Berliner Perlen

Mit Killer-Instinkt

Geht es um Verbrechen, kennt sich Cornelia Hüppe-Binder bestens aus. In ihrer Charlottenburger Krimibuchhandlung verkauft sie jene Lektüre, die sie auch privat am liebsten liest

Wie ein Brennpunkt des Verbrechens sieht dieser Ort nicht gerade aus. Fotografien und Plakate von Autorenlesungen bedecken die Wände. Links vom Eingang dampft Tee vor einem einladenden roten Sofa. In der Ecke gegenüber zeugen Urlaubsgrüße aus aller Welt von erfüllten Lesestunden zufriedener Bücherfreunde.

Leichen sind nirgends zu entdecken in dieser Kulisse literaturdurchtränkter Gemütlichkeit. Dabei gibt es sie. Hundertfach, vielleicht tausendfach. Verdeckt von Buchdeckeln wird erpresst und erwürgt, werden Magazine leer gefeuert und Flüchtende gejagt. George Simenon und Agatha Christie, Jean-Claude Izzo und Sjöwall-Wahlöö, Harlan Coben und Manuel Vazquez Montalban: Es gibt kaum einen großen Krimiautor, der bei Cornelia Hüppe-Binder nicht schon einmal über den Ladentisch gegangen ist oder gar seinen Stammplatz im Regal hat.

Rund 50 Neuerscheinungen pro Monat, vom Detektiv-Klassiker bis zum Thriller, finden Freunde der Spannungsliteratur daneben in den raumhohen Regalen des kleinen Charlottenburger Ladens. Für Lokalkolorit stehen Regionalkrimis von Elisabeth Herrmann (Berlin) bis Jörg Maurer (Voralpenland).

2002 hatte Hüppe-Binder, gelernte Buchhändlerin und vor der Geschäftsgründung jahrelang angestellte Betriebswirtin, sich ihren Traum erfüllt. „Ich wollte immer zurück in den Buchhandel“, sagt die heute 49-Jährige. Als Studentin im bayerischen Passau hatte sie derart viel Zeit in einen Job in der dortigen Universitätsbuchhandlung investiert, dass ihr Chef sie fragte, ob sie eigentlich noch studiere. Eine Geschäftsgründung im hart umkämpften Buchhandel aber, das wusste Hüppe-Binder, konnte nur in einer Nische gelingen. „Krimis habe ich selbst schon immer gern gelesen, den ersten mit acht oder neun Jahren: Die drei Fragezeichen.“

Rebellische Buchhändlerin

Im November vor zehn Jahren endlich, in der gerade eröffneten „Krimibuchhandlung Miss Marple“, war die gebürtige Bremerin erstmals von so vielen Kriminalromanen umgeben, wie sie sich nur wünschen konnte. Was sie in den ersten Tagen dagegen vermisste, waren die Kunden. Die nämlich strömten nicht gleich in ihr etwas versteckt liegendes Geschäft abseits der Kantstraße. Den ersten Adventssonnabend vergisst Hüppe-Binder nie: „Normalerweise ist das Hochsaison für uns. Aber machte an diesem Sonnabend nur 8,50 Euro Umsatz.“ Lediglich ein Buch hatte sie verkauft. „Aber das“, sagt Hüppe-Binder, „war ein Klassiker, Miss Marple in ,16 Uhr 50 ab Paddington‘.“ Sie nahm es als Zeichen der Hoffnung.

Die Geschäftsfrau schaltete Anzeigen und stritt sich mit dem Bezirksamt über ein vorragendes Firmenschild. Als das Bauamt nicht nachgeben wollte, schrieb sie einen Leserbrief. „Prompt berichteten alle Berliner Zeitungen über die rebellische Buchhändlerin“, sagt Cornelia Hüppe-Binder und lacht ihr häufiges, mitreißendes Lachen. „Das war die beste Werbung.“ Kunden klopften ihr auf die Schulter und sagten, sie solle sich nicht unterkriegen lassen. „Manche von denen kommen bis heute“, sagt Hüppe-Binder.

Das schafft sie nicht allein mit ihren rund 3500 Titeln, darunter bis zu 700 fremdsprachige und etwa 100 Jugendkriminalromane. Was die Konkurrenz zu den Filialisten ermöglicht, ist vor allem das Einstreuen kleiner Perlen. Junge Autoren unbekannter Verlage, Schriftsteller wie Emrah Serbes aus der Türkei. Als der Berliner Binooki-Verlag ihn auf Deutsch brachte, nahm Hüppe-Binder ihn gleich ins Sortiment – mit Erfolg. Auch Elisabeth Herrmann, deren Erstling „Das Kindermädchen“ heute Bestseller-Status hat, gab bei Cornelia Hüppe-Binder ihre Lesepremiere. Solche Autorenlesungen stehen einmal pro Monat auf dem Programm. Die nächste, für die noch Karten zu haben sind, ist im April mit dem Belgrad-Krimi „Kornblumenblau“ von Christian Schünemann und Jelena Volic. Der Eintritt kostet fünf Euro.

Jedes Mal erschrocken

Vor allem aber gibt es bei Miss Marple „eine Rundum-Betreuung“, sagt die Geschäftsinhaberin und lacht wieder laut und ansteckend: „Wer Hilfe sucht, dem weiche ich nicht mehr von der Seite.“ Mancher Ehemann, der seiner Frau einen Krimi schenken will, sieht sich da schon mal unerwartet vielen Fragen gegenüber. Unvermeidlich, weiß Hüppe-Binder doch zu praktisch jedem ihrer Bücher etwas zu sagen. Viele hat sie gelesen. Auf etliche Tausend summiere sich ihre Lektüre-Bilanz, sagt sie ohne Effekthascherei. Auch ihre Mutter, die montags den Laden betreut, wurde hier zum späten Krimifan.

Ganz selten immerhin passiert es, dass ein Kunde einen Autor nennt, den Hüppe-Binder nicht kennt. „Dann bin ich jedes Mal erschrocken und lese den sofort“, sagt sie. Den Drehbuchautor dagegen, der gerade eine amerikanische Krimireportage gekauft hat, hatte sie schon am Vortag eine Dreiviertelstunde beraten. „Ohne dass er da etwas mitgenommen hat“, sagt Geschäftsführerin Hüppe-Binder. Es gebe eben Kunden, die sehr anspruchsvoll seien. „Aber wenn die wiederkommen und sagen, ‚das war toll‘, dann ist das wie ein Sechser im Lotto.“

Krimibuchhandlung Miss Marple Weimarer Straße 17, Charlottenburg, Tel. 36 41 27 24, Mo. bis Fr. 10 bis 19 Uhr, Sbd. 10 bis 15 Uhr, krimi-marple.de