Fanatsy

Der Scharlatan ist wieder unterwegs

Gut gestartet, konventionell weiter gemacht: „Die fantastische Welt von Oz“ bleibt unter seinen Möglichkeiten

Goodbye Yellow Brick Road: Elton Johns Lied über eine Flucht aus dem Penthouse, zurück zu Pflug und Farm, ist nur eine von vielen Variationen derselben Geschichte: Nie bekam man genug von L. Frank Baums Kinderklassiker um den Weg der kleinen Dorothy aus Kansas zum großen Zauberer von Oz, der doch nur ein bedauernswerter Scharlatan ist. Alle Antworten, die sich das Mädchen von dem Magier erhofft, hat es auf dem steinig-gelben Weg zu ihm bereits gefunden.

Unsterblich blieben bei „The Wizard of Oz“ („Das zauberhafte Land“) vor allem die liebenswerten Reisegefährten: Sie erhoffen sich vor allem Heilung von ihren Minderwertigkeitskomplexen: Die Vogelscheuche, die glaubt kein Gehirn zu besitzen. Der Zinnmann, der an Stelle eines Herzens nur ein Hohlraum verspürt. Und der furchtsame Löwe, eine Schande der Raubkatzenzunft. Längst hat man den Hexen ein eigenes Musical gewidmet. Nur die ominöse Titelfigur schien nie wirkliche Fans zu besitzen.

Das möchte Hollywoodregisseur Sam Raimi nun ändern: „Oz the Mighty and Powerful“ nennt er seine Annäherung an den Mythos voller Respekt vor dem verkannten Magier. Das Schönste ist der schwarzweiße Anfang: Schwelgerisch-künstliche Studiolandschaften führen ins Kansas der Jahrhundertwende, wo James Franco als Zauberkünstler Oz alle Mühe hat, den Bauernschlauen ein X für ein U vorzumachen. Als der Frauenheld wieder mal flüchten muss, gerät sein Ballon in einen Tornado von derselben Sorte, der später Judy Garlands Dorothy über den Regenbogen tragen wird. Angekommen im „zauberhaften Land“ wird die Leinwand farbig und das Normalformat vorsichtig zur vollen Breite von digitalem Cinemascope aufgezogen.

Nach einer guten Viertelstunde ist Disneys 200-Millionen-Dollar-Produktion dort angekommen, wo die Erwartung am größten ist. Oz, dem Zauberer, lässt sich nur zu gern von drei liebenswerten Hexen (Mila Kunis, Rachel Weisz, Michelle Williams) verkünden, der lange erwartete Heilsbringer zu sein. Wie er echte Hexen mit falschem Zauber überzeugen will, wo doch schon die guten Leute von Kansas misstrauisch wurden, bleibt erst mal sein Geheimnis. Eine der Hexen allerdings spielt ebenfalls mit gezinkten Karten. Sie kommt aus dem Westen.

Nur zu gern macht sich der narzisstische Showman auf den verschlungen, gelben Weg zu jenem smaragdfarbenen Art-Deco-Schloss, das man für eine originale Hinterlassenschaft des Klassikers von 1939 halten möchte. Tatsächlich wiederholt nun auch die Dramaturgie, die den ehrgeizigen Wanderer mit hilfsbedürftigen Reisegefährten – einer Porzellanpuppe, einen fliegenden Affen – ausstattet, die Vorlage überdeutlich. Noch in der Mitte des Films wirkt der Ansatz der Paraphrase durchaus stimmig als durchaus geistreiche Auseinandersetzung mit dem Thema Scharlatanerie. Dann allerdings verfranst sich die Geschichte auf den 130 Reiseminuten zusehends. Immer deutlicher wird die Gewissheit, dass es für die Hauptfigur keine wirkliche Entwicklung geben kann – denn schließlich muss am Ende der Ausgangspunkt der altbekannten Geschichte stehen.

Vertont von Danny Elfman, rächt sich der kunstvoll evozierte Reiz des Falschen schließlich dergestalt, dass man „Die fantastische Welt von Oz“ nur noch für einen unechten Tim-Burton-Film hält – und sich etwas von jenem kunstvollen Spiel mit Filmzitaten wünscht, das dessen „Frankenweenie“ gerade zu so einem Genuss gemacht hat.

Und je tiefer man in die Produktionsgeschichte dieses Films hineintaucht, so sehr verstärkt sich die Gewissheit, in einen noch immer ansehnlichen, aber dennoch falschen Film geraten zu sein: Ursprünglich sollte nämlich nicht James Franco, sondern Christoph Waltz die Hauptrolle spielen – das hätte man doch gern gesehen. Und dafür auch gern auf die Abspann-Sängerin Mariah Carey verzichtet: „Almost Home“, heißt ihre Replik auf Judy Garlands „Over the Rainbow“. Da wäre man doch lieber gleich in Kansas geblieben, wo dieser Film so wunderschön begonnen hat.

Fanatsy: USA 2012, 130 min., von Sam Raimi, mit James Franco Mila Kunis, Michaelle William, Rachel Weisz, Zach Braff

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