Berliner Perlen

Mein wunderbares Schädelkaufhaus

Voodoo und Zauberpulver für den Alltagsgebrauch: Bei „Superskull“ in Kreuzberg handelt Mario Behringer mit mexikanischer Volkskunst und Objekten des Totenkults

Man kann ahnen, wie die Mutter von Mario Behringer geguckt hat, als er mit leuchtenden Augen vor ihr saß, an einer kleinen Schnur zog und sich dadurch ein Ton-Skelett in einem kleinen Sarg aufrichtete. „Mama, das wird jeder kaufen“, sagte er und zog begeistert an der Schnur. Klipp-klapp, klipp-klapp: Unermüdlich hob sich der grinsende Schädel samt knöchernem Brustkorb aus der Kiste. „Meine Mutter hat mich angeschaut, als würde ich spinnen“, sagt Mario Behringer und lacht. Und er hat gut lachen, denn er sitzt in seinem eigenen kleinen Laden namens Superskull. „Skull“ heißt auf Englisch „Schädel“ und „Totenkopf“. Dort und über seinen Online-Shop verkauft er alles rund um den mexikanischen Totenkult. Auch der kleine „Ziehsarg“ steht dort. Zwischen einem Skelett-Elvis an der Gitarre und einer mexikanischen Señorita mit Zigarette zwischen den blanken Zähnen.

Vom Job entnervt

Die Mayas und Azteken hatten ihre ganz besondere Art, den Totenkult zu begehen: Sie glaubten, dass die Seelen der Verstorbenen die Lebenden einmal im Jahr besuchen. So feiert man in Mexiko am 2. November den „Dia de los Muertos“. Da wird getrunken, getanzt und gelacht. „Dann steht bei denen drei Tage lang alles still“, sagt Mario Behringer. Er war mit seiner Frau Melanie 2006 in Mexiko. „Unsere Jobs hatten uns genervt, wir brauchten einfach eine Pause“, sagt der 40-Jährige, der früher Konzerte veranstaltete. Ein Vierteljahr blieben die beiden: „Wir waren von Anfang an geflasht von dem, was wir dort erlebten.“

Da viele Geburtstage von Freunden anstanden, als die beiden von ihrer Reise zurück nach Berlin kamen, hatten sie die Koffer voll mit „Klimbim“. „Und für uns selbst hatten wir natürlich auch einiges gekauft“, sagt Behringer. Die Beschenkten waren begeistert vom Handtaschenaltar, den Zuckerschädeln, den Skelettgirlanden. „Die Mexikaner haben Schnickschnack für jede Lebenslage“, sagt Mario Behringer. Bei Superskull gibt es ihn auch für Nicht-Mexikaner. Etwa das „Hochzeits-Voodoo“ für Verliebte, den „Schönheitszauber“ oder das „Horn des Überflusses“ für jeweils vier Euro.

Doch der Start mit dem kleinen Schädelkaufhaus war nicht leicht. Denn der Bankangestellte, dem Mario Behringer seine Geschäftsidee vorstellte, schaute ähnlich entgleist wie seine Mutter zuvor. „Ich habe immer wieder die Frage gehört: Wer soll das denn kaufen?“, sagt Behringer. Heute weiß er die Antwort: „Unser Publikum ist von zehn bis 70 Jahre alt. Wir haben sogar viele Kunden, die jedes Jahr kommen, um hier bei uns ihren Weihnachtsschmuck zu kaufen.“ Die bunten Blechanhänger sind für 2,50 Euro zu haben.

„Wir kennen in Mexiko etwa 20 Familien, die wir einmal im Jahr besuchen. Sie wohnen quer im Land verstreut. Wir kaufen direkt bei ihnen.“ Da gibt es etwa die Aguilar-Schwestern Guillermina, Josefina, Irene und Concepción. Von ihnen findet man bei Superskull Vieles in Vitrinen und auf den Tischen. Es gibt eine Anekdote zu ihnen: „In den 70er-Jahren hat ein Mitglied der Rockefeller-Milliardärsfamilie oder einer seiner Angestellten die Workshops der vier Schwestern leer gekauft. Plötzlich tauchte die Aguilar-Kunst in Sammlungen und Museen der USA auf. Die Rockefellers waren die Ersten, die mexikanische Kunst außerhalb Mexikos zeigten“, sagt der Superskull-Chef.

Die Behringers indes zeigten „ihre“ Kunst erstmals beim Karneval der Kulturen 2007 an einem kleinen Stand. „Unser Ziel war aber eigentlich ein Online-Shop. Das funktioniert bei dieser Art Kunst gut.“ Seit 2008 ist der Online Shop Superskull.de in Betrieb. Seit 2009 hat Behringer seinen Laden. „Eigentlich hatten wir ja nur ein Lager gesucht“, sagt er. Nun existiert es aber, dieses kleine Geschäft, das 15 Quadratmeter misst. Zu übersehen ist es dennoch nicht. Im Schaufenster stehen 30 asiatische „Winke-Katzen“, die über den Köpfen mexikanische Ringer-Masken tragen (je 15 Euro). Davor bleiben viele Passanten stehen und müssen grinsen – von der Kindergartengruppe bis zum Rentnerpärchen. „Die Katzen haben wir 2009 aus einer Schnapslaune heraus erfunden. Wir hatten so eine Katze vom Wichteln übrig. Die Masken sind eigentlich Schlüsselanhänger“, sagt Mario Behringer. Nach dem Sinn der Kombination gefragt, antwortet Behringer grinsend: „Das ist die mexikanische Rache an chinesischer Billigproduktion!“ Die Katzen sind natürlich ein Verkaufsrenner.

Berliner T-Shirt Label

Ein Renner soll auch „The Mexican Mob“ werden, Mario Behringers eigenes T-Shirt-Label. In Mexiko entworfen, in Berlin produziert. Das Stück kostet 29 Euro. „Auf Fairtrade-Textilien“, betont er. Die mexikanischen Künstler konnten erst kaum glauben, dass Mario Behringer ihre Arbeiten in Berlin und über das Internet verkauft. Sie hatten sich gefragt, wer im weit entfernten Deutschland wohl einen „Ziehsarg“ kauft, und erfreut festgestellt, dass es bei Superskull genug Kunden dafür gibt. Und die Zahl der Fans wächst.

Superskull Mittenwalder Str. 13, Kreuzberg, nächste Öffnungszeiten: 22. Mai, 29. Mai, 5. Juni, 12–20 Uhr, superskull.de