Kulturmacher

Immer am Limit

Seit 18 Jahren ist Birgit Grimm Theaterdirektorin des Schlossplatztheaters. Unter ihrer Leitung wurde das ehemalige Köpenicker Kino Musiktheater für Kinder und Experimentierbühne

Ein großer Einkaufswagen vollgestopft mit Plastiktüten steht noch im Saal des Schlossplatztheaters in Köpenick. Es ist die zurückgebliebene Requisite des Obdachlosentheaters Die Ratten, das hier ein Mal im Jahr seine Stücke zeigt. "Es ist jedes Mal ein großes Erlebnis. Die Schauspieler bringen ihr ganzes Leben mit auf die Bühne", sagt Birgit Grimm, die Theaterdirektorin vom Schlossplatztheater. Die 51-jährige, die mit ihren dunklen kurzen Locken und dem schwarzen Rollkragenpullover auch in ein Pariser Café-Theater der 60er-Jahre passen würde, bezeichnet sich selbst gern "Ermöglicherin".

Eigentlich besteht ihr kleines Theater in der Köpenicker Altstadt nur aus zweieinhalb Personen: Da ist neben ihr als Intendantin noch der Sänger und Schauspieler Ingo Volkmer und ein Techniker. Trotz kleiner Mannschaft konnte sich das Haus über die vergangenen 18 Jahre berlinweit einen Namen machen, vor allem als avantgardistisches Musiktheater.

Bevor Birgit Grimm ihr eigenes Theater gründete, hatte sie in der ehemaligen DDR Kulturwissenschaften studiert. "Kein Mensch weiß, was er mit so einem Studium am Ende anfängt", sagt sie. Als junge Absolventin wurde sie in irgendein Kulturhaus geschickt, wo sie schnell an ihre Grenzen stieß. "Kreativität war gar nicht gewollt, nichts konnte eigenständig auf die Beine gestellt werden", sagt sie. Das entsprach so gar nicht ihrem Naturell. Fast hätte sie ihren Beruf an den Nagel gehängt hatte, wäre ihr nicht die Wende zuvor gekommen. Gemeinsam mit Freunden besetzte sie 1990 eine alte Möbelfabrik in Köpenick - bis heute ein kulturelles Zentrum in dem flächenmäßig größten Bezirk Berlins.

Wilde Mischung

"Es war eine wilde Mischung von Künstlern und wir haben einfach alles gemacht, vom Malen, Töpfern bis zum Theater spielen", sagt sie. Die Angebote richteten sich vor allem an Kinder und Jugendliche und die kamen in Scharen. Die Möbelfabrik wurde zu klein und Birgit Grimm fasste den Mut, ein eigenes Theater aufzumachen. Es war eine Zeit des Aufbruchs und eine Zeit, in der man noch längst verschollene Räume wiederentdecken konnte. Unmittelbar neben dem Köpenicker Rathaus in der Belle-Etage hatte die Wohnungsbaugesellschaft Degewo hinter eingezogenen Bürowänden den alten stuckbesetzte Saal des ehemaligen Lichtspielhauses Köpenick freigelegt. Die Wohnungsbaugesellschaft wollte die Spielstätte wieder beleben und überließ der umtriebigen Theatermacherin aus der Möbelfabrik das Schmuckstück für eine moderate Miete.

"Wir öffneten die Bühne für Lesungen, Konzerte, Schauspiel und Kleinkunst", erzählt Birgit Grimm. Die alte Spielstätte war wieder sehr lebendig. Aber es fehlte das Profil. Gemeinsam mit dem Opernsänger Ingo Volkmer entschied sie sich für das Musiktheater. Die Opern für Kinder, die sie bereits auf die Bühne gebracht hatten, kamen gut an. Der kleine Saal reichte für die große Nachfrage von Schulklassen aus allen Bezirken kaum aus. Und das, obwohl Opern für Kinder eher als schwer verdauliche Kost gelten.

"Das Schlossplatztheater war damals Vorreiter aus diesem Gebiet", sagt Birgit Grimm. Heute bieten auch die großen Opernhäuser regelmäßig Kindervorstellungen. Die Vorstellungen in dem Köpenicker Theater unterschieden sich allerdings bis heute deutlich, von dem, was die etablierten Häuser bieten. Die Opern werden hier zeitgemäß erzählt, entlang der Lebenswelt der Jugendlichen. Die Textverständlichkeit ist oberstes Gebot, dafür wird auch schon die eine oder andere Passage umgeschrieben. Und die Schüler mögen die kleine intime Atmosphäre des Theaters. Hänsel und Gretel verirren sich in der Oper des Schlossplatztheaters nicht im Wald sondern in der verführerischen Welt des Fernsehens. Die Hexe verspricht Ruhm wie ihn die Heranwachsenden aus Castingshows erkennen, bis Hänsel erkennt, dass der Fernseher der gefährliche Backofen ist.

Projekt "junge Pächter"

Irgendwann wollte Birgit Grimm nicht mehr nur Ermöglicherin sein, sondern selbst Stücke inszenieren, nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene. Und es funktionierte, auch abseits der klassischen Stoffe. Sie lässt die Musik komponieren und schreibt eigene Texte. "Viele glaubten, dass so etwas abseits vom experimentierfreudigen Szenepublikum von Mitte gar nicht möglich wäre. Aber es ist möglich", sagt Birgit Grimm. In das Stück "Katte - Ein Prozess", kamen im vergangenen Jahr Zuschauer aus ganz Berlin. Es erzählt die Geschichte, wie Friedrich der Große zusehen muss, wie sein bester Freund Hans Hermann von Katte hingerichtet wird. Die Vokalkompositionen lieferte kein Geringerer als der renommierte Komponist Helmut Oehring. Sogar ein Nachfahre von Katte kam angereist, um sich das Stück im Schlossplatztheater anzusehen.

Festlegen auf Musiktheater lässt sich Birgit Grimm aber nicht. In ihrem Haus laufen genau so Konzerte wie etwa an diesem Sonntag mit Barbara Thalheim, amüsante Theaterstücke wie der Dauerbrenner "fastFaust" oder Theaterprojekte mit Jugendlichen. Ohne diese Mischung, mein Birgit Grimm, könnte das Theater nicht überleben. Und ihr selbst fiele es wohl auch schwer. "Ich will mich nicht entscheiden müssen", sagt sie. Schließlich mache ihr so vieles Spaß.

Beispielsweise auch das Projekt "junge Pächter", das sie als Partnerin ermöglicht. "Heim(e)lich" nennen die jungen Erwachsenen zwischen 17 und 19 Jahren ihr Wohnzimmer in einem leeren Ladenraum direkt am Schlossplatz. Die Pächter können den Raum nutzen für ihre eigenen kulturellen Projekte. Das sind Theaterworkshops, Filmvorführungen oder Wohnzimmerkonzerte.

Gleich nebenan zeigt Birgit Grimm auf eine riesige begehbare Netzskulptur, die eine Brache zwischen zwei Häusern mitten in der Köpenicker Altstadt überspannt. Sie hat die Belebung von fünf Brachen durch Skulpturen und Installationen in der Altstadt mitinitiiert, und einmal im Jahr, zum Tag der Stadtkunst, führt das Schlossplatztheater auch eine Oper in diesem Netz auf.

Manchmal hat Birgit Grimm Zweifel, ob sie nicht zu viel macht. Schließlich sei sie immer am Limit. Aber ändern will sie daran nichts. "Irgendwie gerate ich in die Sachen hinein und dann eröffnet sich plötzlich ein ganz neuer Kosmos", sagt sie.