Kiez auf Kulinarisch

Frisch gezapft im Rollberg

Neukölln ist ein trendiger Szene-Bezirk geworden mit legerer Landhausküche und Kuchen aus der Biokonditorei

Es ist noch gar nicht so lange her, da erntete man für ein: „Ich wohne in Neukölln“ erstaunt hochgezogene Augenbrauen und ein ungläubiges: „Im Ernst?“. Und dann meistens noch: „Auch noch mit Kindern? Ach du liebe Zeit.“ Manchmal brauchte das Gegenüber minutenlang, um sich von diesem Schock zu erholen.

Das ist jetzt ein bisschen anders. Statt Entsetzen gibt es nun ein anerkennendes „cool“. Oder: „Da war ich neulich auch mal aus.“ Aus dem Problemkiez, mit dem man vor allem Quartiersmanagement und Rütli-Schule verband, ist ein lebendiger Szene-Bezirk geworden – zumindest in Teilen. In der Weserstraße, im Norden Neuköllns, reiht sich eine Kneipe an die andere. Alle sehen so aus, wie der Berlin-Besucher sie sich vorstellt: lässig, ein bisschen abgeranzt, hippes Publikum. „Kreuzkölln“ wird diese Ecke genannt, an der Kreuzberg und Neukölln aufeinander treffen.

Hier, in diesem Bereich zwischen Landwehrkanal und Sonnenallee, hat sich in den vergangen Jahren unheimlich viel getan. Die Stampe ist aus dem Stadtbild praktisch verschwunden, stattdessen gibt es Galerien, Cafés, Bars, Klubs. „Genau so habe ich mir Berlin vorgestellt“, sagt Camilla, 24, Studentin aus Italien begeistert. „Hier gibt es noch diesen ganz besonderen Berlin-Style.“ Anwohner, die diesen Kiez schon vor längerer Zeit für sich entdeckt haben, sind nicht ganz so euphorisch. Laut sei es geworden, vor allem nachts, sagen einige. Und auch teuer.

Nur ein paar hundert Meter weiter, an der Karl-Marx-Straße, betritt man durch eine Toreinfahrt das Café Rix im Saalbau Neukölln (Karl-Marx-Sraße 141). Im Sommer kann man in diesem Hof gemütlich draußen sitzen – obwohl die trubelige Karl-Marx-Straße nur wenige Schritte entfernt ist. Der hippe Kreuzköllner Chic mit rohem Mauerwerk und Flohmarkt-Möbeln ist hier noch nicht angekommen. Die Decke ist mit opulentem goldenen Stuck verziert, eine Atmosphäre irgendwo zwischen Kaffeehaus und Kneipe. Ab 9 Uhr morgens gibt es reichhaltige Frühstücke. Ab mittags warme Gerichte: Standards wie Wiener Schnitzel (12,50 Euro), Ofenkartoffel (6,50 Euro) und verschiedene Salate.

Aber auch wechselnde Gerichte von einer Tafel. Ausgeschenkt wird Rollberg-Bier, gebraut in Neukölln. Ein süffiges Bier, wahlweise in „hell“ (2,40 Euro) oder „rot“ (2,70 Euro, ungefiltert und Bio). Wirklich lohnen tut sich das Brunchbuffett an Sonn- und Feiertagen (8 Euro pro Person, unbedingt reservieren).

Genau so schön ist natürlich ein gemütliches Frühstück zu Hause. Bäckereien gibt es in Neukölln an jeder Ecke. Aber wer sich aber am Wochenende mal etwas Besonderes gönnen möchte, sollte sich nicht scheuen, den Weg bis zum Britzer Damm 100 zurückzulegen. Dort lockt die Biokonditorei „Tillmann“ mit frischen Brötchen, duftendem Vollkornbrot und köstlichen Kuchen.

Aber auch der Kuchen in der Info-Station (Fritz-Reuter-Allee 44), mitten in der denkmalgeschützten Hufeisensiedlung, brauchen sich nicht zu verstecken. Das schlicht aber gemütlich eingerichtete Café mit dem für die 20er Jahre so typischen Schachbrett-Boden gibt es erst seit einem knappen Jahr. Es ist der Treffpunkt für die Bewohner der Siedlung, aber auch für Besucher, die sich das Berliner Weltkulturerbe anschauen möchten. In den hinteren Räumen ist eine Ausstellung. Sie vermittelt einen Einblick in die Architektur und Geschichte der Siedlung und ist gleichzeitig auch eine typische Wohnung aus der Zeit der 20er Jahre mit original ausgestattetem Badezimmer und Küche.

Der Kaffee und der Kakao in der Info-Station sind gut – den Milchschaum ziert ein Hufeisen aus Schokolade, das Symbol der Siedlung. Elisabeth (9) und Lilli (10) haben sich für einen Streuselkuchen mit Lebkuchenherz entschieden. „Total lecker“, sagen sie. Die Kuchen sind selbstgebacken von den Bewohnern der Siedlung (1,50 Euro pro Stück). Da das Café ehrenamtlich von Mitgliedern des Fördervereins betrieben wird, ist es nur an zwei Nachmittagen in der Woche geöffnet (ab April am Freitag von 13 bis 17 Uhr und am Sonntag von 15 bis 19 Uhr).

Kein richtiger Geheimtipp mehr ist das Restaurant von Matthias Buchholz auf dem Gutshof Britz (Alt-Britz 81) – wahrscheinlich ist es einfach zu gut, um geheim zu bleiben. „Legere Landhausküche“ heißt das Konzept des ehemaligen Chefs aus dem „First Floor“. Vor allem ab April, wenn der Garten wieder geöffnet ist, ist das Restaurant ein Tipp für die ganze Familie. Die Kinder haben viel Platz, um auf dem Gutshof zwischen Pferden und anderen Nutztierrassen herumzutoben, während die Eltern im lauschigen Restaurantgarten durchgehend warme Küche genießen können. Drinnen ist es eleganter - aber auch kinderfreundlich. Meine neunjährige Tochter studierte die Karte sorgfältig („Marinierter Kalbskopf mit Linsensalat, geräuchertem Aal und Quittenchutney“ für 16,50 Euro). Ein bisschen hilflos sagte sie zu der wartenden Bedienung: „Ich weiß noch nicht so richtig.“ Diese daraufhin (lachend): „Wie wäre es mit richtig leckerem Kartoffelpüree und Soße?“ Ein Volltreffer.