Kulturmacher

Berlins viertes Opernhaus

Bernhard Glocksin ist der künstlerische Leiter der Neuköllner Oper. Er erzählt lieber zeitgemäße Geschichten, anstatt Stücke aus dem klassischen Repertoire auf modern zu trimmen

Wenn Bernhard Glocksin auf der Kommandobrücke steht, kann er auf der einen Seite hinab in die brodelnde Karl-Marx-Straße blicken und auf der anderen Seite in die Ballsaal-Fenster, hinter denen gerade das neue Stück der Neuköllner Oper geprobt wird. Es ist eine Terrasse mit Blumenkübeln, die die beiden Seitenflügel der 100 Jahre alten Rixdorfer Passage verbindet.

Bernhard Glocksin ist der künstlerische Leiter der Neuköllner Oper, die aus der Mitte dieser offenen Passage nicht nur in den Bezirk, sondern nach ganz Europa strahlt. Genau hier wollte Glocksin her, obwohl ihm durchaus auch eine Karriere in der traditionellen Theaterlandschaft offen gestanden hätte. Nach seinem Studium der Musikwissenschaft und Germanistik war er unter anderem Chefdramaturg am Staatstheater Mainz und Vize-Intendant am Deutschen Theater Göttingen.

Seit 2004 ist er im Direktorium der Neuköllner Oper zuständig für die Programmgestaltung und das künstlerische Profil. "Ich möchte mit meiner Arbeit etwas bewegen: Menschen, Gefühle, Meinungen", sagt er. Und das sei hier möglich, wie in keinem anderen Haus. Die Neuköllner Oper ist einmalig, nicht nur in Berlin sondern wahrscheinlich sogar europaweit, sagt er. Das Privattheater wird gern als Berlins viertes Opernhaus bezeichnet. Tatsächliches ist es mehr als das. Hier werden im Unterschied zu den anderen Opernhäusern Geschichten mit Musik erfunden, nicht das übliche Repertoire nachgespielt.

Das Haus zeigt ganzjährig bis zu elf Ur- und Erstaufführungen in durchschnittlich 250 Vorstellungen. "Insgesamt 170 Ur- und Erstaufführungen in 35 Jahren - das ist doch mehr als Staatsoper oder Komische Oper zusammen hinkriegen", sagt Glocksin. Ziel sei es nicht, Oper krampfhaft zu aktualisieren. "Wir nehmen auf, was um uns herum passiert. Anteilnahme und Teilnahme ist unser Motor." Das gilt sowohl für Adaptionen von klassischen Stoffen, als auch für das neu geschriebene Musiktheater.

Europäischer Krisengipfel

Die Oper "Aida" von Giuseppe Verdi beispielsweise, die gemeinsam mit griechischen Theatermachern auf die Bühne gebracht wurde, war so eine Adaption. "Eigentlich geht es in der Oper um die Unterwerfung von Äthiopien durch Ägypten - an der Neuköllner Oper ist der Schauplatz der europäische Krisengipfel in der europäischen Zentralbank", sagt Glocksin. Auch hier gehe es um Unterwerfung und Schulden. Selbst in der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" hatte die Oper Beachtung gefunden.

Ideen wie diese werden an dem großen langen Holztisch in der obersten Etage der Passage gemeinsam mit den 14 festen Mitarbeitern geboren. Glocksin behauptet von sich ein Team-Mensch zu sein, und man glaubt es dem rotblonden Mann mit Dreitagebart und Drahtbrille sofort. Der Chef hat nicht einmal ein eigenes Büro, sein Schreibtisch steht neben denen der anderen in einem großen loftartigen Raum. Bernhard Glocksin ein Netzwerker und Mitreißer - einer, der immer wieder neue Anstöße gibt. Gerade durch seine Art der Kooperation hat er das Profil der Neuköllner Oper geprägt.

Gegründet wurde das Musiktheater von Winfried Radeke in den 70er-Jahren aus dem Widerspruchsgeist gegen die bürgerlich-konventionelle Oper, die sich immer mehr vom Volk zu entfernen schien. Dass sie gerade in einem sogenannten kulturfernen Bezirk wie Neukölln ihre feste Spielstätte fand, war Programm. Glocksin fühlt sich dieser Tradition verbunden. "Die große Oper gipfelte in einer Zeit, in der das Bürgertum um einen Nationalstaat kämpfte und mit den pompösen Häusern und großen Besetzungen seine eigene Bedeutung inszenieren wollte", sagt er. Das habe man heute nicht mehr nötig. Oper müsse nicht in absurd großen Häusern gespielt werden, sondern funktioniere ebenso gut in kleinen Formaten.

Austausch zwischen den Kulturen

Glocksin wäre aber nicht künstlerischer Leiter der Neuköllner Oper, wenn er nicht auch den Ehrgeiz gehabt hätte, hier seine eigene Handschrift zu hinterlassen. Unter seiner Leitung ist das Musiktheater internationaler geworden, offener für Einflüsse anderer Kulturen. Dafür steht beispielsweise das Erfolgs-Stück "Tango Türk". Es geht um den Sohn einer Einwandererfamilie aus der Türkei, der hier in dritter Generation lebt. Durch den Tod seiner Mutter wird er mit der verdrängten Geschichte seiner Familie und dem Militärputsch in Istanbul 1980 konfrontiert.

Um den Austausch zwischen den Kulturen bei der Bewältigung gemeinsamer Probleme geht es Glocksin auch bei dem europäischen Festival "Move Opera", das die Neuköllner Oper im kommenden Jahr ausrichten wird. "Es geht darum, was mit der Kultur in Ländern in prekären finanziellen Situationen wie Griechenland, Italien oder Spanien passiert", sagt Glocksin. Gastspiele aus dem Ausland und gemeinsame Koproduktionen sollen in Neukölln gezeigt werden, aber auch in gemeinsamen Workshops initiiert werden.

Es sei dramatisch zu sehen, wie viele Theaterhäuser in Italien einfach verschlossen bleiben und nicht mehr bespielt würden. Glocksin weiß es durchaus zu schätzen, dass die Neuköllner Oper jährlich 1,1 Millionen Euro an Landeszuschüssen erhält, "auch wenn es natürlich mehr sein könnte". Immerhin sei das nur ein Bruchteil von den 100 Millionen Euro die die drei großen Opernhäuser erhalten.

Das hält ihn jedoch nicht davon ab, immer wieder neue Projekte ins Leben zu rufen, zum Beispiel das "Forschungsinstitut für postneurotisches Musiktheater". "Kann es sein, dass der ganze Wagner- und Opernkult eher ein psychosoziales Phänomen ist, mithin die großen Bühnen eher Suchtkliniken und Reha-Zentren?" Einen ersten Einblick in die Forschungsarbeit gibt die Uraufführung am 27. November. Klangkünstler Damian Rebgetz untersucht die Frage, ob Opernsänger Aliens, Androiden oder nur Menschen mit abnormen Stimmbändern sind.