Kulturmacher

Nichts unversucht gelassen

Katja Lucker kann schauspielern und Schlagzeug spielen. Sie macht das Programm im Kesselhaus und das Hoffest für den Regierenden Bürgermeister. Alles eher untypisch für eine Seefahrertochter

Eine Seemannstochter. Damit hätte man nicht gerechnet. Katja Lucker ist so zierlich, so blond, so schön. Moment - darf man so im Jahr 2012 ein Frauenporträt beginnen? Aber sicher. Zierlich passt zu zäh, Blond ist eine Schwester von Brünett und Schönheit nicht das Gegenteil von Intelligenz. Luckers Erscheinung führt zu ihrem Charakter, denn sie tritt uns nicht mehr als Theaterschauspielerin gegenüber, sondern als Kulturmanagerin. Eine, die Stockhausen zu den Berliner Festspielen geholt hat. Die das Bühnenprogramm für den Karneval der Kulturen ausrichtet und das Hoffest des Regierenden Bürgermeisters von Berlin.

1993, nach der Schauspielprüfung beim Deutschen Bühnenverein und Auftritten im Hamburger TiK, wollte Lucker sich nicht auf die Rolle eines Gretchens oder Käthchens festschreiben lassen. "Ich fand das zu doof, und man war furchtbar abhängig davon, ob ein Regisseur einen gut findet oder nicht. Also habe ich es sein lassen." Lucker war 24 Jahre alt und unterwegs zu neuen Ufern. Mal wieder.

Kinder an Bord

Lucker hat ihr Abitur 1990 in Hemmoor abgelegt, in der niedersächsischen Provinz. Danach wollte sie nach Berlin. "Da gingen alle coolen Leute hin." Mit coolen Leuten kennt sie sich aus. Ihr Vater muss sehr lässig gewesen sein: Kapitän Johann, genannt Johnny. Wenn Katja Lucker von ihm spricht, fällt einem Pippi Langstrumpf ein. Pippis Vater fuhr auch zur See. Vater Lucker stammte nun nicht aus Taka Tuka Land, sondern aus Tschechien. Er wollte Kapitän werden oder Förster. Für den Sudetendeutschen eine unlösbare Aufgabe. Zunächst.

Mit 15 Jahren gelangte er auf abenteuerliche Weise nach Hamburg. Dort endlich heuerte er an und verliebte sich nebenbei in die junge Wilma. Hochzeit, drei Kinder, Johnny machte seine Träume wahr. Kaufte einen Frachter, steuerte die Küsten Europas und Nordafrikas an. Eine Familie auf großer Fahrt. "Als Kind waren wir oft an Bord. Später nur in den Ferien", sagt Katja Lucker.

Ihr Vater macht, was ihm gefällt: singt oft und laut, spielt Akkordeon, Gitarre. "Das musste nicht perfekt sein, sondern sollte Freude machen." Die Kinder machen mit. Widdewiddewitt - was kostet die Welt?

Die Lebenshaltung färbt ab. Katja Lucker macht ihr Ding. Sie packt vor der Abiturfeier ihre Sachen und zieht nach Berlin. Lebt in einer Kreuzberger Wohngemeinschaft. Studiert Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaften. Schauspielert und lässt es wieder sein. Saniert eine Moorkate in Niedersachen, kehrt 1996 zurück in die Großstadt. Lacht, wenn andere vom Aussteigen reden. "Ich habe die Phase hinter mir."

Die 43-Jährige lebt und arbeitet mitten im Getümmel. Die Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg ist Luckers Heimathafen. Dort steht die Kulturbrauerei, wo sie 1996 ein Praktikum absolvierte, Konzerte, Lesungen und Ausstellungen organisierte. "Ich habe mich da so reingefummelt", sagt Lucker.

Offensichtlich macht sie das gut: Seit 2002 ist sie Vorstandsvorsitzende des Vereins Kulturbrauerei. Als selbstständige Kulturmanagerin stellt sie das Programm im Kesselhaus zusammen. "Nach der Wende war das eine Ruine. Aber eine, aus der Künstler, Architekten und Fotografen etwas Tolles gemacht haben."

Jetzt will der Treuhandnachfolger TLG Immobilien GmbH das Areal verkaufen. Der derzeitige Mietvertrag läuft über das Land Berlin. "Es soll ein Standort für Kultur bleiben. Aber wer weiß, was letztlich geschieht?", sagt Katja Lucker.

Der Weg von der Praktikantin zur Managerin war kurz. 1999 erhielt sie den Zuschlag für das Bühnenprogramm beim Karneval der Kulturen. 2001 kam Karlheinz Stockhausen. Ein Komponist. Ein Professor. Ein exzentrisches Genie. Ein interessanter Mann, der mit zwei Frauen gleichzeitig lebte. Für alle drei musste Lucker eine passende Unterkunft besorgen, mit Mittel- und Seitenräumen und Verbindungstüren. Wichtiger war für Lucker, dass sie mit einer Gruppe um Regisseurin Cornelia Heger zu Stockhausens Musik erstmals ein Stück ohne dessen direktes Mitwirken inszenieren durfte. "Er vertraute uns." Für die Produktion warb Lucker Geld ein. Der Gesamtetat belief sich auf 400.000 Euro - so viel zu den Größenordnungen.

Seit 2004 kuratiert sie über die Wirtschaftsfördergesellschaft "Berlin Partner" das Hoffest des Regierenden Bürgermeisters. Sie ordert DJs und Musiker, Shows und Talente. Dazu kommen Aufträge deutschland- und weltweit. Lucker war vier Jahre lang Projektleiterin Kreativwirtschaft für die Ruhr 2010, pendelte zwischen Berlin und Essen, zwischendurch nach Shanghai zur Expo. Karneval der Kulturen und Hoffest liefen parallel. Ebenso die Juryarbeit für Kultur- und Kreativpiloten der Bundesregierung und Ehrenämter bei Netzwerken wie all2gethernow oder Berlin Music Commission. "Ich bin glücklich und froh so", sagt sie.

Lucker hat lange schon kein Schlagzeug, keine Gitarre mehr angerührt. Doch Popmusik ist ihr Lieblingskind. Für strukturelle Unterstützung hat sie gekämpft. Mit Erfolg: Ab 2013 fördert der Senat das Musicboard mit einer Million Euro.

Coole Tante

Kinder hat Lucker keine, aber Nichten und Neffen. "Ich bin die coole Tante, die einen auf die Gästeliste setzt." Lucker grinst. Ihr Bruder Thomas lebt ebenfalls in Berlin. Er ist Künstler, und so hängen bei Lucker Lucker-Gemälde an der Wand, neben Arbeiten von Ronald de Bloeme, McLovla und Vegard Vinge. "Ich bin ein großerVinge-Fan", sagt sie. Und, natürlich: "Kunst ist mein Hobby".

In Literaturdingen verehrt sie Roberto Bolaño. Begeistert eilt Lucker ins Nebenzimmer und kommt mit dem jüngsten Roman des Chilenen zurück, dem 1096 Seiten dicken Buch "2666". "Wenn ich jemanden treffe, der das Buch ebenfalls kennt, möchte ich sofort stundenlang darüber diskutieren, Tee trinken und alles andere vergessen." Momentan ist kein solcher Kenner zugegen. Lucker bereitet sich also auf ihre Gast-Dozentur an der Pop-Akademie in Mannheim vor. Sie war gerade erst in Kanada auf einer Musikmesse. Immer unterwegs. Wie die Seefahrer.