Dokumentation

Mut zur Selbstentblößung

Warum liebt mich keine? Schonungslose Eigenanalyse eines 30-Jährigen vor der Kamera: „Love Alien“

Andere werfen zum 30. Geburtstag eine rauschende Party, dieser junge Mann zündet nur eine Kerze an und spricht sich einen lauen Glückwunschgruß aus: „Für dich, lieber Wolfram“. Mit den kleinen, für jedermann erschwinglichen Digitalkameras hat eine rücksichtslose Subjektivität im Kino Einzug gehalten: Die Kamera wird da zum Medium von Selbstanalyse und Therapie, von Nabelschau und Trauerarbeit. Da erforschen Männer um die 30, warum sie noch immer so ziellos durchs Leben driften, Söhne verarbeiten die Alzheimer-Krankheit ihrer Mutter und junge Frauen dokumentieren das Leben mit seltenen Krankheiten.

Eigentlich wollte Wolfram Huke einen Film drehen über die Einsamkeit junger Menschen, die wie er keinen Partner finden. Der Tagebuchfilm, den er drehte, sollte eigentlich nur die Recherche und Ideensammlung unterstützen, bis er sich entschloss, daraus einen ganz Film zu machen, sozusagen ein ausgedehntes Selbstgespräch.

Einen recht konturlosen jungen Mann bekommt man da zu sehen, mit Doppelkinn, Fünftagebart und wuscheligen Haaren, die schon lange keinen Friseur mehr gesehen haben, in einer kargen Wohnung, in der schon lange nicht mehr aufgeräumt wurde. Ganz sicher also niemand, der sich vor der Kamera von seiner besten Seite zeigen will. Man muss schon seinen Lebenslauf lesen, um zu sehen, dass er einiges geschafft hat, Zivildienst in der Altenpflege in Krakau, Philosophiestudium in München, Journalistenausbildung, Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen...

Nur in der Liebe fehlt ihm die Entschlossenheit, weshalb er sich zwischen dem 29. und dem 30.Geburtstag mit der Kamera auf Ursachenforschung und Hilfesuche begab, bei Partnervermittlungen, einer Therapeutin, in der Familie, bei Stilberaterinnen, im Fitnessstudio, im Dialog mit Freundinnen, denen es ähnlich geht. Dabei ist keine Klamotte mit Speeddating-Events und Picture Brides entstanden, sondern eine schonungslos authentische Suche nach Veränderung: „Mach doch was aus Dir, warum bist du denn so dick?“

Da Wolfram Huke wirklich nichts beschönigen will, lässt er in seinem Film eine frappierende Kunstlosigkeit der Mittel walten, mit verwackelten, unscharfen, unterbelichteten Bildern und unvorteilhaften Untersichten, weil er die Kamera einfach in den Schoß oder auf den Tisch legt. Auch aus illustren Schauplätzen wie München, Zagreb, St Andrä und Madrid macht der weitgereiste Film wenig und bricht die Trostlosigkeit der Lage auch nicht durch Selbstironie. Dennoch oder gerade darum schleicht sich irgendwann Bewunderung ein, für den Mut zur Selbstentblößung, und Rührung über sein liebenswerte Gemüt.

Wolfram weiß, dass es nicht cool ist, einsam zu sein, und dass Frauen erobert und verführt werden wollen: „Tut mir leid, das kann ich nicht!“ Man wünscht ihm sehr, dass eine Frau seinen Film sieht, die sich in dieses zaghafte Lächeln, das liebenswerte Wesen und die romantische Seele verliebt.

Dokumentation: D 2012, 78 min., von Wolfram Huke

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