Kulturmacher

Das Herz der Edisonhöfe

Seit 1996 leitet der gebürtige Niederländer John Kunkeler den Jazzclub Schlot. Er hat vor allem ein Auge auf die Förderung des Nachwuchses in der hauseigenen Musikschule

Wer heute die Kastanienallee in Prenzlauer Berg entlanggeht, mag es kaum mehr glauben. Doch irgendwo hier zwängten sich in den wilden 90er-Jahren regelmäßig Dutzende Menschen in einem heruntergekommenen Fabrikbau in einen völlig verqualmten kleinen Raum, um Jamsessions und Jazzkonzerte zu erleben. Hier begann die Geschichte des Schlot, typisches Produkt jener Zeit, als in den ehemaligen Künstlerbezirken Ost-Berlins so vieles so einfach war.

Die Jamsessions damals waren hochkarätige Events. „Das lag daran“, erklärt Schlot-Chef John Kunkeler, „dass in anderen Städten längst etablierte Musiker plötzlich nach Berlin zogen und hier Anschluss und neue Bandprojekte suchten – und dafür eben zu den Sessions kamen.“ Seit 1996 sitzt der gebürtige Niederländer am Schlot-Ruder, nachdem er den Laden drei Jahre nach dessen Gründung übernommen hatte. „Der junge Herr an der Bar ist übrigens mein Sohn“, lässt John Kunkeler wissen, das Schlot ist quasi ein Familienbetrieb, und Junior Piet setzt sich gern dazu.

Kunkeler kam schon 1970 als Student nach West-Berlin und ist geblieben, den typischen Holland-Akzent hat er aber bis heute nicht ganz abgelegt. Jahrelang arbeitete er als Französischlehrer an verschiedenen Berliner Schulen, doch nebenbei begann er in die Welt des Jazz einzutauchen. „Ich bekam 1972 einen Job als Betreuer bei den Berliner Jazzfesttagen“, erzählt er, „bis dahin hatte ich mehr keltische oder Folkmusik gehört.“ Die alten Festivalposter sind kultig gestylte grafische Kleinode und zieren heute die Clubwände.

Gesicht und Seele des Clubs

Seine Vergangenheit als nebenberuflicher Fahrer und Betreuer beim Jazzfest brachte Kunkeler viele Konzertbesuche und beneidenswerte Begegnungen ein. „Ich habe alle im Auto gehabt, Miles Davis, Dizzy Gillespie, Archie Shepp, sogar Charlie Watts von den Rolling Stones hat mal bei den Jazztagen gespielt, und ich war für ihn zuständig.“ Die allmählich gesammelte Erfahrung und die spontane Chance, 1996 das „Café am Schlot“ zu übernehmen, mündeten in eine erfolgreiche Karriere als Jazzclubbetreiber. Bereits drei Jahre nach der Übernahme musste ein Umzug bewältigt werden, und im April 2000 öffneten sich die Türen zum neuen Domizil in den Edisonhöfen in Mitte, ein schickes Souterrain, das rund 200 Leuten Platz bietet. Kunkeler war immer Gesicht und Seele des Clubs, doch sein stiller Teilhaber im Hintergrund, Stefan Berker, ist als solventer Förderer nicht weniger wichtig für das Bestehen, besonders in finanziell schwierigen Zeiten.

Kennen gelernt hat Kunkeler seinen Kompagnon beim Marathonlaufen. Das ist seine zweite große Passion. Als junger Mann zählte der Jazzfan zu den schnellsten Läufern Berlins und trat regelmäßig an. Überhaupt ist der Berlin-Marathon nicht ganz unwesentlich sein Werk. Erstens hat er als offizieller Marathonstreckenvermesser die Strecke mitkonzipiert; „von Tokio bis Leipzig“ war er als Vermesser schon im Einsatz. Zweitens ist Kunkeler es, der jedes Jahr die Stimmungsmacher am Rande koordiniert, denn er bucht alle Bands, die entlang der Strecke aufspielen. „Es gibt viele Bewerbungen, und ich treffe sowohl die Auswahl der rund 80Bands als auch die Entscheidung, wer wo platziert wird.“

Kunkeler bemüht sich um ein vitales Programm im Schlot. Er hält nichts von der in der Jazzwelt mitunter einsetzenden Starre, von alten Hasen, denen der Nachwuchs bestenfalls egal, schlimmstenfalls ein Dorn im Auge ist. Kunkeler will eine lebendige Musikszene fördern, und für ihn schließt das die Offenheit für Neues ein. „Was uns ziemlich klar von anderen Berliner Jazzclubs unterscheidet, ist, dass wir vor allem junge Musiker spielen lassen und unbekannten Bands ein Forum bieten“, sagt Kunkeler. „Das geht bis zur Förderung der Allerjüngsten beim monatlichen Jazz for Kids.“ Da ist es nur konsequent, im Schlot nebenbei auch eine Musikschule zu betreiben. Tagsüber wird in den Nebenräumen oder auf der Clubbühne unter fachkundiger Anleitung getrommelt, geblasen und in die Tasten gehauen.

Kleiner Laden mit Riesenbühne

Eine Besonderheit des Clubs ist die im Verhältnis zur Raumgröße relativ große Bühne, auf der man bei Bedarf rund zwanzig Musiker unterbringen kann. „Wir sind fast schon so etwas wie das Berliner Asyl für Big Bands geworden“, erzählt Kunkeler, „denn im Clubkontext können die sonst praktisch nirgendwo mehr auftreten, immer nur in uncharmanten Hallen oder Open Air.“

Was das Publikum angeht, das ist so gemischt wie das Musikangebot vielschichtig. Für manch einen mag Jazz Jazz sein, doch wer sich ein wenig damit beschäftigt, merkt schnell, dass es eine riesige Vielfalt an Stilen gibt und demzufolge auch an persönlichen Vorlieben. Das Programm im Schlot umspannt die ganze Bandbreite – „außer Dixieland“ –, deswegen lässt sich das Publikum schwer über einen Kamm scheren. „Zu jedem Stil kommt eine unterschiedliche Klientel, beim Free Jazz sind das völlig andere Leute als wenn brave Standards gespielt werden oder wenn eine Big Band auftritt.“ Insgesamt macht das eine bunte Mischung, und „zum Glück“, wie Kunkeler sich freut, kommen viele junge Leute in den Club.

Keine Selbstverständlichkeit in einer Szene, die oft unter sich bleibt. „Daran krankt der Jazz leider“, so Kunkeler. Seit 15 Jahren versucht er dem entgegenzuwirken. Die jungen Musiker, die im „Schlot“ auftreten, sollen ihre Freunde mitbringen, und für die schmalen Geldbeutel bleibt es seit Jahren beim freien Eintritt an allen Montagen und Donnerstagen, an denen die Musiker aus einem an Spendentopf bezahlt werden.

Neidlos oder auch neidvoll müssen heute selbst anfänglich skeptische Berliner Jazz-Experten eingestehen, dass der Schlot eine erfolgreiche, unvergleichliche und auch unverzichtbare Institution des Berliner Jazzlebens geworden ist. „Alle wollen im Schlot spielen“, lacht Kunkeler, und selbst die einstmals härtesten Spötter unter den Musikern stehen heute Schlange, um auf die Bühne zu dürfen.