Drama

Ich kann’s noch, ich zähle noch

Sensibler Film über eine junge Frau, die den Kampf gegen Krebs antritt: „Heute bin ich blond“

Jetzt fängt das Leben richtig an!“ jubelt Sophie. Es ist Silvester, im neuen Jahr will sie mit ihrer besten Freundin zusammen ziehen, nach Indonesien in den Urlaub fahren und „richtig guten Sex“ haben. Doch Sophies Leben droht zu enden, noch bevor es richtig angefangen hat. Ein Tumor hat sich in ihrer Lunge ausgebreitet. Sophie ist 21 und hat Krebs.

In letzter Zeit hat sich die Populärkultur viel mit dem Thema Krebs beschäftigt, in Filmen wie „Ob ihr wollt oder nicht!“, „50/50“ und Fernsehserien wie „Breaking Bad“ oder „The Big C“. Das ist kein Wunder, die Krankheit ist allgegenwärtig, in der westlichen Welt stirbt inzwischen jeder zweite Mann und jede dritte Frau an den Folgen von Krebs. Der Onkologie Siddhartha Mukherjee hat Krebs in seinem Buch „Der König aller Krankheiten“ gar als die Krankheit der Moderne bezeichnet. Zum einen, weil Kunststoffe in der Umwelt und eine immer höhere Lebenserwartung die Krebsraten steigen lassen, zum anderen, weil die Metaphern der Krankheit so modern sind: „Es ist eine Krankheit der Überproduktion, des Wachstums“.

Die meisten Filme über Krebs folgen weniger der Logik der Krankheit als den Regeln der Unterhaltungsindustrie. Die Betroffenen sind jung und schön, meist haben sie nur geringe Überlebenschancen, aber die Verzweiflung und die Schmerzen werden völlig verharmlost. Ein bisschen übel, ein bisschen blass, aber bloß nicht zu schlecht aussehen dabei. Die Krankheit wird in etwas Positives umgemünzt, etwas, dass das Leben der Protagonisten bereichert – selbst wenn sie am Ende sterben. Endlich lernen sie wahre Liebe kennen, endlich können sie ihr Leben genießen. Das kann Mut machen, kann aber auch ganz schön zynisch wirken: schöner leben mit Krebs.

Auch „Heute bin ich blond“ folgt im Kern dieser Logik. Es ist eine Erfolgsgeschichte um eine junge, hübsche Protagonistin, eine, wie der Verleih den Film bewirbt, „Liebeserklärung an das Leben“. Dass der Film trotzdem nicht zynisch ist, hat mehrere Gründe. Zum einen basiert er auf der wahren Geschichte der auch in Wirklichkeit sehr hübschen jungen Niederländerin Sophie van Strap. Zum anderen behauptet der Film nicht, Sophie (Lisa Tomaschewsky) lerne das Leben erst durch den Krebs genießen. Dass sie es vorher schon geliebt hat, daran lässt die Exposition des Films keinen Zweifel. Die Diagnose bricht mitten in das pralle Leben.

Außerdem geht der Film, der zwischen Drama und Komödie angelegt ist, zwar nie dahin, wo es richtig weh tut, aber er nimmt die Krankheit doch ernst. Nicht nur Sophies Fassungslosigkeit über die Diagnose, auch die Verzweiflung und Hilflosigkeit ihrer Familie werden gezeigt. Der Film lässt Sophie Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen und gibt dem Zuschauer Raum für eigene Überlegungen.

Eine Szene zeigt besonders eindringlich, wie Sophie jeden kleinen Sieg über die Krankheit schwer erkämpfen muss und immer wieder Rückschläge erlebt. Sophie hat sich die Haare abrasiert, selbstbewusst marschiert sie mit ihrer Glatze ins Krankenhaus. Doch ihr anfangs noch triumphaler Gesichtsausdruck weicht immer mehr Verunsicherung. Sophie spürt die Blicke der anderen, deren Entsetzen und Mitleid. Die Glatze wird vom Zeichen des Selbstbewusstseins zum Stigma der Krankheit. Schließlich bricht Sophie weinend zusammen.

Nur langsam erobert sich Sophie ihr Leben zurück, sie geht aus, trifft sich mit Männern. „Ich kann’s noch. Ich zähle noch, ich bin noch attraktiv“, freut sie sich so naiv wie verständlich über einen geglückten Anmachversuch. Die Krebserkrankung wird auch zu einem Spiel mit ihrer Identität, einem Selbstfindungsprozess. Sophie kauft neun verschiedene Perücken, denen sie Namen gibt und bestimmte Charaktereigenschaften zuordnet: Blondie ist tough und liest Satre, die rothaarige Sue nimmt sich, was sie will, Oema geht gerne aus. Außerdem findet Sophie ihre eigene Stimme und Worte für ihre Krankheit, die sie in einem Blog aufschreibt. Aus dem Blog ist das Buch entstanden, das nun Vorlage ist für diesen Film.

Es ist ein mühsamer Kampf, aber am Ende wird Sophie ihn doch gewinnen. Das macht wirklich Mut.

Drama: B/Can/F 2013, 98 min., von David Lambert, mit Guillaume Gouix, Matila Malliarakis

++++-