Kiez auf Kulinarisch

Mein Liebling in Kreuzberg

In unserer neuen Serie empfehlen Redakteure der Morgenpost vier Lokale in ihrem Kiez

Junge Männer mit Schnauzbart und Röhrenjeans, Mädchen mit Dutt mitten auf dem Kopf und nachlässig grau lackierten kurzen Fingernägeln. Und bedruckte Jutebeutel. Inszenierte Lässigkeit und Kreativität. Manchmal will ich das alles nicht. Manchmal suche ich Fluchten vor Kreuzberg in Kreuzberg. Dann gehe ich am Abend die Manteuffelstraße immer weiter gen Norden, lasse den Görlitzer Bahnhof und die angesagte Kneipenszene hinter mir. Die Straße wird dann ein bisschen dunkler, die sanierten Altbauten weniger. Und an der Ecke Wrangelstraße leuchtet rötlich eine Bier-Reklame von der Hauswand. Der Stadtkrug, das ist mein Ziel.

Am Abend ein Augustiner

Hier stellt mir der Wirt das perfekt gezapfte Pils mit einem freundlichen „Wohlsein!“ auf den mit kleinen Decken und Blümchen dekorierten blanken Holztisch. Ein Trinkspruch, den meine Generation sonst allenfalls noch aus einem Loriot-Sketch kennt. Und Lokale wie den Stadtkrug aus einem Schimanski-„Tatort“ der frühen 80er-Jahre. Im Stadtkrug wird Schultheiß ausgeschenkt und kein hippes Augustiner. Hier hängt ein Spielautomat an der Eingangstür, ein paar „Eisern Union“-Devotionalien an den Wänden und kupferfarbene Lampenschirme mit Blumendekor über den Tischen. Alles ist liebevoll gepflegt und erfrischend unmodern. Und auf der Damentoilette duftet es nach einer Seife, die meine geliebte Oma immer benutzt hat. Im Stadtkrug kann man ganz entspannt mit Freunden Doppelkopf spielen oder Bundesliga gucken. Und dazu die besten Bratkartoffeln mit Spiegelei essen, die Berlin zu bieten hat.

Morgens zu Matilda

Dann der nächste Morgen. Wochenende. Ausschlafen. Frühstück. Für einen schönen, faulen Sonnabendmorgen braucht man eines dieser hübschen Cafés, wie sie in den letzten Jahren zwischen Oranienplatz und Urbankiez vielfach eröffnet wurden. Orte mit klingenden, verspielten Namen, Mobiliar aus den 50er-Jahren und Kaffee mit feinstem Milchschaum. Genau der angesagte Mainstream, den ich am Abend zuvor im Stadtkrug noch vehement abgelehnt habe. Aber Kreuzberg steht doch für Brüche, oder nicht?

Das Matilda in der Graefestraße ist besonders gemütlich. Ein kleines Café, das sich montagabends in ein kleines Kino und donnerstags in einen Bingo-Salon verwandelt. Am Fenster ist ein Platz vor der dunkelgrünen Wand und der großen Gute-Stube-Stehlampe frei. Von hier aus kann man das Treiben auf der Straße zwischen Second Hand-Kinderbekleidungsgeschäften, Biolebensmitteln und Designmöbeln beobachten. Im Graefekiez mit seinen schönen alten Häusern und seiner Nähe zu Landwehrkanal, Nachtleben und Stadtzentrum steigen die Mieten derzeit so schnell wie sonst nirgendwo in Berlin.

Eine übersichtliche, aber anständige Auswahl von fünf Frühstücksvariationen bietet das Matilda, dazu diverse Extras vom italienischen Landschinken bis zum Cranberry-Kürbiskernmüsli. Das „Matilda klein“ kann ich gut empfehlen: Lachs mit Meerrettich, Mozzarella mit Tomaten und lecker nussigem Pesto, Käse, Bio-Ei und ein kleiner Obstsalat. Dazu ein knackiges Brötchen und Vollkornbrot. Für sieben Euro. Passend zum Vintage-Mobiliar läuft Vintage-Musik von Elvis. In der Ecke neben der mit rohen alten Holzbrettern verkleideten Bar lockt die Kuchenauswahl in einer Vitrine. Hausgemachter Bienenstich, Mandarine-Sahne oder Pflaumen-Streuselkuchen.

Mittags in den Mikrokosmos

Mit vollem Bauch geht es weiter durch den Kiez. Zum Beispiel kann man die Graefestraße gen Süden hinunter laufen und die Antiquitätengeschäften an der Urbanstraße besuchen. Und in einem großen Bogen durch Kreuzkölln Richtung Heinrichplatz spazieren. Dort angelangt hat man dann pünktlich zum Mittag wieder Appetit bekommen. Der Heinrichplatz als Mikrokosmos biete die ganze kulinarische Bandbreite Kreuzbergs ab. Burger, Sushi, Pizza, Börek, Naturkost. Ich habe Appetit auf knusprige Hähnchenbrustspieße mit Mangochutney und gegrilltem Gemüse. Die Rote Harfe hat dieses Gericht für 10,80 Euro auf der Speisekarte. Auch hausgemachte Nuss-Spätzle oder Steak. Die Karte ist bunt, ein bisschen deutsch, ein bisschen mediterran, und saisonal wechselnd. Die Rote Harfe ist bereits seit den 70er-Jahren eine Institution im Kiez. Auf der Internetseite trägt das Haus stolz die manchmal auch von Polizeiaktionen in den unruhigen Zeiten Kreuzbergs begleitete Historie zur Schau. Daran erinnert im Restaurant jedoch sonst nichts. Die Einrichtung ist modern reduziert auf helle Holzmöbel, die Wände sind bedeckt mit abstrakten Ölgemälden eines Berlin-Instanbuler Künstlers. Heute sitzen mittags Touristen an den Plätzen in der Sonne, studieren den Stadtplan, stärken sich für die Einkaufstour entlang der Oranienstraße.

Wer eine solche Tour durch Kreuzberg plant, gerade wenn man Berlin-Besucher zu Gast hat, sollte für den Abend einen Tisch im Defne am Planufer reservieren. Im Sommer kann man hier mit Blick auf den Landwehrkanal unter bunten Lampen draußen essen, in kälteren Zeiten genieße ich das orientalische Flair der ockerfarbenen Deckengewölbe und gemusterten Bodenfliesen in dem kleinen Restaurant, das nach der Bergnymphe in der griechischen Mythologie benannt ist.

Ein Imam in Ohnmacht

Sagenhaft sind auch die Namen der Gerichte im Defne, vom Geschmack ganz zu schweigen. Empfehlenswert ist etwa die vegetarisch gefüllte Aubergine mit Bulgur namens „Der Imam fällt in Ohnmacht“ (8,60 Euro), das „Dampfende Huhn“ – Geschnetzeltes in der Eisenpfanne. Oder das „wohlerzogene Lamm vom Spieß“ (11,90 Euro). Und dringend den Vorspeisenteller des Hauses probieren! Und spät am Abend dann am Wasser entlang durch das nächtliche Kreuzberg nach Hause laufen.

Autorin Christina Brüning empfiehlt „Dampfendes Huhn“ im Defne am Landwehrkanal und das Frühstück „Kleine Matilda“ im Graefekiez