Drama

Verlustängste und Machtspielchen

Bei dieser Beziehungsgeschichte ist es nicht so wichtig, dass sie zwischen Männern spielt: „Jenseits der Mauern“

Eine nächtliche Begegnung, die alles verändert. Paulo, der junge Pianist, feiert mit seiner Clique in einer Kneipe, lässt sich hemmungslos volllaufen und fühlt sich von den flirtigen Blicken des Barkeepers geschmeichelt. Filmriss. Am nächsten Morgen wacht er in dessen Bett auf. Und kann sich nicht erinnern, was in der durchzechten Nacht passiert ist mit Ilir, dem albanischstämmigen Kerl.

Dabei hat Paulo doch eine Freundin. Aber die ahnt längst, was los ist mit ihrem zarten, zunehmend abwesend wirkenden Freund. Nach einer weiteren Nacht, in der Paulo erst spät nach Hause kommt, nach Ausflüchten und eindeutigen Liebesschwüren, die sie auf seinem Handy entdeckt, schmeißt sie Paulo schließlich raus. Der steht kurz darauf mit Sack und Pack bei Ilir vor der Tür. Und der reagiert erst mal genervt von der anhänglichen Kurzaffäre, kann sich aber auch dem Charme des Jungen mit den weichen Augen nicht entziehen, der so verletzlich wie bestimmt verlangt: „Kümmer dich um mich.“

Sie beginnen eine Romanze, die mal vorsichtig abwartend, mal ungestüm und leidenschaftlich ist. Lange bleibt alles in der Schwebe, verspielt und vage. Bis sie eines Tages beschließen, zusammen zu bleiben. Weil sie zusammen gehören. Kurz darauf steigt Ilir in einen Zug und verlässt die Stadt. Paulo hört erst wieder von ihm, als er wegen Drogenschmuggels im Gefängnis sitzt. Verzweifelt versucht er sich damit zu arrangieren, seinen Fels in der Brandung über ein Jahr nur sporadisch sehen zu dürfen. Doch dann verbietet ihm Ilir, der weit mehr unter der den raren Stippvisiten leidet, als er zugeben würde, weitere Knastbesuche und stürzt den labilen Paulo damit in eine schwere Krise.

Das Regiedebüt des Belgiers David Lambert, der das Drehbuch bei einem längeren Berlinaufenthalt schrieb, ist der jüngste einer noch kleinen Reihe schwuler Beziehungsfilme wie „Weekend“ oder zuletzt „Keep the Lights On“. Ihnen geht es nicht mehr um große Botschaften und Themen wie Coming-Out, HIV oder gesellschaftlicher Gleichberechtigung. Sie sind post-emanzipatorisch, quasi jenseits der Mauer sexueller Abgrenzungen, und erzählen stattdessen intim, komplex und mit emotionaler Tiefe, wie sich zwei Menschen verlieben und kennenlernen, mit allem, was da so an Vertrauen und Nähe, aber auch an Verlustängsten und Machtspielchen dazugehört.

Die Tatsache, dass es sich bei dem Paar in „Jenseits der Mauern“ um zwei Männer handelt, ist zumindest innerhalb des Films recht nebensächlich. Vielmehr treten hier in der Darstellung einer Beziehung jenseits festgefahrener Rollenmodelle viel deutlicher die Mechanismen zutage, die uns in der Liebe immer wieder begegnen. Ob hetero- oder homosexuell. David Lambert ist damit auch dank der beiden exzellenten Hauptdarsteller Guillaume Gouix und Matila Malliarakis ein großartiges, authentisches Liebesdrama auf der Höhe der Zeit gelungen.

Drama: B/Can/F 2013, 98 min., von David Lambert, mit Guillaume Gouix, Matila Malliarakis

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