Berliner Perlen

Süßer Name, süßes Geschäft

Christiane Orywals Kinder-Boutique „mjot“ ist nach dem russischen Wort für Honig benannt. Anfangs fehlte der Bielefelderin noch der Mut, in der fremden Stadt einen Laden zu eröffnen

Eine Freundin schenkte Christiane Orywal das Buch „Die wichtigsten Sprachen der Welt“. Darin vertreten war natürlich auch Russisch. „Jeder Sprache sind zwei Seiten gewidmet. Aber irgendwie ging es immer nur um Frühstücksdinge“, sagt die 43-Jährige. Als sich die Freundinnen gegenseitig die Worte vorgelasen stellten sie fest: „Mjot“, die eingedeutschte Schreibweise und Aussprache für das russische Wort Honig, klingt ziemlich gut.

So könnte die Geschichte über den Kinder-Küche-Krimskrams-Laden „mjot“ von Christiane Orywal an der Kreuzberger Friesenstraße beginnen. Aber auch so: Die Medienpädagogin Christiane Orywal kommt ursprünglich aus Bielefeld. Auch dort hatte sie schon ihren eigenen kleinen Laden, in dem sie in erster Linie Filzwaren verkaufte. Dann bekam ihr Mann, von Beruf Soziologe, ein unwiderstehliches Jobangebot. Allerdings in Berlin. „Da sagt man natürlich nicht nein“, so Christiane Orywal. „Ich wollte aber eigentlich gar nicht nach Berlin. Ich hatte mich in Bielefeld sehr schön eingerichtet, hatte einen guten Job. Und was einen eigenen Laden angeht, dachte ich mir: Das traue ich mich nicht in Berlin.“

Angst gebannt

Dann war sie da, in der großen Stadt. Fünf Jahre ist das jetzt her. Sie schob ihren Kinderwagen mit Sohn Emil durch die neuen Straßen und dachte sich noch immer: „In Berlin warten die nicht auf jemanden, der ein Geschäft eröffnet.“ Sie fing aber trotzdem bei ihren Streifzügen durch die Kreuzberger Straßen an, nach leer stehenden Ladenlokalen Ausschau zu halten. Und irgendwann dachte sie: „Warum eigentlich nicht?“ Die Angst war gebannt, das Pläneschmieden begann.

„Über ein Jahr lang habe ich gesucht“, sagt die zweifache Mutter. „Viele, bei denen ich angefragt habe, dachten wohl ähnlich wie ich, als ich hierher kam: Das braucht doch keiner. Aber viele von diesen kleinen Läden stehen noch heute leer.“

Doch Christiane Orywal fand den Eckladen an der Friesenstraße und beschloss: Hier mach ich’s! „Dabei wollte ich eigentlich einen kleineren Laden. Nun habe ich rund 150 Quadratmeter, davon 100 Quadratmeter Verkaufsfläche.“

Den Raum weiß die Chefin durchaus zu füllen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Kindermode in allen Farben der Welt und ein wenig auch aus aller Herren Länder: die französischen Modeklassiker von „Petit bateau“, vieles von „Mini a ture“ aus Kopenhagen, „Kik kid“ aus den Niederlanden oder die absolute Neuheit „As we grow“ aus Island. „Wir haben sie auf einer Messe gesehen und waren ihre ersten Kunden“, sagt Christiane Orywal. Überwiegend kommt die Kindermode jedoch aus Dänemark. „Die sind halt immer eine Spur cooler“, sagt sie.

Um die Dinge zu finden, die sie in ihrem Laden verkauft, fährt sie auf viele Messen ins europäischen Ausland. „Aber wir haben auch schon Schreibwaren aus Korea mitgebracht. Da waren wir eigentlich privat, aber das passte irgendwie“, sagt Christiane Orywal und lacht. Sie lacht viel, ist eher der fröhliche Typ und ein Fan ihrer Sachen. „Ich erlebe es nie, dass mir unsere georderten Waren hier im Laden nicht mehr gefallen.“ Ihre Devise war immer: „Ich will einen Laden, in dem ich mich selbst wohl fühle.“ Den hat sie. Und noch mehr. „Mein Laden ist ein Laden für die Leute, die hier wohnen – das finde ich toll“, sagt sie.

Und die Menschen, die in der Umgebung leben scheinbar auch. Ständig geht die Ladentür auf: Großeltern suchen etwas für ihre zwei Tage alte Enkelin, eine Frau braucht Babysöckchen für das Kind einer Freundin und eine schwangere Mutter kauft einen Woll-Schlafsack für das ungeborene Baby, dazu noch einen Fahrradkorb für ihre Tochter.

Christiane Orywal kennt sie eigentlich alle, mit vielen Kunden ist sie per Du. Viele sind mit ihrem Sortiment vertraut und wissen, was sie bei ihr finden. Und dass sie etwas finden, wissen sie auch. „Bei mir gibt es immer etwas für Kinder jeden Alters und ein Mitbringsel für die Oma“, sagt Christiane Orywal.

Vater auf Hosensuche

In vielen der bunten Anrichten, Sideboards und Regalen liegen Geschirr, Servietten, Papierstrohhalme und gehäkelte Girlanden. Sogar einen Bekannten aus alten Sportunterrichtszeiten findet man: Einen Kasten der Firma „Braunschweiger Turngeräte“. Auf dem klobigen braunen Klotz stehen säuberlich aufgereit Kinderschuhe. „Oft werde ich auch gefragt, ob die Einrichtungsgegenstände zu verkaufen sind. Aber das geht natürlich nicht“, sagt Christiane Orywal.

Leider. Denn überall findet man alte Kinderbetten, Babywiegen, kleine Tische, die als Abstellflächen fungieren und auf denen nun Kindermode ausgestellt ist. Überall hängen bunte kleine Lampen. Das fühlt sich ziemlich gemütlich an.

Wieder öffnet sich die Ladentür. Ein Vater kommt herein, der eine Hose für seinen Sohn braucht. Er weiß genau, was er will. Christiane Orywal weiß es auch. Schnell wird ein passendes Stück hervorgezogen, für gut befunden, gekauft. „Bis bald, schöne Grüße daheim“, sagt Christiane Orywal zum Abschied. „Ja, bis bald“, antwortet er. So wie viele, die sich im „mjot“ verabschieden.

„mjot“ Friesenstraße 5, Kreuzberg, Tel. 62 90 13 46, mjot.de, Mo.-Fr. 11-18 Uhr, Sbd. 11-15 Uhr