Musical

Große Gefühle im Pulverdampf

Der Musical-Erfolg „Les Misérables“ als großes Hollywoodepos. Und die Stars singen selbst

Das strebte zur Bühne und in die Sportstadien, das wollte als Musical singen und natürlich auch die Leinwand erobern.

Kein Zweifel, Victor Hugos 1862 veröffentlichte, dickleibig romantische Schwarte „Les Miserábles“ war publizistisch niemals elendig, sondern ein vielfach adaptierter Welterfolg. Es gab bisher allein 45 Verfilmungen, sogar in japanischen und ägyptischen Varianten, als Fernsehserie und als Trickfilm. Die ganze Menschheit will mitleiden und -lieben bei der sich über Jahrzehnten hinziehenden Jagd des Polizeiinspektors Javert auf den einstigen, inzwischen unter neuem Namen reputierlich lebenden Sträfling Jean Valjean.

Diese findet ihren Höhepunkt auf den Pariser Barrikaden der Julirevolte 1832. Erst müssen freilich die rebellischen Studenten und Marius‘ vergeblich liebende Éponie höchst melodramatisch sterben, bis Marius in den Armen der liebreizenden Cosette sein Happy End findet. Diese wiederum ist die Ziehtochter Valjeans, da ihre Mutter Fantine, die sich für sie sogar prostituierte, schon einige hundert Seiten früher ihr Leben ausgehaucht hat. Nachdem Valjean sogar seinem schlimmsten Feind Javert die Freiheit schenkt, stürzt sich dieser in die Seine – weil er den Glauben an eine irdische Gerechtigkeit verloren hat.

In ihrer verführerisch-populären Mischung aus epischer Schwere, Freiheitspathos und Kolportage eignen sich „Les Misérables“ unbedingt für ein Musical. Von so vielen großen Gefühlen lässt sich trefflich im Dauerstaccato schmettern. So kam 1980 die Pariser „Les Mis“-Uraufführung von Claude-Michel Schönberg und Alain Boubil, die 1985 noch mal für London überarbeitet wurde, gerade richtig. Sie wurde zur Hochzeit des vom Westend ausgehenden, nach der großen Oper schielenden durchkomponierten Musical-Booms zum einzigen ernsthaften Konkurrenten von dessen Vater Andrew Lloyd Webber und seinem „Phantom der Oper“. Beide Stücke konkurrieren seither um die Krone des kommerziellsten Hits.

Nur die 46. Verfilmung ließ auf sich warten. Nun hat es endlich geklappt, der betuliche Tom Hooper („The King’s Speech“) bekam den Regiezuschlag. Kein Fan wird enttäuscht sein, alles ist genauso wie auf dem Theater, nur noch viel digitalgrößer. Die Fluten des Meeres und der Abwasserkanäle rauschen, Ratten und menschliche Abfälle bevölkern die pittoresk gammeligen Elendsquartiere. Sepiabraun breiten sich die Pariser Stadtansichten aus, rot sprudelt unter dem Pulverdampf das Blut übers Pflaster. Mit acht wichtigen Nominierungen geht man sogar ins Oscar-Rennen.

Doch wie so oft: das moderne Filmmusical kommt mit seiner Künstlichkeit nicht wirklich zurecht. Zwar sind diesmal – bis auf den grässlich knödelnden Russell Crowe als Javert – singende Profis am Vokalwerk (die Éponie Samantha Barks verkörperte die Rolle sogar auf der Bühne), doch die mussten, anders als sonst üblich, nicht zum vorproduzierten Soundtrack die Lippen bewegen, sondern im Studio live singen.

Was sich oft dünn und komisch anhört und gar nicht sonderlich authentisch; selbst beim sonst auf der Bühne tollen, darstellerisch als Valjain grandios zähen Hugh Jackman. Einzig die ebenfalls professionell vorbelastete Anne Hathaway schafft es, als kurzgeschorene Fantine in ihrem hungerfeenhaft kurzen Zehnminutenauftritt nicht nur überzeugend zu sterben, sondern auch den „Les Mis“-Hit „I Dreamed a Dream“ so schön und anders zu singen, dass man die Augenbrauen von Susan Boyle endlich vergessen kann.

Auch Sommsprossenbeau Eddie Redmayne (Marius) und Amanda Seyfried (Cosette) kosen und küssen allerliebst, und als trittbrettfahrender Schankwirtabschaum wiederholen Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen als gossenmieses Ehepaar Ténadier einfach ihre entsprechenden Rollen aus Tim Burtons „Sweeney Todd“. Der dann eben doch souveräner aufzeigte, wie man einen Musicalklassiker werkgerecht formatieren und trotzdem für Kino originell neu aufbereiten kann.

Musical: USA 2012, 157 min., von Tom Hooper, mit Hugh Jackman, Colin Farrell, Anne Hathaway, Amanda Seyfried

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