Berliner Perlen

Hemmungslos glücklich

Im Atelier Cacao werden Schokoladenzutaten wie rare Kostbarkeiten ausgewählt und verarbeitet. Chefin Nina Engel sieht sich in der Tradition von Maya- und Aztekenkultur

Winterblues? Trübsal? Keine Chance! An der Linienstraße 139 bringt ein kleiner Laden mit gemütlichem Café glückliche Momente in triste Februar-Tage. Mit Schokolade. „Das ist der ultimative Glücklichmacher“, sagt Geschäftsführerin Nina Engel, die nicht nur den Kiez rund um das Oranienburger Tor mit der köstlichen Ware versorgt. Die Inhaltsstoffe der Kakaobohne seien für diesen Effekt verantwortlich: Mineralstoffe, Alkaloide wie Theobromin. „Sie aktivieren die selben Rezeptoren wie bei einem angenehmen Erlebnis, setzen Glückshormone frei“, sagt die 34-Jährige. „Von allen Süßigkeiten ist Schokolade am gesündesten. Für das Herz, den Kreislauf“, sagt Nina Engel. Ein Schokoriegel am Tag sei wie ein Gläschen Rotwein. Beim Genuss guter Schokolade bekomme der Körper, was er braucht.

Die ersten Kunden am Nachmittag unseres Besuches kommen kurz nach 13 Uhr. Sie erwarten am kunstvoll drapierten Tresen und in den Auslagen Torten, das Stück für 4,50 Euro, und Pralinen für 80 Cent. Zudem 100 Gramm leichte „Berliner Bärenkinder“ für 5,50 Euro und Schokoladentafeln für 4,95 Euro. Manch ein Besucher nimmt an einem der stilvollen Tischchen Platz. Ein junger Mann mit Laptop etwa. „Ins Internet kommt er aber damit hier nicht“, sagt Nina Engel. Junge Eltern dagegen scheinen bei ihr zu finden, was sie brauchen. Sichtlich beliebt ist bei ihnen das Atelier mit den vielen weichen Kissen und einer bunten Kinderspielecke im zweiten, größeren Café-Raum.

Meditatives Umrühren

„Schokolade macht hemmungslos“, sagt Nina Engel. Sie meint jene Eigenschaft der Kakaobohne, sowohl anregend als auch entspannend zu wirken. Amüsiert beobachte sie zuweilen, wie gestresste Gäste beim meditativen Umrühren einer „Schoki am Stiel“ anfangs noch ungeduldig darauf warten, dass sich ihr Kauf in der Milch auflöst, dann aber so im Genuss versinken, dass sie am Ende weder ihren Schoko-Schnurrbart bemerken, noch abwischen.

Auf Kontemplation folgt für manchen Kunden Tatendurst. Interessenten und angehenden Amateur-Schokolatiers bietet die ausgebildete Konditorin Schokoladen- und Pralinenkurse an. Diese finden in der firmeneigenen Manufaktur statt. Dort wird ausschließlich nach 100-prozentigem Bio-Konzept produziert. Es entstehen die beliebten verzierten Tartes, gewürzte Schokolade aus fruchtigen Äquator-Kakao-Bohnen des Hochlands von Peru also, aus reiner Kakaobutter und bio-reguliertem sowie fair gehandeltem Rohrzucker. Das ist für viele Kunden ein schönes Mitbringsel. Auch Spezialvarianten der Tartes können bestellt werden.

Alle Waren sind gänzlich frei von Fremdfetten, Konservierungsstoffen und Emulgatoren. Die Wirkung wird allein durch die richtige Erwärmung erreicht. In Deutschland produzierte Kuvertüre durchläuft da ganz sensible Phasen in der Temperiermaschine, dem eigentlichen Herzstück der Manufaktur.

Ursprünglich hat Nina Engel Modedesign studiert. Ihren radikalen beruflichen Schwenk hat sie später nie bereut. Ebenso wenig ihre Entscheidung für Berlin, die sie vor zehn Jahren mit ihrem Mann in Norddeutschland traf. Inzwischen arbeitet das Paar zusammen im Atelier.

In Berlin begegnete Nina Engel der gelernten Süßwarentechnikerin Katharina Kraft. 2007 entstand die gemeinsame Geschäftsidee. Von der industriellen Großproduktion wollten sich die Frauen deutlich abgrenzen. „Gute Schokolade für 50 Cent ist unmöglich“, sagt Engel. Wer feststellen will, ob eine Schokolade etwas taugt, solle auf die deklarierten Zutaten achten. Bei mehr als vier Bestandteilen sei Achtsamkeit geboten, meint Nina Engel.

Bio-Qualität und Verträglichkeit machen das Atelier Cacao auch auf großen Berliner Events wie dem Naschmarkt und dem weihnachtlichen Gendarmenmarkt-Spektakel beliebt. Gern erinnert sich Nina Engel beispielsweise an die Lange Nacht der Museen im Januar 2012. Anlässlich des 300. Geburtstags von Friedrich dem Großen, einem prominenten Schokoladefan, stellte sie im Roten Rathaus für das Publikum ihre süßen Einzelstücke her und servierte diese den bald sehr begeisterten Zuschauern.

Bitteres Getränk

Die Expertin beeindruckt bei solchen Gelegenheiten mit spannendem Fachwissen und erzählt von der Jahrtausende alten Geschichte der Kakaobohne als Genussmittel, vom traditionellen Kakaogetränk der Maya und Azteken, von spanischen Schiffen voller Bohnen und der Vorliebe europäischer Fürsten für das ursprünglich bittere Getränk. Die Spanier verfeinerten es schließlich mit Zucker, worauf es zum Favoriten ihrer Majestäten wurde. Die Schweizer waren es dann, die Schokolade vor 166 Jahren zur festen Tafel verarbeiteten.

Auch an diesem Tag erwartet Nina Engel eine Besuchergruppe, die sie in die Geheimnisse des eigentlich ja ganz alltäglichen Naschwerks einweihen will. Vier Hobby-Schokolatiers haben sich für den Kurs angekündigt. Es wird ein langer Nachmittag. Die Faszination für Schokolade wird voraussichtlich noch ein paar Menschheitsjahrtausende fortbestehen.

Atelier Cacao Linienstraße 139, Mitte, Tel. 34 50 26 80, atelier-cacao.de, Dienstag-Freitag 10-18 Uhr, Sonnabend und Sonntag 12-19 Uhr, Montag Ruhetag