Drama

Bist du glücklich, klatsch dein Fett

Ulrich Seidl beschließt seine „Paradies“-Trilogie im Diätcamp für Kinder: „Paradies: Hoffnung“

Am Ende waren sie alle doch sehr glücklich. Wie Kinder, die zum ersten Mal eine Geisterbahn überstanden haben. Standen auf beim Abspann und schlugen sich auf Bauch, Beine, Po, sangen und lachten. „If you’re happy and you know it, clap your fat“. Ein Kinderlied, das Lied der fetten Kinder, deren Geschichte sie gerade gesehen hatten. Die diesjährige Berlinale erlebte ihren Heiterkeitshöhepunkt ausgerechnet mit „Paradies: Hoffnung“, dem Schlussstück der „Paradies“-Trilogie des österreichischen Bürgertumsbrutalverstörers Ulrich Seidl. Sie sangen im guten Gefühl, noch einmal davon gekommen zu sein. Sie hatte nämlich diesmal gar nicht weh getan, die von Seidl angekündigte Wurzelbehandlung entpuppte sich bestenfalls als harmlose Zahnreinigung.

Seidl, der cineastische Katastrophentourist, hatte diesmal in Niederösterreich Station gemacht. In einem Diätcamp für dickleibige Kinder. „Paradies: Hoffnung“ erzählt die Geschichte eines Sommers wie die anderen Teile der Trilogie Sommergeschichten erzählten; von Frauen, die ihr Glück suchen, ein Glück, dass ihnen die Gesellschaft nicht zugestehen will. Wie Theresa, die in „Paradies: Liebe“ verzweifelt nach Nähe und Lust und Liebe sucht unter den Eigenkörperverkäufern von Kenia. Wie Anna Maria, Theresas Schwester, die in „Paradies: Glaube“ missionswütig als Wandermaria durch die glaubensfernen Schichten Österreichs zieht.

Feldversuche an den Rändern der westlichen Wertewelt waren das. Böse Verhaltensforschungen in brillanten, geradezu altmeisterlich gebauten Bildern mit fataler Neigung zur Distanzierung durch Künstlichkeit. Unterschichtenfernsehen für die gebildeten Stände. Gelenkt improvisiert, halb fiktiv, halb dokumentarisch.

Eigentlich mal geplant als ein Film über den Sommer von Anna Maria, Theresa und ihrer molligen Tochter Melanie. Das Material sperrte sich dann aber gegen das Konzentrieren und Kompilieren auf Spielfilmlänge. Und Seidl zerlegte es im Schneideraum in drei anderthalbstündige Episoden.

„Paradies: Hoffnung“ erfüllt in der Trilogie etwas, dass man Seidl eigentlich gar nicht zugetraut hatte, den Tatbestand eines Satyrspiels nämlich, eines geradezu zärtlichen, lustigen Trauerspiels. Traurig bleibt es natürlich schon, wenn Seidl Melanie folgt. In eine Abnehmfarm, die wie eine leere Raumstation auf einer grünen Wiese am Waldesrand liegt, fern von der übrigen Welt. Die dicken Kinder kommen da hin und die Pfunde sollen purzeln. Was mit ihnen da veranstaltet wird, hat mit Realismus, mit dem wahren Leben in den Einrichtungen für angehende Anorektiker, natürlich gar nichts zu tun. Sie machen ein bisschen Gymnastik, man sieht sie von rechts nach links traben und fades Essen essen. Sie tragen Sportdressuniform. Wenn ihr Drill-Sergeant, ein Turnlehrer alter Schule, pfeift, müssen sie spuren. Sie sind seine vollfetten Lippizzaner.

Trotzdem würde die Geschichte genauso in einem katholischen Zeltlager funktionieren. Von „Paradies: Hoffnung“ eine ernsthafte Auseinandersetzung über Körperlichkeit und gesellschaftliche Zurichtung übergewichtiger Halbwüchsiger zu erwarten, wäre übertrieben. Weil das Trilogie-Finale im Kern bloß eine klapperdürre Erwachsenwerdengeschichte ist. Melanie freundet sich mit den anderen Molligen an, sie unterhalten sich über Jungs und ersten Sex, sie spielen mit ihren Handys, sie spielen Flaschendrehen im Schatten von Stapelbetten, sie plündern des Nachts den Kühlschrank, fliehen in die niederösterreichische Dorffreiheit und entkommen knapp einer Kneipenvergewaltigung.

Vor allem aber verliebt sich Melanie, das Wonnepropperl, sterblich in den Arzt des Camps. Ein ewiger Stenz, der sockenlos in seinen Slippern steckt und Saab fährt. Ihm gefällt’s schon, angehimmelt zu werden. Er wehrt sich. Halb und halb. Mal lässt er sie auflaufen. Mal gehen sie gemeinsam in den Wald. Man sieht sie auf Moos gebettet liegen. Und wie er sie beschnüffelt wie ein Wolf das Lamm. Es passiert aber nichts. Mit der Liebe wird’s nichts.

Mit Gewichtsreduktion auch nicht. Dann singen die dicken Kinder „If you’re happy...“ und klatschen auf Fett. Und die Veggiebürger im Publikum, deren Elendsvoyeurismus Seidl befriedigt hat, singen mit. Auf Fett klatschen können sie ja nicht.

Drama: Ö/D/F 2012, 91 min., von Ulrich Seidl, mit Melanie Lenz, Verena Lebhauer, Joseph Lorenz

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