Kiez auf Kulinarisch

Für Besseresser

Die neue Serie: Redakteure der Berliner Morgenpost stellen ihren Kiez gastronomisch vor. Heute: Friedenau

Enge ist ungemütlich. Wie bitte? Ungemütlich? Genau das Gegenteil trifft zu. Jedenfalls in meinem wahrlich engen Friedenau. Das Anhängsel im Westen von Schöneberg-Tempelhof, das frech nach Wilmersdorf und Steglitz hineinragt, soll der am dichtesten besiedelte Kiez der Hauptstadt sein. Mag sein. Vor allem aber sind die Altbauten und vielen schmalen Straßen schlicht urgemütlich. Was natürlich nicht zuletzt an den vielen Lokalen und kleinen Geschäften liegt, die sich hier etabliert haben. Gewiss ist ihre absolute Zahl nicht so hoch wie in Friedrichshain oder Charlottenburg, wo ich vor Friedenau gewohnt habe. Aber gefühlt ist die Auswahl mindestens genauso gut. Der Kiezpatriot in mir flüstert sogleich: besser.

Das Ei den Profis überlassen

Frühstück mag ich zu (fast) jeder Zeit. Am liebsten in der Hauptstraße 85, im Tomasa. Noch nie habe ich es erlebt, dass mir hier keine leckere und immer ansehnlich arrangierte Auswahl serviert worden wäre. Wenn ich mir hier zum Beispiel Eier im Glas mit Schnittlauch und Toast gönne. Zuhause ist mir diese Variante so oft misslungen, dass ich es längst aufgegeben habe, das Ei selbst zu machen. Lieber überlasse ich das professionellen Köchen.

Ende März wird Inhaber Jens Kunkel sein Lokal für fünf Tage schließen. Das Tomasa bekommt einen neuen Namen („Grimms“) sowie ein überarbeitetes Design und eine neue Speisekarte. Vor allem leichter soll die Küche werden, sagt Jens Kunkel. Mit mehr hausgemachten Marmeladen und Kuchen. Die Preise will er dagegen stabil halten. Seine bisherigen und künftigen Stammkunden werden es ihm danken.

Rathaus-Kuchen

Was meinen Tee angeht, bin ich eigen. Der wird immer und ausschließlich eigenhändig gebrüht. Auswärts trinke ich deshalb nur Kaffee, in all seinen verschiedenen Varianten. Wenn mir aber der Sinn nach leckerem Kuchen zur Tea-Time steht, mache ich gerne einen Abstecher zum Rathaus Friedenau, genauer: zu Frau Behrens Torten genau gegenüber. Viktoria Fernandez und Jesco Neugebauer haben hier ein Eldorado für Konditorei-Liebhaber geschaffen. Mindestens 20 verschiedene Kuchen und Torten, ausnahmslos hausgemacht, sind täglich im Angebot. Außerdem Kekse und die sensationell guten Florentiner. Die Walnusstarte habe ich so ins Herz geschlossen, dass ich das kleine Eckgeschäft nie ohne ein Stück wieder verlasse – es sei denn, sie war schon ausverkauft oder an diesem Tag gar nicht im Angebot. Gleich sechs Konditoren schaffen täglich neu eine Auswahl aus mehr als 100 traditionellen Rezepten und eigenen Varianten. Jede einzelne Kreation ist so knackfrisch, dass man manches Stück ruhig einen Tag vor dem geplanten Verzehr besorgen sollte. „Daheim im Kühlschrank zieht die Crème dann noch einmal richtig durch“, sagt Jesco Neugebauer. Leckerer geht nicht.

Ganz gleich, wie gut sortiert der eigene Weinkeller ist: Jeder Genießer kennt das Problem, die passende Flasche gerade nicht zur Hand zu haben. Wenn sich zum Beispiel kurzfristig Freunde angesagt haben, um auf etwas anzustoßen – und ärgerlicherweise kein Prosecco im Kühlschrank liegt. Oder wenn man eigentlich Lust verspürt, Fisch zuzubereiten – aber der vermeintlich bereitliegende frische Sauvignon Blanc aus dem Friaul sich als saftiger Chardonnay entpuppt.

Klein, aber kompetent

In solchen Fällen bin ich froh, dass nur gut 100 Meter von meiner Haustür das Rot & Weiß entfernt liegt. Ein kleines, aber kompetentes Fachgeschäft mit Öffnungszeiten bis 20 Uhr. Etwa 240 Weine sind im Angebot, breit gestreut aus Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und dem Rest der Welt. Der Schwerpunkt liegt hier nicht auf bekannten Winzern, sondern auf kleinen Weingütern. Entsprechend moderat sind die Preise, sogar für den einen oder anderen Rotwein in der Magnum, mit der ich ganz gerne mal Gäste beeindrucke.

Im Rot & Weiß-Klimaschrank liegen immer genügend Weißweine, Spumantes und Champagner parat, um selbst beim Einkauf kurz vor Ladenschluss die Zeit zu überbrücken, bis der eigene Kühlschrank weitere Flaschen aus dem normalen Lager auf Trinktemperatur gebracht hat. Zugegeben: Ich merke mir viele der Tipps der stets freundlichen Mitarbeiter nicht namentlich, sondern frage schlicht. Nach dem wirklich leckeren Weißwein mit dem Stachelschwein auf dem Etikett zum Beispiel. Im Moment ist der allerdings ausverkauft – irgendwie verstehe ich, warum.

Berufung statt Beruf

Wenn ich abends privat ausgehen will, zieht es mich überdurchschnittlich häufig in die Rheinstraße an der Kaisereiche. Denn niemand in Friedenau lebt das Grundprinzip guter Gastronomie selbstverständlicher als Giovanni Tarallo, der Wirt des Brigantino. Für ihn ist es kein Beruf, sein Lokal zu führen, sondern eine Berufung. Natürlich sind die Zutaten frisch, die Rezepte lecker. Aber was dieses kleine Lokal abhebt von den vielen anderen Italienern in Berlin, ist die persönliche Betreuung. Giovanni ist ein Kümmerer. Am besten verlässt man sich auf seine Empfehlung. Besondere Stärke des Brigantino ist die Pasta, besonders die hausgemachte gefüllte. Oder, zur jetzt gerade auslaufenden Saison, Fettucine mit Parmesan und etwas frischem Trüffel. Giovanni braucht dazu keine Waage, er hat die richtige Menge im Gefühl. Dazu sein frischer weißer Hauswein – viel angenehmer kann man einen Abend nach einem solchen Tag kaum ausklingen lassen.

Autor Sven Felix Kellerhoff empfiehlt Walnuss-tarte von Frau Behrens Torten und Pasta im Brigantino