Berliner Perlen

Das Dünne muss ins Runde

In der "Perlerei" zeigt Meike Köster den Kunden, wie aus Faden, Stahlseide und Glasgebilden fantasievolle Armbänder und Colliers entstehen. Viele basteln sich dort Weihnachtsgeschenke

Wenn es etwas gibt, das den Namen "kreatives Chaos" verdient, dann das Durcheinander der Schalen und Schachteln, Perlen, Ösen und Werkzeuge auf den Arbeitstischen der "Perlerei" "Das ist noch das Schlachtfeld von gestern", sagt Meike Köster und streicht Glasgebilde in Tropfenform zu Häufchen zusammen.

Er war mal wieder gut besetzt, der schmale, helle Raum mit den Holzdielen an der Friedrichshainer Lenbachstraße. Denn in der Perlerei kann man individuellen Zierrat als Beiwerk zur Garderobe nicht nur fertig kaufen, man kann ihn auch selbst machen. Tausende von Modeschmucksteinen zum Fädeln (fünf Cent bis fünf Euro, Swarovski-Steine für 15 Euro) sind in Meike Kösters Stellwand sortiert nach Farben, Formen und Größen.

Was man daraus fertigen kann, ist an der Wand gegenüber zu bewundern. Mehrreihige Colliers, schmiegsame Stahlseide mit effektvollen Perl-Ornamenten, Ohrringe, mal dezent, mal schwer und bunt auftrumpfend. Nicht was trendy sei, gebe bei ihr die Richtung vor, sagt die 39-Jährige: "Überwiegend machen wir alltagskompatiblen Schmuck."

Riesige Einmachgläser

Angefangen hatte alles, als die gebürtige Bremerin zwölf oder 13 Jahre alt war. Damals machte im Nachbardorf ein winziger Laden für Perlen und Knöpfe auf. "Ich fand das toll, diese riesigen Einmachgläser mit Perlen, ein ganzes Regal voll." Das Geschäft hielt sich nur kurz, bei der jungen Meike aber war das Fieber entfacht. Für sich selbst, für Freunde und Verwandte reihte und formte sie von nun an Geschmeide. "Das war eigentlich immer das, was ich verschenkt habe", sagt sie.

Wie sich aus aufgezogenen Kugeln, Ovalen, Blatt- und Muschelformen dekorativer Hals- oder Armschmuck gestalten lässt, das imitierte sie und probierte, bis es klappte. Mit der Zeit wurden ihre Techniken und Materialien immer vielgestaltiger. Sie stickte Perlen in Blech oder nähte diese auf und um alles, was ihr so in die Hände geriet.

Als Meike Köster 1997 für ihr Psychologiestudium nach Berlin zog, war der Aushilfsjob in einem Perlenladen alles andere als lästige Pflicht. "Da konnte ich mich so richtig austoben", sagt sie. Nach dem Examen hielt es sie nur kurz im Büroalltag einer Personalabteilung aus. Vor acht Jahren eröffnete sie die erste "Perlerei" an der Gärtnerstraße. 2007 zog sie in unmittelbare Nähe des Ostkreuzes.

Manche ihrer Kunden kommen schon seit Jahren. Eine bald 90-Jährige ist darunter, die die Geschenkeproduktion fast serienmäßig betreibt und den Schmuck im Hospiz verteilt.

Allzu viel Reglement ist Meike Kösters Sache nicht. Werkzeug und Arbeitstische stehen ohne Anmeldung kostenlos zur Verfügung, solange Platz und geöffnet ist. Natürlich übernimmt sie auch Auftragsarbeiten. Hochzeitsschmuck zum Beispiel sowie das Umarbeiten älterer Schmuckstücke. Wer selbst tätig werden will, dem hilft sie gern, zeigt Techniken, fertigt die Verschlüsse, damit diese sicher halten. "Natürlich gibt es Leute, die das auch können. Aber eine Art Endabnahme mache ich immer", sagt Meike Köster.

Überhaupt ist sie jemand, "der gern dazwischen geht". Wenn abzusehen sei, dass das, was ein Kunde fertigen will, nicht schön aussehen wird oder mit den Perlen im Laden nicht zu machen ist. Wenn jemand zu viel auf einmal will, weil die Auswahl schwer fällt. Oder wenn eine ihrer Kreationen partout nicht zur Kundin passt. "Da bin ich ehrlich", sagt Köster. "Viele Sachen hier sind meine Babys. Ich will nicht, dass sie in einer Schatulle verschwinden." Wer die resolute Frau mit den schwarzen Strickstulpen über hochhackigen Stiefeln kennenlernt, glaubt ihr sofort. Weniger das Psychologiestudium sei ihr in da eine Hilfe, vielmehr die Lehre zur Friseurin, die sie ebenfalls absolvierte, erzählt Meike Köster: "Auch da kommt man den Leuten sehr nahe und muss lernen, mit ihnen zu kommunizieren."

Überwiegend Frauen

Überwiegend sind es Frauen, die es in die Perlerei zieht. Gelegentlich aber finden auch Männer den Weg dorthin, die ihre Frau oder Freundin mit Selbstgebasteltem überraschen wollen. Vor kurzem hatten sich unabhängig voneinander fünf Männer an den Arbeitstischen versammelt. "Hinterher habe ich mich geärgert, dass ich kein Foto gemacht habe", sagt Meike Köster. "Das ist noch nie passiert und wird auch nicht wieder passieren."

Meist im Schlepptau einer Mädchen-Geburtstagsgruppe trauen sich auch Jungs in die Perlenwerkstatt. Dafür hat Meike Köster Anleitungen für Schlüsselanhänger im Programm, andere ziehen Piratenketten auf. Zwei Stammkunden im Grundschulalter hat Meike Köster, die Präsente für ihre Schulfreundinnen fertigen. Köster: "Die hatten das ganz schnell raus, dass sie damit die Helden sind."

Kindergeburtstage bei Meike Köster sind inzwischen so gefragt, dass gerade die Herbstwochenenden früh ausgebucht sind. Für die Jüngsten hat Köster ein festes Angebot zusammengestellt, weil es weder Streit noch Tränen gibt, wenn alle dasselbe machen. Daneben kann man bei ihr Junggesellinnenabschiede oder Betriebsfeiern buchen. Kosten verursacht dabei lediglich das verbrauchte Material.

Perlerei Lenbachstraße 7, Friedrichshain, Tel. 97 88 20 28, , Di.-Fr. 12-20 Uhr, Sbd. 12-18 Uhr, www.perlerei.de