Berliner Perlen

Die Unverwüstlichen

In Zeiten von Nerd-Brillen und der Rückkehr von Vinyl-Schallplatten hat natürlich ein auf 50er- und 60er-Jahre-Mode spezialisiertes Geschäft wie „Class of Berlin“ Hochkonjunktur

Samantha Fröhlich ist „Strawbetty“, Franziska Kühne ist die Frau hinter dem Label „Marlenes Töchter“, Tom Puchtinger steht für „Get Rhythm Vintage“, Stan Scharl ist der Mann von „Stans Headquarter“, Alex Graalfs ist der Macher von „Berlin Denim“ und „Rock-a-tiki“. Und zusammen sind die Fünf: „Class of Berlin“. Was ein bisschen wie die Ankündigung einer „Fifties Style“-Band klingt oder nach dem Cast eines frühen Marvel-Comics, ist der Zusammenschluss von fünf Menschen mit einer Leidenschaft für die 30er- bis 60er-Jahre.

Schon der Weg zu „Class of Berlin“ in einen Hinterhof in der Großen Hamburger Straße ist wie eine Reise in die Vergangenheit: Geht man doch durch einen Torbogen des ältesten Wohnhauses der Spandauer Vorstadt, diesem ohnehin geschichtsträchtigen Stadtviertel in Mitte. Das Haus stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1692, wurde im Jahr 1827 geteilt und mehrfach umgebaut. Durch diesen Zeittunnel gelangt man also direkt in die „40er und 50er Jahre, die Hochzeit der Mode, die ästhetisch einfach die schönste ist“, sagt Alex Graalfs.

Zeitlos schöne Mode

Und echt zeitlos ist sie auch, diese Mode. Das sieht man auch an ihm: Alex Graalfs passt perfekt ins Jetzt. Könnte aber auch gerade neben James Dean vor der Kamera gestanden haben. Bei „Class of Berlin“ sind alle fünf Geschäftspartner gleichberechtigt. Einen Chef gibt es nicht wirklich. Alex Graalfs gehörte seit dem Jahr 2000 das „Rock-a-tiki“ in Prenzlauer Berg. Eine echte Hauptstadt-Größe in der Szene. Doch Alex musste da weg, dringend, wie er sagt. „Prenzlauer Berg hat sich verändert, da kann man heute Babyklamotten und vegane Biosachen verkaufen“, sagt er und lacht. Am besten wahrscheinlich vegane Babysachen. Aber Rockabilly-Kleidung und Accessoires? Schwierig.

Alex Graalfs und Franziska Kühne kennen sich schon ewig. Die Eigentümerin von „Marlenes Töchter“ war damals noch in Weißensee und spezialisiert auf selbstentworfene und geschneiderte Mode im Stil der 30er- bis 50er-Jahre. Die beiden planten den Umzug – und das sprach sich herum. So kam es dann 2011 zur Eröffnung von „Class of Berlin“ in eben jener fünfköpfigen Zusammensetzung in einer ehemaligen Schnapsbrennerei. “Das passt irgendwie“, sagt der 43-jährige mit einem charmanten Lächeln und es würde auch passen, wenn er jetzt den Kamm aus der Hosentasche zieht und sich einmal durch die Haare fährt. Aus den Lautsprechern füllt gerade der frühe Elvis den Raum.

Apropos Raum: Bunt ist er, der Raum. Petticoats hängen dort bauschig nebeneinander wie Pusteblumen, Matrosenkleider mit großem Kragen, Halstücher mit Ankern darauf, Haarspangen mit Schleifchen, Pomade-Tiegel und Kleider und zarte kleine Hütchen à la „Mad Men“. In einer Ecke steht ein kleiner Raumtrenner, daran ein Schild: „Ab hier Doofsein verboten“ steht darauf. Man hört das beständige Rattern einer Nähmaschine. Franziska Kühne sitzt daran und ruft: „Ich komme sofort!“ Sie sieht toll aus – ein Gesicht wie Porzellan, rote Lippen, seitlich eng an den Kopf gelegte Locken. „Marlenes Töchter“ ist ihr Label, das inzwischen viele Kunden schätzen – Frauen vor allem. „Viele meiner Kundinnen sehen die Mode zeitlos, als Alltagsoutfit“, sagt die Designerin. Auch Maßanfertigungen macht sie, gerade sitzt sie an drei Brautkleidern und einem Anzug. „50er-Jahre-Partys sind gerade total im Trend“, sagt sie und Samantha Fröhlich bestätigt das: „Wir haben natürlich auch Kunden, die bei uns kein Alltagsoutfit suchen, sondern eher eine Art Kostüm - bei uns bekommt man auch das.“ Detailgetreu. Während sie erzählt, dass sie früher eigentlich Grafikerin war und mit „Strawbetty“ aber endlich „Pin Up Fashion“ und „Rockabella Clothing“ verkaufen kann, klingelt immer wieder das Telefon. „Die Kunden von Stan betreuen wir auch!“ Und Stan ist wirklich unglaublich gefragt. Unten, im Kellergeschoss, wo die Männerklamotten zu finden sind, ist auch Stan zu finden. Ein Frisör der Sonderklasse. Schauspieler, Musiker, Stammkunden – auch aus der Schweiz – kommen zu Stan in den Keller, um sich Tolle oder Koteletten perfekt frisieren zu lassen.

Eine Klasse für sich

„Class of Berlin“ ist eine Klasse für sich, das merkt man. Alex Graalfs drückt es so aus: „Wir verkleiden uns nicht, um zur Arbeit zu gehen. Unser Beruf ist unsere Leidenschaft – und umgekehrt. Bei uns findet man Sachen mit Geschichte und nichts Schnelllebiges.“ Dazu gehört auch seine eigene Jeansmarke „Berlin Denim“. Die hat er 2007 entworfen. „Die Jeans, die man heute kaufen kann, das sind ja keine Jeans mehr“, sagt Graalfs. Seine Hosen sind dick, haltbar. Keine Mode. Wer den Stoff einmal angefasst hat weiß, was er meint. 139 Euro kosten sie. Natürlich trägt er „Berlin Denim“. So wie Franziska Kühne „Marlenes Töchter“ und Samantha Fröhlich „Strawbetty“. Verkleiden gilt nicht.

Class of Berlin Gr. Hamburger Straße 19A (Hinterhof), Mitte, geöffnet Montag bis Sonnabend 12 bis 20 Uhr, Telefon: 437 39 760, www.classofberlin.com