Arnos Woche

Die ganze Wahrheit

Arno Müller über den schönen Schein von Filmpremieren

Liest man im Lexikon unter "Premiere" nach, dann findet man folgende Erklärung: "Der Begriff steht für die erste Aufführung eines Werkes oder einer Neuinszenierung. Premieren werden in der Regel besonders gefeiert und finden in einem außergewöhnlich festlichen Rahmen statt." Nun gibt es vielleicht unterschiedliche Auslegungen von "außergewöhnlich festlichem Rahmen". Das, was ich mir darunter vorstelle, hat jedenfalls mit vielen Veranstaltungen dieser Art, die in Berlin stattfinden, nichts zu tun.

Nehmen wir die Kinopremieren. In unserer Stadt erleben wir fast jede Woche eine. Dazu wird ein Kino mit allen Sälen gemietet. Das Cinestar im Sony Center zum Beispiel hat 2200 Plätze in acht Sälen, und ein großer Film läuft gleichzeitig in allen. Für die normalen Gäste gibt es keine Platzkarten. Wie bei einer Billig-Airline ist freie Sitzauswahl und wer nicht rechtzeitig kommt, hat das Nachsehen.

Der Einzug der Gäste über den roten Teppich wird per Videolink auf alle Leinwände übertragen, genauso wie der Auftritt der Schauspieler, des Regisseurs und der wichtigen, am Film beteiligten Personen. Diese werden nur im Hauptsaal vorgestellt, in den aber nicht alle Besucher reinpassen. Die Kleiderordnung derselben hat übrigens meiner Meinung nach auch wenig mit einem "außergewöhnlich festlichen Rahmen" zu tun. Viele dieser Gäste kämen so gekleidet nicht einmal in einen guten Berliner Club, für eine Kinopremiere reicht es aber allemal.

Im Foyer sieht es meistens aus wie auf der Grünen Woche. Wenn man Getränke oder Snacks umsonst bekommt, dann sind diese gesponsert. Diese "Gönner" wiederum scheuen kein Geld und kein Werbemittel, so hässlich und unpassend es auch sein mag, einem ihre Logos in die Augen zu brennen. Die Premierengäste sind ihnen ohnehin, scheint es, dabei egal. Sie bezwecken einzig und allein, dass ihre Markenzeichen bei einer späteren Berichterstattung im Fernsehen, in Zeitschriften und Zeitungen zu sehen sein sollen. Damit wollen sie den Eindruck erwecken, dass die Stars des Films ständig die beworbenen Produkte benutzen oder verwenden

Die Schauspieler wiederum sitzen, wenn der Film läuft, schon längst im Borchardt und essen ein Wiener Schnitzel oder sind schon im Privatflieger auf dem Weg zur nächsten "außergewöhnlich festlichen Premiere" des Films in einer anderen Stadt, in einem anderen Land.

Arno Müller ist Programmdirektor von 104.6 RTL und Moderator von "Arno und die Morgencrew" (Mo. bis Fr. von 5 bis 10 Uhr)