Berliner Perlen

Eine Frau macht Druck

Sabine Dittmer bringt nach traditionellem Siebverfahren Design, Poesie und Farben auf Stoffe. In ihrem Geschäft "Panama" in Mitte kauft auch Thomas Gottschalk gern Kissen

Über dem Gesicht des hinduistischen Gottes Wischnu ist ein Auszug aus Sartres "Das Sein und das Nichts" gedruckt. "Und quer darüber läuft ein Text von Karl Marx", sagt Sabine Dittmer über eine der vielen bunten Leinwände, die in ihrem Werkstatt-Atelier hängen: "So ein Design kommt eher aus dem Bauch heraus."

Seit zehn Jahren führt Dittmer die "Panama"- Siebdruckwerkstatt an der Tucholskystraße in Mitte. Während sie und ihre Kollegin die Siebe auf Stoffe pressen, bleiben Passanten vor den Ladenfenstern stehen oder kommen herein, kaufen fertige Drucke und schauen zu, wie den Leinwänden, Handtüchern, Vorhängen und Kissen neue Anstriche verpasst wird. "Wir bedrucken eigentlich alles. Auch Tische oder Bücher. Alles, was funktioniert", sagt die 51-Jährige. Dittmer ist diplomierte Textildesignerin. Ein Energiebündel mit Vorliebe für "Florales, Asiatisches und Gedichte". Motive dieser Themenfelder finden sich auch auf ihren Sieben wieder.

Von 50 bis 300 Euro

"Die Kunden können entweder bereits gefertigte Stücke kaufen, oder meine Vorlagen individuell kombinieren", sagt Dittmer. Der Interessent, an dessen Auftrag sie gerade arbeitet, hat sich für ein Kranich- und ein Kirschblüten-Motiv entschieden, das er gemeinsam mit einem Text über das Pflanzen von Rosen auf einem violetten Seidenstoff gedruckt haben möchte. Mit einem Pinsel zeichnet Dittmer die frisch gedruckten Motive auf der Seide nach. Große Zierdekissen sollen daraus gefertigt werden.

Modelle ähnlicher Art liegen vermutlich auch bei Thomas Gottschalk zu Hause. "Der kam mal hier hinein und hat gleich zwei Kissen aus dunkelbrauner Seide mit chinesischen Schriftzeichen, afrikanischen Masken und grünem Textaufdruck gekauft", sagt Dittmer. Viele Kunden bringen aber auch ihre eigenen Motiv-Ideen mit. Die Anfertigung eines Siebes nach Kundenwunsch kostet je nach Größe zwischen 50 und 300 Euro. Paare zum Beispiel lassen sich häufig Teile eines Liebesbriefes oder ihren Hochzeitsspruch auf Kissen, Bettwäsche oder Meterware drucken. Kinderfotos seien aber auch beliebt, oder einfach nur Vokabeln wie "Treue", "Freundschaft" oder "Verlässlichkeit". "Manche Kunden bringen Urlaubserinnerungen mit: Landschaftsbilder, Fotos von Kirchen und eigene Wortkreationen wie 'Seesucht'", sagt Dittmer.

Wie etwa Abbilder der eigenen Kinder neben dem Schriftzug "Seesucht" auf die Gardine kommen? Kundenentwürfe druckt die Textildesignerin zunächst auf Papier aus, später macht sie die Ausdrucke mit Öl transparent, um sie per Belichtungsmaschine und lichtempfindlicher Kopierschicht auf ein Siebgewebe zu prägen. Überall dort, wo das Siebgewebe nicht vor Strahlung geschützt war, ist es nun hart und undurchlässig. Eine Schablone ist entstanden. Mit einem Abstreichholz, genannt Rakel, presst Dittmer die Farbe dann auf Stoffe, Tapeten und Holz.

Rainer Maria Rilke, Joachim Ringelnatz und Karl Marx sind über 70 Jahre tot. Ihre Zeilen kann Dittmer auf Kissen und Vorhänge drucken, ohne Urheberrechte zu verletzen. "Wir sind auch schon zu Kunden nach Hause gekommen, um Vorlagen auf die Tapete zu drucken", sagt Dittmer.

Ihr umfangreichstes Projekt war die Arbeit für US-Film "Troja" mit Brad Pitt und Diane Kruger: "200 Banner mussten wir erst braun einfärben, um dann in goldener Farbe das Trojanische Pferd aufzudrucken." Dittmer erledigte den Auftrag mit ihrer Kollegin. "Die ganze Werkstatt war voll. Zum Glück geschah das im Sommer. Eine hat eingerakelt, die Andere hat Fahnen hinausgetragen."

Zuhause ein bisschen Ruhe

Ihre Kollegin Ariane Niehüser kennt Dittmer noch vom Studium in Hamburg. In Berlin trafen sich die beiden ehemaligen Studienkolleginnen zufällig wieder. Nun drucken die Frauen Seite an Seite, fünf Tage die Woche. Kunden aber dürfen nicht mitdrucken. "Das würde zu chaotisch werden", sagt Dittmer.

Neben Film- und Theaterproduzenten sowie Privatkunden gehören auch Inneneinrichter und Modedesigner zu Sabine Dittmers Kundenstamm. Sie lassen sich Seide oder Azetate bedrucken, die sie für ihre Kollektionen verwenden. Ein Berliner Modemacher wurde von Dittmers Werkstatt sogar zu einem gänzlich neuen Produkt inspiriert: "Ihm gefiel die Musterung unserer Schmutztücher. Also brachte er uns Nesselstoff, den wir zum Saubermachen der Siebe benutzen sollten. Er verkauft sie nun als Halstücher."

Zuhause hat Sabine Dittmer kaum Selbstbedrucktes. "In der Werkstatt ist alles schon so bunt, da brauche ich daheim ein bisschen Ruhe", sagt die Textildesignerin. Obwohl, so ganz stimme das auch nicht. Bedruckt ist das rollbare Podest ihres Freundes. "Vor zwei Jahren war er mein Kunde. So haben wir uns kennen gelernt", sagt Dittmer. Manchmal trinken sie auf dem fahrenden Möbelstück ihren Tee.

Panama Tucholskystraße 45, Mitte, Tel. 279 087 18, Di.-Fr. 11-19 Uhr, Sbd. 11- 16 Uhr