Kulturmacher

"Wir müssen ein Fenster zur Welt öffnen"

Seit sieben Jahren leitet Kay Wuschek das Theater an der Parkaue in Lichtenberg. Er will mit engagierten und ausgefallenen Inszenierungen Kinder und Jugendliche ins Theater locken

Noch ein paar Meter weiter, dann kommt auch schon Polen. So verorten böse Zungen das Theater an der Parkaue in Lichtenberg. Kay Wuschek, der Intendant des größten deutschen Kinder- und Jugendtheaters, schüttelt den Kopf: "Nein, das ist ein Irrtum, mit der U-Bahn sind es nur zehn Minuten vom Alex." Schon bei der Anfahrt zum S-Bahnhof Frankfurter Allee könne man den Bühnenturm des Hauses leuchten sehen. Als Kontrapunkt zur Leuchtschrift des benachbarten Ring-Centers.

Seit sieben Jahren leitet Kay Wuschek das einzige "Junge Staatstheater" Berlins. Rund 30 Stücke sind pro Spielzeit im Repertoire, davon zwölf bis 15 Premieren - vom Märchen für Vierjährige bis zu Stoffen, die für das Deutsch-Abitur relevant sind. Auf drei Bühnen wird gespielt, demnächst allerdings nur auf zwei, weil Sanierungsarbeiten anstehen. Rechnet man die Gastauftritte außerhalb Berlins ein, besuchen jedes Jahr etwa 100.000 Zuschauer die Vorstellungen, das entspricht einer Auslastung von fast 90 Prozent. Und längst kommen die Besucher nicht mehr nur aus dem Osten. "Wir fragen nicht wie im Baumarkt nach der Postleitzahl", erklärt Wuschek, aber zumindest bei den Anmeldungen der Schulen bietet sich ihm ein Querschnitt durch alle Bezirke und durch Brandenburg. Die Trennlinie zwischen Ost und West, die gibt es für den 49-jährigen Theatermann ohnehin nicht mehr. Seine Herausforderung sieht er darin, Jugendliche überhaupt ins Theater zu locken. "Es ist doch so: Berlin ist eine Ansammlung von 15 Dörfern, und eines der Dörfer ist der eigene Kiez", sagt er. "Wir müssen die Leute über diese Grenze bringen und sie mit auf die Reise nehmen."

Pionier-Mief loswerden

Als Wuschek 2005 Intendant des Theaters wurde, haftete Lichtenberg noch der Ruf einer No-Go-Area an, doch seitdem habe sich viel verändert. Bürgerinitiativen seien entstanden, das Rathaus in unmittelbarer Nachbarschaft des Theaters veranstaltet einmal im Jahr eine "Lange Nacht der Politik", es gebe immer mehr Kulturangebote. Wuschek ist überrascht, wie schön der Bezirk wird, wenn man mal hinter die Plattenbauten an der breiten Frankfurter Allee schaut. In den sieben Jahren seiner Intendanz hat sich auch das Theater verändert, das 1911 als Knabenschule gebaut worden war. 1950 wird aus der Schule das "Theater der Freundschaft" mit einem Freizeitzentrum für junge Pioniere. Nach dem Fall der Mauer ist es schwer, diesen Pionier-Mief wieder loszuwerden. Die Besucherzahlen gehen zurück, da hilft auch nicht die Umbenennung in "Carrousel-Theater". Die Mittel werden drastisch gekürzt, das Theater steht kurz vor dem Aus. Es bekommt noch eine Chance, und die heißt Kay Wuschek. Der verpasst dem Haus erst einmal den neuen schlichten Namen "Theater an der Parkaue" und der grauen Fassade einen neuen Anstrich.

Vor allem aber auf der Bühne sorgt er für Farbe. Sein Konzept: "Wir müssen verführen und ein Fenster zur Welt öffnen." Als Intendant inszeniert Wuschek meist nur ein Stück pro Spielzeit, er sieht seine Rolle mehr als Einlader und Ermöglicher: Er kooperiert mit großen und kleinen Theatern und Ensembles der Stadt, zum Beispiel mit der Theaterwerkstatt Spandau oder mit dem Staatsballett. Zum Beispiel steht am 5. Dezember "Dornröschen" auf dem Programm, zugunsten der Weihnachtsaktion von "Berliner helfen", dem Verein der Berliner Morgenpost.

Das Öffnen bedeutet für Wuschek auch, dass er oft unkonventionell an Klassiker herangeht und die Grenze zwischen Erwachsenen- und Kindertheater mitunter verschwindet. "Das ist doch ein typisch deutsches Phänomen", sagt er. "In anderen Ländern gibt es solch eine Grenzziehung überhaupt nicht." Gelungen ist eine Produktion für ihn vor allem dann, wenn sie Eltern und Kinder gleichermaßen begeistert. Zu den erfolgreichsten Stücken in der Parkaue gehört zum Beispiel "Peter und der Wolf", neu interpretiert und instrumentiert von "norton.commander.productions", einem Team, das sonst im Erwachsenentheater arbeitet.

Kay Wuschek sucht den Blick über den Tellerrand. Er engagiert sich als Mitglied im Rat für die Künste Berlin, dem Kulturschaffende aller Sparten angehören. Im kommenden Jahr findet zum wiederholten Mal das bundesweite Festival für Kinder- und Jugendtheater "Augenblick mal" in seinem Haus statt und er will zusammen mit anderen Theatermachern ein eigenes Festival für junges Publikum unter dem Titel "Wildwechsel" gründen. Theater - das ist für Wuschek nicht nur Beruf, "das ist mein Leben".

Geboren in Aschersleben in Sachsen-Anhalt, hat Wuschek in Berlin Theaterwissenschaft studiert und danach an verschiedenen Theatern in Ost und West, im In- und Ausland, mal als Dramaturg, mal als Regisseur, mal als Festivalleiter gearbeitet: "In 15 Jahren bin ich achtmal umgezogen." Erst als er vor sieben Jahren die Leitung des Theaters an der Parkaue übernahm, wurde er sesshaft - zumindest vorerst, bis 2015 läuft noch sein Vertrag. Die Rückkehr nach Berlin hat auch sein Leben verändert: "Hier habe ich die Frau meines Lebens gefunden und geheiratet", erzählt er, "vor zwei Jahren, oder waren es schon drei?" Zur Sicherheit schaut er auf den kupfernen Anhänger seines Schlüsselbundes: "Vor drei Jahren." Eine befreundete Schauspielerin hat ihm diesen Anhänger zur Hochzeit geschenkt und das Datum eingravieren lassen - "damit ich den Hochzeitstag nicht vergesse".

Flugzeug als Logo

Wohin die Theaterreise bei Kay Wuschek geht, das weiß er heute noch nicht. Oder sagt es zumindest nicht. Er deutet auf das Flugzeug-Logo des Theaters, auch das eine Idee von ihm: "Ich halte es da mit Martin Scorsese. Das Fliegen sei die beste Metapher für das Künstlerdasein, hat der Regisseur einmal gesagt. Man verliert den sicheren Boden unter den Füßen, spürt das Abheben mit allen Sinnen und landet dann an einem Ort, von dem man eine Ahnung hat, wie es dort aussieht, und doch ist es meistens anders." Das Flugzeug im Logo hat der Intendant auch deshalb gewählt, weil das Fliegen für Berlin immer schon ein großes Thema war: Die ersten Flugpioniere kamen von hier, die Luftbrücke prägte die Stadt. Dass das Logo angesichts der fast täglichen Hiobsbotschaften rund um den neuen Flughafen mal so aktuell sein würde, das hat sich Wuschek vor sieben Jahren noch nicht träumen lassen.