die Krise ist inzwischen gemeistert. „Sie haben uns nicht im Regen stehen lassen. Das Land Berlin ist seiner Verantwortung absolut gerecht geworden. Wir sind uns jetzt alle sicher, dass wir eine glänzende Zukunft haben“, sagt Bernd Hoffmeister selbstbewusst.

Comedy-Serie

Auf der Homepage des Theaters heißt es dazu seit kurzem: „Die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin finanziert unser Projekt für 2014 ,Fünfundzwanzig Jahre Mauerfall: How I Learned To Stop Worrying and Love the Ossis/Wessis‘. Der Hauptstadtkulturfonds finanziert ,Aliens of Extraordinary Abilities?‘ für den Herbst 2013. Wir haben zahlreiche andere Projekte.“

Fehlende Innovation? Keine Spur, dafür Ideen und Visionen: Die drei Macher Für Comedy-Serien, Konzertreihen oder Festivals. Seit 2006 ist dafür auch mehr Raum: Gemeinsam mit dem „Theater Thikwa“, das Kunst mit behinderten und nichtbehinderten Künstlern auf die Bühne bringt, teilt sich das English Theatre einen großen Saal für 150 und ein kleineres Studio für etwa 60 Zuschauer.

An gleicher Stelle wie immer. Seit fast einem Vierteljahrhundert nun schon, vielsprachig und mit vielen Stimmen - ganz wie die Stadt. „Theater ist eine lebendige Form“, sagt Daniel Brunet. „Ein Ort, wo eine Gemeinde ihre Geschichte erfahren kann. Für Berlin wollen wir dieser Ort sein.“