Horrmanns Gourmetspitzen

Mordsgaudi

Heinz Horrmann besucht die bodenständigen Tiroler Bauernstuben in Spandau - und ist begeistert

Sterneküche? Ist doch großartig. Exotische Gerichte? Gewiss auch ein Erlebnis. Aber manchmal darf es auch etwas Bodenständiges sein. Vorausgesetzt, die Atmosphäre des Restaurants stimmt und die Küchenqualität ist durchgehend gut. Beides erlebte ich in den Tiroler Bauernstuben an der Heerstraße.

Das Restaurant mit mehreren Räumen und 120 Plätzen ist komplett holzverkleidet, wie eine Berghütte in Tirol, mit Fackeln und Kürbissen aller Größen verziert, aber - das macht mir Freude - mit weißer Tischwäsche und gestärkten Stoffservietten kombiniert. In diesem gepflegten Rahmen wurde präsentiert, wie einzigartig und variationsreich die Küche des Ferienlandes ist, ganz gleich, ob im Winter auf der Skihütte oder im Sommer zur Stärkung nach Wandertouren. Das Restaurant empfängt mit einer unaufdringlichen, aber herzlichen Atmosphäre, untermalt von dezenter Musik. Das Küchenangebot ist breit, von Hüttengulasch mit Schwammerln (Pilzen), Semmelknödeln und Speckkrautsalat bis zu Grillprodukten vom heißen Stein. Bei den Salaten, die ich gerne als die Visitenkarte eines Restaurants bezeichne, beginnt die gute Benotung. Erstklassig war das Dressing mit Kürbiskernöl. Das Aroma dominiert auch die traditionelle Steirische Kürbisrahmsuppe.

Der Fisch ein Volltreffer

Ich eröffnete mein Menü mit der Forelle Bregenzer Art (in der Pfanne gebraten) mit Silberzwiebeln, Kapern und Tomatenwürfeln. Das war ein Volltreffer. Den folgenden Tafelspitz, original mit Wurzelgemüse, Meerrettichsauce im Metallkännchen, Kren und sehr gut ausgebackenen Kartoffelplätzchen. Das kann man schwerlich noch besser machen. Bis auf ein paar Kleinigkeiten zeigte alles, was auf den Tisch kommt, eine gelungene Balance zwischen Bodenständigkeit und Raffinesse. Natürlich stehen die landestypischen Vorspeisen im Vordergrund. Kasspatzen zum Beispiel, mit gedünsteten Zwiebeln. Oder gebratene Hähnchenbruststreifen im Weizencrêpe sowie die in der österreichischen Küche unverzichtbaren Gröst'l (vom Schweinefleisch).

Und dann kam das tellergroße Wiener Schnitzel an den Nebentisch. Fabelhaft goldgelb gebraten. Vom Bio-Kalb - und absoluter Bestseller. Auch mit weißroter Handschrift, aber in der Aromakombination höchst interessant, ist das Kalbsgeschnetzelte, das man eher im Nachbarland, der Schweiz, erwartet. Nach Tiroler Art wird es in einer cremigen, pikanten Käsesauce angerichtet.

Was ich in Berlin noch nie in dieser Breite angeboten gefunden habe, ist die Auswahl an deftigen "Strudeleien". Gemüse-, Hackfleisch- oder Sauerkrautstrudel mit Knackwurst und Rahmsauce - alle kosten einheitlich 9,50 Euro. Das ist typisch für das ganze Programm in den Tiroler Bauernstuben: Die Portionen sind groß, die Preise klein. Wer nicht so sehr auf Hüttenzauber-Spezialitäten steht, kann Fleischportionen bestellen (von Geflügel bis Rind), die er selber auf einem heißen Lavastein grillen kann. Dazu werden verschiedene Steaksaucen serviert, Folienkartoffel mit Kräuterquark oder gut gemachte Bratkartoffeln.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die fleischlos glücklich werden. Für die Gäste, die anders denken, gibt es etliche Gerichte wie knackfrisches Gemüse mit Käse überbacken oder Pilzgulasch mit Kräuterspätzle. Ich hab's probiert, die Aromen sind fein abgestimmt, alles schmeckt köstlich - ist aber nicht mein Ding. Da probiere ich doch deutlich lieber den herzhaften Zwiebelrostbraten, der von einem gut abgehangenen Entrecôte geschnitten ist und mit viel Röstzwiebeln einen deftigen Geschmack bekommt.

Desserts gehören zu Österreich wie die Löcher in den Schweizer Käse. Da die Portionen groß sind, empfehle ich gleich, zwei Löffel zu ordern und mit dem Partner zu teilen. Slim hin, Gewichtskontrolle her, probieren muss man den Kaiserschmarrn mit hausgemachtem Zwetschgenröster (für 5,50 Euro) oder die in Brösel gewendeten Marillenknödel in Aprikosensauce. Der Mozart-Eisbecher beglückt - und geht direkt auf die Hüfte. Verschiedene Eissorten wie Walnuss, Pistazie, Schokolade und Schokoladenlikör - für meinen Fernsehpartner und Freund Reiner Calmund ist das der Höhepunkt des Menüs. Nicht zu vergessen, dass auch bei den Süßigkeiten wieder Strudel angeboten werden, wie Apfel mit Vanillesauce oder Topfen mit Marillensauce.

In den höchsten Tönen zu loben

Positiv, ja, in den höchsten Tönen zu loben ist der freundliche Service. Durchaus mit etwas Schmäh bei der Gäste-Ansprache, aber immer aufmerksam und kompetent - ich muss schon sagen: liebenswert. Die Weinkarte ist bewusst klein gehalten. Ich hatte mir, weil kein Bordeaux verfügbar ist, eine Assemblage (Mischung) aus Cabernet Sauvignon und Merlot bestellt, eine wenig bedeutende Lage aus Österreich, dafür aber mit 24 Euro richtig preiswert.

Österreichische Küchen liegen in Berlin im Trend. Mit Fug und Recht darf man die Tiroler Bauernstuben wohl als eines der absolut besten dieser Restaurants bezeichnen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist sehr gut, die Atmosphäre stimmt und das Restaurant ist täglich geöffnet. Und dann darf man nicht vergessen, den Sonntagsbrunch (von 10 bis 14 Uhr, Vorbestellungen erwünscht) zu erwähnen. Unschlagbar ist auch hier der Preis: 14,50 Euro. Neben dem breiten Speiseangebot sind Sekt und Kaffee auch noch inklusive.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Tiroler Bauernstuben Heerstraße 137, Am Scholzplatz, Spandau, Mo.-Sbd. 11.30-23 Uhr, So. ab 10 Uhr, Tel. 30 09 94 66, www.tiroler-bauernstuben.de

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