Drama

Kraftvolles Spannungsverhältnis

Eine Parabel auf den Scientology-Gründer, in dem Scientology nie genannt wird: „The Master“

So sehnig und ausgemergelt wie Joaquin Phoenix hier nach vier Jahren Spielfilmpause auftritt, mit gebeugtem Rücken, verspannter Haltung und kantigen Bewegungen, verkörpert er mit jeder Faser seiner Erscheinung die verlorene Unschuld des Nachkriegs-Amerika und eine brennende Sehnsucht nach Erlösung. So fügt er sich in die Reihe der einsamen Exzentriker, die in den Filmen von Paul Thomas Anderson auf einem schmalen Grat zwischen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitskomplex, Obsession und Wahn balancieren, auf ihrer Suche nach materiellem Reichtum und seelischem Heil.

Was Joaquin Phoenix hier als Freddie Quell vorführt, ist ein so erschütternder Grat von Zerrüttung und Verlorenheit, dass er die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit gefährlich verschwimmen lässt. Freddie Quell ist von den Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg gezeichnet, aber auch von den üblen Mischungen aus Fotochemikalien,, Benzin und Alkohol, mit denen er sich betäubt. Beim Rohrschachtest, mit dem die Ärzte den Schaden evaluieren wollen, sieht er in jedem Farbklecks nur „pussy“ und „cock“. am Strand treibt er es mit einer Frau, die seine Kumpels aus Sand geformt haben. In wenigen Szenen und genau komponierten Bildern skizziert Anderson das Klima im Nachkriegsamerika, mit der künstlich schönen Warenwelt und der Unruhe, die die Kriegsheimkehrer darin verbreiten. In 70 Millimeter-Format wird Freddie in der Weite des Raumes immer wieder zum einsamstem Mann des Universums.

Freddie hat Mühe, sich in den amerikanischen Alltag einzufinden, den Job als Fotograf verliert er so schnell wie den als Kohlpflücker. Doch dann stolpert er auf eine Party-Yacht und findet dort in Lancaster Dodd seinen Meister, einen Mann, der sich als Autor, Arzt, Nuklearphysiker und Philosoph vorstellt, schillernde Persönlichkeit und magnetisches Zentrum einer Schar von Jüngern, mit denen er an einer Heilslehre laboriert, die unverhohlene Ähnlichkeiten mit L. Ron Hubbards Dianetik hat.

Doch es geht Anderson nicht um eine Biografie des Scientology-Gründers, sondern eher um das Psychogramm einer Zeit. Wie zuvor die bunten 70er Jahre in „Boogie Nights“ und der Rausch des schwarzen Goldes Anfang des 20 Jahrhunderts in „There will be Blood“, lässt er jetzt die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg aufleben, ein Zeitklima, in dem die properen Oberflächen von düsteren Ängsten ausgehöhlt wurde.

In Freddie findet Lancaster Dodd ein ideales Versuchsobjekt für seine Theorien, doch zwischen den beiden entspinnt sich eine vielschichtige Beziehung, deren Kräfteverhältnisse sich unablässig neu ordnen. Sie sind zugleich Vater und Sohn, Lehrer und Schüler, Messias und Jünger,, Puppenspieler und Marionette. Als Liebesgeschichte zwischen zwei Männern beschrieb Anderson seinen Film, der von dem Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Schauspielern lebt.

Philip Seymour Hoffman, ein Schauspieler, der auch vor unappetitlichen Rollen nie zurückschreckt, spielt den Meister zugleich anziehend und abstoßend, mit schwammiger Physis und wässrigen Augen. Schon im rein äußerlichen Kontrast dazu bündelt der sehnig magere Joaquin Phoenix die unberechenbar gefährliche Getriebenheit, die schon in vielen seiner Rollen schlummerte, aber auch eine unendliche Verlorenheit. Es ist ein faszinierendes Schauspiel, den beiden zuzuschauen, wie minutiös sie zwischen Verehrung und Verachtung, Enttäuschung und Trotz aufeinander reagieren.

Man ahnt, dass dieser Lancaster für Anderson auch ein Seelenverwandter ist, der wie er selbst die Condition Humaine auf den Seziertisch legt. So wie der Meister im Lauf der Jahre und Veröffentlichungen seine Theorien weiterentwickelt, erschafft auch Paul Thomas Anderson ein filmisches Werk, in dem bekannte Motive und Konstellationen immer wieder neu variiert werden. Ein Werk, das, so ähnlich wie das von Kubrick, eine emotionale Kälte verströmt, einen aber nachhaltig aufwühlt.

Drama: USA 2012, 137 min., von Paul Thomas Anderson, mit Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Laura Dern

+++--