Ausflugs-Tipp

Ein Spaziergang durchs alte Berlin Theodor Fontanes

Der gute Zieten begrüßt uns mit seiner vertraut lässigen Art. Spiel- und Standbein locker übereinander geschlagen, die rechte Hand nachdenklich ans Kinn gelegt, so hat auch Baron Papageno in Theodor Fontanes "Stine" schon den "General der Cavallerie" wahrgenommen. "Was ich jeden Morgen zuerst zu begrüßen in der Lage bin, ist der alte Zieten auf seinem Postament", freut sich der Adlige in dem 1890 erschienenen Roman. Hier residierten einst die adligen und großbürgerlichen Berliner, hier wandte sich Hitler vom Balkon seiner Neuen Reichskanzlei an die Massen. Heute gibt es an dem Ort Steinofenpizza, "freshly prepared for you".

Verlassen wir Zieten und seine Kollegen in dem Bewusstsein, dass nichts bleibt, wie es war, vor allem nicht in dieser Stadt. Wir gehen auf Seitenwegen durch das alte Berlin, durch das Berlin Fontanes.

Unter den Linden war Mitte des 19. Jahrhunderts wahrlich ein Prachtboulevard, auf dem sich auch der Erfolgsautor zu vergnügen wusste. Ob er bei "Meser" oder im "Arnimischen Lokal" einkehrte, dies war sein Revier, hier traf sich die Welt zum Souper genauso wie zum Dinner. Davon ist wenig geblieben, nur das Café Einstein führt diese Funktion als öffentliches Wohnzimmer in der Berliner Gegenwart noch fort.

Unser Weg führt uns weiter zu einer der wunderlichsten Straßen der Stadt, der Bauhofstraße. Einige der Häuser dort wurden noch zu Fontanes Lebzeiten errichtet, so ungefähr muss es ausgesehen haben, als Stine, Frau Jenny und Effi Briest das Auf und Ab ihrer bürgerlichen Existenz durchlebten.

So wie man in gehobenen Verhältnissen vor 150 Jahren in der Bauhofstraße großstädtisch lebte, so lebt man heute wohlhabend und urban in den Town Houses gegenüber dem Auswärtigen Amt. Von preußischer Zurückhaltung ist da allerdings wenig noch zu spüren.

Über die alte Jungfernbrücke erreichen wir den Petriplatz, auf dessen Kirche in "L'Adultera" das junge Ehepaar van der Straaten von seiner Stadtwohnung aus blickte. Als ein winterlicher "Flockentanz" beginnt, beobachtet Melanie vor der Kirche ein kleines Mädchen, das dort "auf und ab lief und ihre Schäfchen, wie zur Weihnachtszeit, an die Vorübergehenden feilbot". Kein Markt mehr, kein "Mütterchen" mehr, das "ausgelassenen Honig" verkauft, keine "Wildhändlerbude" mehr. Dafür Stadtbrache.

Gegenüber der Fischerinsel endet unser Spaziergang - bei Fontanes Jugend. In der Friedrichwerderschen Gewerbeschule an der Niederwallstraße machte er das "Einjährige", in der Wallstraße 73 hatte er sich in einer Schülerpension einquartiert. Dort steht heute ein banaler Hotelbau. Wie sagte schon der Dichter: "Ach, Berlin!"