Kulturmacher

Vom Tourneeleiter zum Varieté-Direktor

Georg Strecker wollte eigentlich Lehrer werden. Doch dann lockte das fahrende Volk und er ging zum Zirkus. Heute leitet er den traditionsreichen Wintergarten an der Potsdamer Straße

Mit seiner runden Drahtbrille, der hohen Stirn und den kurzen weißen Haaren könnte Georg Strecker auch gut als Studienrat durchgehen. Und wenn ihn damals nicht der Rock 'n' Roll gefesselt hätte, würde er wohl tatsächlich heute noch vor einer Schulklasse in Bad Homburg stehen. Stattdessen ist Georg Strecker seit 14 Jahren Direktor des Berliner Varietétheaters Wintergarten, nachdem er zuvor jahrelang mit einem Zirkus durchs Land gezogen ist.

Die Weichen in seinem Berufsleben wurden Ende der 80er-Jahre gestellt. Strecker hatte bereits sein zweites Staatsexamen für das Lehramt Englisch und Sport absolviert und war hoch motiviert nun das Wissen an Schüler zu vermitteln. Doch an Neueinstellungen war nicht zu denken, das Unwort "Lehrerschwemme" machte die Runde. Strecker musste Zeit überbrücken, während er auf eine Anstellung wartete. Bei einer Konzertagentur verdingte er sich als Stagehand. "Der Job bestand darin, Kisten und Instrumente zu schleppen. Das Angenehme war, dass man während des Konzerts Pause hatte und dabei dicht an den Musikern dran war", sagt Strecker. Während seiner Wartejahre für den Schuldienst diente er sich hoch bis zum Tourneeleiter. "Die internationalen Stars machten natürlich andere, aber ich fand es auch viel cooler mit Konstantin Wecker im Opel zu sitzen und durchs Land zu touren als den Stones hinterher zu fahren", sagt Strecker. Irgendwann sei dann doch noch ein Stellenangebot an einer Schule gekommen, doch da wollte Strecker nicht mehr. Er liebte inzwischen sein Nomadenleben mit den Rockern und setzte noch eins drauf.

Ein Leben aus dem Koffer

Er übernahm die Produktionsleitung für André Hellers Chinesischen Nationalcircus. Fünf Jahre lang begleitete er den Zirkus kreuz und quer durch Deutschland. "Meine eigene Wohnung hatte ich aufgegeben, meine persönlichen Sachen waren bei Freunden im Keller untergebracht, ich lebte in Hotels", erzählt Strecker. In jeder Stadt habe er neue Menschen getroffen aber dauerhafte Beziehungen zu Freunden seien unmöglich gewesen.

Strecker war gerade Anfang 40 als ihn Peter Schwenkow 1998 fragte, ob er die Geschäftsführung des traditionsreichen Wintergartens in Berlin übernehmen will. Er wollte. "Ich war wohl in einer Lebensphase, wo ich mich mal nach einem festen Wohnort sehnte", sagt er. Varieté war ohnehin sein Spezialgebiet und der Wintergarten konnte schon auf eine 100-jährige erfolgreiche Geschichte zurückblicken.

Sie begann im Jahr 1888. Das Central Hotel an der Friedrichstraße holt in seinen Wintergarten international renommierte Varietéstars. Der Glaspalast mit seinen Palmen und Springbrunnen wird zur ersten Adresse unter den damals 80 Berliner Varietés. Die Clowns Grock und Charlie Rivel, der Wunderjongleur Rastelli oder der Entfesselungskünstler Houdini begeistern die Gäste. In den Zwanzigern sind vor allem Claire Waldorff und Otto Reutter die Stars des Hauses. Während eines Bombenangriffs 1944 wurde der legendäre Wintergarten komplett zerstört.

Der Roncalli-Gründer Bernhard Paul und André Heller eröffnen 1992 schließlich den neuen Wintergarten an der Potsdamer Straße mit einer glanzvollen Hommage an das Traditionshaus. Für Strecker war die Geschäftführung eines festen Theaters eine neue Herausforderung. "Ein Zirkus rauscht mit viel Getöse in die Stadt und verschwindet dann wieder", sagt er. Mit dem Wintergarten müsse aber er übers ganze Jahr in Berlin präsent sein und sich unter den vielen Angebote in der Stadt hervor tun.

Der Wintergarten setzt sich durch

Ende 2009 musste der Wintergarten Insolvenz anmelden und stellt vorübergehend den Betrieb ein. Die Gründe dafür waren vielfältig. "Es gab nah dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin ein paar goldene Jahre in Berlin", sagt Strecker. Es habe viele Menschen gegeben, die neugierig alles kennenlernen wollten. Neue Spielstätten wuchsen aus dem Boden: Musical-Theater, die Blue Man Group, das Tipi und die Bar jeder Vernunft, der Admiralspalast und noch viel mehr. Die Konkurrenz sei gewachsen und die Nachfrage habe nachgelassen, so Strecker.

Doch der Wintergarten setzt sich durch. Es findet sich eine neue Betreibergesellschaft, die den bisherigen Geschäftsführer Strecker wieder engagiert. "Das Konzept war richtig, ein Varieté gab es neben dem Wintergarten nur im Chamäleon und dort hat das Programm eine ganz andere Ausrichtung", sagt Strecker. Während das Chamäleon eher eine lockere Mischung aus Comedy und Artistik bietet, will der Wintergarten die Zuschauer mit Glanz und Attraktionen verzaubern.

Der Direktor steht in dem Saal mit dem funkelnden Sternenhimmel und dem dunkelrotem Samt, während die Tische für das Dinner eingedeckt werden. Man sieht ihm die Vorfreude auf den Abend an. "The Magical Mystery Show" steht auf dem Programm. Die Zauber-Show ist anders als die anderen und das Publikum ist begeistert. "Wir haben nicht die ganz großen Apparaturen wie ein David Copperfield, die Künstler zeigen ihre Kunststücke mit einem Augenzwinkern", sagt Strecker. Besser könnte die zweite Jahreshälfte kaum laufen, so Strecker.

Unsicher geht er dennoch ins nächste Jahr. "Die größte Sorge bereitet uns die Gema", sagt Strecker. Sollte sich die geplante Tarifänderung der Gesellschaft für Musik-Rechte durchsetzen, würde das den sicheren Tod des Hauses bedeuten und das sei keine Übertreibung, sagt er.

Mit dem Standort an der Potsdamer Straße hadert Strecker nicht. Zwar hätte auch er es schön gefunden, an die alte Stelle an der Friedrichstraße zurückzukehren. Doch dort steht heute eines dieser modernen Geschäftshäuser. Strecker liebt die "Potse". "Es gibt keine andere Straße in Berlin mit einer so lebendigen Mischung", sagt er. Es gebe teure Galerien, trendige Clubs, das Rotlichtmilieu, alteingesessene Kneipen. Und eben den Wintergarten.