Kulturmacher

Ein passionierter Sammler

Mit der Eröffnung seiner "Wunderkammer" in Mitte ging Thomas Olbricht ein Risiko ein. Nun zeigt der engagierte Kunstmäzen bereits seine neunte Ausstellung seit Mai 2010

Dass es ganz anders kommen kann, als man plant, musste Kunstsammler Thomas Olbricht jüngst erfahren. Als er in seinen Me Collectors Room an der Auguststraße in Berlin-Mitte lud, um seine neue Ausstellung "Humboldt, Krokodil & Polke" vorzustellen, waren nicht etwa zehn oder 15 Journalisten gekommen, was in dem mit Galerien verwöhnten Berlin durchaus viel wäre. Nein, es kamen so viele Journalisten, dass diese im Restaurant des Galerienhauses gerade so Platz fanden. Olbricht zeigte sich von dem Andrang "überwältigt" und erklärte sogleich den Medienleuten, worauf es ihm beim Sammeln im Allgemeinen ankommt: nämlich diese Überwältigung weiterzureichen, Besucher seines Gebäudes einzufangen und zu betören, mit Kunst und all dem Wundersamen, das er seit 2010 im "Me" zeigt.

"Ich möchte meinen Besuchern etwas zeigen, was viele von ihnen noch nicht kennen. Auch und vor allem denjenigen, die vielleicht gar nichts mit Kunst zu tun haben", sagte Olbricht, dessen Leidenschaft weit über das hinaus geht, was man gemeinhin als ein abgeschlossenes Sammlergebiet betrachtet. Der Essener ging bei seiner Jagd nach neuen Objekten nämlich seit langem wie ein Forscher vor. Wie sie wühlte sich Olbricht durch Schichten, bemusterte, drehte und umtänzelte Objekte in Auktionen und Ausstellungen, verortete sie in Zeit und Raum - und in der Kunst. Es hat mit seiner eigenen Ausbildung zu tun. Er ist Endokrinologe, hat unter Mikroskopen das feinnervige, gespinnstartige Drumherum von Drüsen analysiert, die den Menschen mit Hormonen steuern. Er lehrt auch darüber. Es ist diese Lust des Forschers, die ihn auch als Sammler treibt. Mit einem befreundeten Kunstkenner, einem Experten für die Ära der "Wunderkammer"-Sammler, der Kurfürsten und Könige, war Olbricht vor wenigen Wochen mal wieder auf Reisen. Jüngste Neuerwerbung ist ein Pokal, den der Berliner Naturforscher Alexander von Humboldts einst seinem Freund, dem Offizier Reinhard von Haeften, schenkte. Eines der Lieblingsobjekte von Olbricht.

Am Anfang war die Briefmarke

Nicht weit entfernt sind Präparate eines Nilkrokodils, ein Rochenhaut-Pulverhorn aus dem osmanischen Reich und ein Turboschnecken-Pokal zu sehen. Schräg gegenüber hängt ein Bild von Polke. Die Objekte repräsentierten Entdeckung, Erforschung, Neugierde, Abenteuerlust: von neuen Handelswegen, Handelsbeziehungen, fremden Kulturen und Exotischem, sagt Olbricht. Dass manch andere Sammler all dies als wirres kunterbuntes Durcheinander abtun würden, stört ihn nicht. Er habe nicht den Anspruch eines Museums und sei auch kein Lehrbetrieb, sagt er. Um eine solch umfassenden Sammelleidenschaft ausleben zu können, bedarf es genügend Geldes. Olbricht hatte diesbezüglich Glück, viel Glück sogar. Er ist einer der Erben der Wella-Dynastie, die ihm ein ansehnliches Vermögen hinterließ. Der 64-Jährige nutzt es auf seine Art, kauft Kunst und betätigt sich als Mäzen.

2011 gründete Olbricht eine Stiftung, die den Me Collectors Room führt. Stiftungsziel ist, zeitgenössische Kunst, Künstler sowie Kuratoren zu fördern. Durch die Zusammenstellung von alter Kunst in der Wunderkammer mit junger Kunst in den aktuellen Ausstellungen will Olbricht "neue Einblicke und Sichtweisen" erfahrbar machen. Ein Thema, das ihm dabei sehr wichtig ist, sind Kinder- und Jugendprojekte, die er mit seiner Stiftung gezielt fördert. Der Kunstsammler ist Vater von fünf Kindern und, wie er sagt, von kindlicher Neugier beseelt. Seine Stiftung unterhält eine Partnerschaft mit der Gustav-Falke-Schule in Mitte, deren Schüler eine Ecke in der neuen Schau gestalteten - ganz zum Entzücken des Hausherrn.

Auch sonst setzt Olbricht auf neue, unkonventionelle Wege. Er fördert unter anderem eine Berliner E-Bike-Firma. Solche Techniken seien die Zukunft, da könne an nicht falsch liegen, sagt er. Vor Monaten demonstrierte er, dass er das auch so meint. Mit dem E-Bike kurvte er durch den Hauptsaal des "Me" und lachte.

"Irgendwoher muss das Geld für die Kunst ja herkommen", sagt er. Er weiß, dass das Investment zunächst ein Vorschuss ohne Rendite ist. Es stört ihn nicht. Das E-Bike hat er auch schon auf Sylt getestet, mit dem Wind, gegen den Wind, auf der Straße und dem Fahrradweg. Ein Supergefühl sei das, bekannte er danach.

Olbricht ist in dieser Hinsicht ein Rastloser und das war wohl auch immer so. Schon als Kind begann er zu sammeln. Die Leidenschaft startete vor beinahe 60 Jahren mit einer Briefmarke. Wie viele andere Jungen entdeckte er auch Spielzeugautos, heute besitzt er davon Hunderte. Eine kleine Armada knallroter Feuerwehrautos ist in der oberen Etage des "Me" ausgestellt. In den Vitrinen nebenan sind Objekte aus der Renaissance und dem Barock zu sehen, Geheimnisvolles Material, Abenteuerträume. Aus Elfenbein geschnitzte Ringe, goldgefasste Warzenschweinhauer, Käferpräparate, Dosen in Sargform, einen Kirschkern mit Gesicht, Sanduhren und Schrumpfköpfe. Ein Kaleidoskop der Welt und Ethnien.

Oft am Rand des Etats

Rund 3000 bis 4000 Objekte besitze er, sagt Olbricht und macht sogleich eine Einschränkung, "ohne Briefmarken und meine Autos". Seine "Scouts", der Kurator und die Sammlungsverwalterin hätten jedoch den perfekten Überblick. Mitunter ging der trotzdem verloren. So war etwa kurz vor der Präsentation der nunmehr neunten Schau im "Me" der Einkaufsetat überschritten. Olbricht musste von seinem Begleiter gebremst werden: "Die Daueranekdote vor Kunstmessen ist die: ,Diesmal erwerbe ich aber nichts. Darauf sagt der Kurator: ,Das kenne ich schon, dann müsstest Du aber zu Hause bleiben'", erzählt er lachend.

Noch wohnt Olbricht in Essen, dort ist er stark vernetzt. Wenn seine Kinder einmal groß seien, sagt er, könnte es aber durchaus passieren, dass er in die Hauptstadt ziehe. Aber er sei ja bereits heute oft in Berlin. Hat er noch Träume? Träume seien unbezahlbar, sagt er und meint damit jene in der Welt der Kunst, nicht die im Leben. Und wenn es mit beidem mal vorbei ist? "Weltschmerz und Traurigkeit vor der eigenen Vergänglichkeit beschleichen mich häufig", erklärt er und blickt in seine Wunderkammer.