Kulturmacher

Das Kult-Kino von Kleinmachnow

Die Kammerspiele sind der Treffpunkt der Gemeinde - Carolin Huder und Michael Martens haben zur Rettung des Lichtspielhauses die erste Kulturgenossenschaft Brandenburgs gegründet

Es gibt Räume, die riechen nach Erinnerung. Da erzählt ein kleiner Luftzug, ausgelöst durch eine sich öffnende Tür oder einen kurzen Windstoß, eine Geschichte aus einer vergangenen Zeit. Die Kammerspiele Kleinmachnow sind ein solcher Ort. Dort schnattern und schwirren für denjenigen, der sich darauf einlässt, genau hinzuhören, die Erlebnisse wild durcheinander: Von der Einschulung, der Jugendweihe, dem ersten Kinofilm, vielleicht vom ersten schüchternen Händchenhalten im Dunkel des Vorführraums. 360 samtrote Stühle reihen sich stumm aneinander und verwahren seit der Eröffnung im Jahr 1938 treu die kleinen und großen Geschichten der Kleinmachnower. Vor wenigen Wochen übernahmen Carolin Huder (44) und Michael Martens (53) das alte Lichtspielhaus.

Große Verbundenheit

"Die emotionale Verbundenheit mit diesem Haus ist sehr groß in Kleinmachnow", sagt Carolin Huder, die auch in der Gemeinde lebt. Die Geschichte, wie sie gemeinsam mit Michael Martens nun zu einem Kino und Kulturhaus kam, ist eine längere, weil sie sich zeitlich etwas zog - aber eigentlich schnell erzählt: Der ehemalige Betreiber und Besitzer des Kinos suchte gemeinsam mit der Gemeinde händeringend einen Nachfolger. Sogar an Verkauf wurde gedacht. Unvorstellbar für die Kleinmachnower, eine Lösung musste her. Eine gute - und das möglichst schnell. Sowohl Carolin Huder als auch Michael Martens hatte Vorschläge zur Weiternutzung des Kinos eingereicht, jedoch getrennt voneinander. "Unsere Ideen glichen sich aber sehr, wie wir später feststellten", sagt Carolin Huder. "Wir kannten uns durch den Sport unserer Töchter, die spielen zusammen Fußball. Da haben wir uns dann einfach mal ausgetauscht."

Und so stellten sie fest: Das passt zusammen. Sie, die im Berliner "Heimathafen Neukölln" als Gesellschafterin Erfahrung und Kontakte in der Kultur- und Theaterszene hat. Er, der Diplomkaufmann, der 25 Jahre als Geschäftsführer in verschiedenen Bereichen gearbeitet hat und ein großer Kinoliebhaber ist, sie taten sich einfach zusammen und bekamen den Zuschlag. "Am 14.6.2012 hat die Gemeinde Kleinmachnow positiv über die finanzielle Zuwendung für das Weiterbestehen der Kammerspiele abgestimmt - die Auszahlung der 200.000 Euro in 2012 und weiteren 200.000 Euro in 2013 erfolgt erst, wenn pro Jahr 100 Kultur-Genossenschafts-Anteile gezeichnet sind", heißt es auf der Homepage der Kammerspiele. Das bedeutet: Bis Ende 2013 haben Carolin Huder und Michael Martens nun 400.000 Euro zur Verfügung, um dem alten Kino neues Leben einzuhauchen. "Es ist klar, dass wir dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen. Das tun wir ja auch gern", sagt Michael Martens, der privat knapp 4000 Filme in seinem Keller hat und "während der Berlinale nicht ansprechbar" ist, wie Carolin Huder sagt. "Also gründeten wir eine Kulturgenossenschaft und machten uns daran, sowohl in diesem, als auch im nächsten Jahr jeweils 100 Kulturgenossen zu akquirieren."

Das Ziel war ja vorgegeben: 200 gezeichnete Anteile, um die volle Summe zu bekommen. Schnell wurde klar, dass es keine Zitterpartie wird: "Schon jetzt haben wir das Soll des ersten Jahres übererfüllt", sagt Michael Martens glücklich. 130 Genossen haben bis jetzt ihre Anteile zu je 250 Euro gezeichnet. "Über 32.000 Euro haben wir so schon gesammelt", sagt Carolin Huder, die gemeinsam mit Michael Martens vor knapp zwei Wochen nun endlich auch ganz offiziell den Pachtvertrag unterschrieben hat. Und das Geld ist dringend nötig: "Dieses Haus hat wirklich viele Tücken und Macken, an jeder Ecke taucht ständig etwas Neues auf. Jetzt zum Beispiel stimmt irgendetwas mit den Schaukästen nicht - aber wir haben keine Ahnung, was es ist", sagt die Kulturmanagerin. Und gibt zu: "Aller Anfang ist schwer, es ist schon wirklich viel, was hier auf uns wartet - aber es lohnt sich."

Viel Arbeit - viel Hilfe

Denn die beiden Kammerspiele-Chefs wissen: Wenn sie Hilfe brauchen, können sie bei ihren Kulturgenossen anrufen. Und viele Handwerker machen Freundschaftspreise, wenn sie gebraucht werden, weil in dem 1936 bis 1938 erbauten Haus wieder einmal irgendetwas nicht mehr funktioniert. "Schon am Telefon berichten sie dann von irgendeiner Erinnerung, die sie mit den Kammerspielen verbinden", sagt Carolin Huder und lächelt. Es muss sich anfühlen, als würden alle mit vereinten Kräften an einem Strang ziehen, als würden alle gemeinsam ein Baby hüten oder sich um die Lieblings-Oma kümmern. Jedenfalls sind die Kammerspiele eine echte Herzensangelegenheit und fest verankert in der Geschichte Kleinmachnows.

Und deswegen wird auch viel Herzblut investiert. Und die Ideen sprudeln aus den beiden Neu-Kinobetreibern nur so heraus: "Wir haben ja zwei bis drei Kino-Vorstellungen pro Tag. Das macht alles der Michael", sagt Carolin Huder. "Wir haben hier einen kleinen Gastraum mit Bar, den wir gern komplett umgestalten wollen. Eine Wand muss dafür raus, einen Zugang von der Straße soll es auch geben - damit wir dort auch außerhalb der Kinozeiten Gastronomie betreiben können." Carolin Huder aktiviert ihre Kontakte, die sie vom "Heimathafen Neukölln" hat - und das mit Erfolg: Gerade kam Wladimir Kaminer für eine Lesung in die Kammerspiele, am Donnerstag gibt es Improvisationstheater von "Theatersport Berlin", Im Januar liest Dieter Moor, und für den April hat sich schon der große Erzähler Harry Rowohlt angekündigt.

Die Kammerspiele heißen nun übrigens ganz korrekt bezeichnet "Neue Kammerspiele Kleinmachnow". Weil eben alles neu ist - die Leidenschaft für das Haus ist jedoch, wie seit jeher, bei allen Beteiligten die alte geblieben.

www.neue-kammerspiele.de