Horrmanns Gourmetspitzen

So schmeckt Palazzo

Heinz Horrmann hat sich die neue Show von Hans-Peter Wodarz und Christian Lohse angesehen

Für die Aufwertung und Akzeptanz der Feinschmecker wurde im Spiegelpalast einmal mehr nachdrücklich gesorgt. Von wegen, Erlebnisgastronomie wie das Varieté-Dinner "Palazzo" sei nur Showgeschäft mit Nahrungsaufnahme. Die aktuelle Ausgabe mit Spaß für alle Sinne, die in dieser Woche Premiere im Spiegelpalast an der Invalidenstraße, Ecke Friedrich-List-Ufer feierte, serviert mit einem doppelten Salto Kulinarik in feinster Form. Und das nicht nur auf der wohlklingenden Menükarte, sondern auf dem Teller, appetitlich präsentiert, wovon ich mich überzeugen konnte. Die Show "Viva la Diva" profitiert vom Zusammenspiel der befreundeten Experten Hans-Peter Wodarz, Erfinder dieses abendlichen Genusses voller Lebensfreude und Christian Lohse, dem Zwei-Sternekoch in der Metropole, der die Gerichte komponiert und mit dem Team trainiert hat.

Wenn man mal bedenkt, wie Wodarz angefangen hat, mit Panem et Circenses, später mit Pomp Duck and Circumstance, da war das Essen noch sehr bescheiden. Immer wieder gab es ein Möhrensüppchen und dann ein Stück Entenbraten, mehr erwarteten die Gäste auch nicht. Das hat sich geändert. Wie spektakulär heute gekocht wird, zeigen die beiden Vier-Gang-Menüs, eines davon vegetarisch. Man muss schon Hochachtung haben, wenn man in Rechnung stellt, dass mehr als 400 Gäste alle qualitativ gleich köstlich versorgt werden müssen. Ich habe mir die Vorbereitungen in der Küche mit den zwölf Mitarbeitern angesehen. Da waren in der Vorbereitung in endlosen Reihen die kalten Elemente auf den Tellern platziert und die warmen wurden in letzter Minute frisch zubereitet dazugelegt. So beispielsweise "Pflastersteine" vom Brandenburger Saibling auf einem Ragout von Roter Bete und Meerrettich. Ein derart sensationelles Zusammenspiel der Aromen mit Meerrettich, Rote Bete und weißem Pfeffer habe ich bei dem an sich langweiligen Fisch selten erlebt. Für die Vegetarier wird da übrigens ein Curry-Gemüse-Strudel angerichtet.

Berlin bietet die beste Küche

Die Küchen in der so genannten Event- Gastronomie sind so unterschiedlich in Ausführung und Qualität wie die Show-Elemente, die vor allem in der Vorweihnachtszeit für ein paar Stunden Ablenkung von den alltäglichen Wirtschaftsproblemen sorgen. Als Hans-Peter Wodarz anfing, sorgte er gleich dafür, dass die Berliner Ausführung des in mehreren Städten gastierenden Entertainments die beste Küchenleistung präsentierte. Das mache ich an Details fest. Wieder gibt es Ente, aber die Landentenkeule wurde erst confiert und dann knusprig gebraten. Liebevoll die Beilagen: ein zartes Püree von Löffelerbsen, glasierte weiße Rübchen und als Aromaträger Orangenfilets. Einziger Kritikpunkt: Durch die verschiedenen Arbeitsgänge war das Entenbein ein wenig zu salzig. Dafür war aber das Fleisch butterzart und die Haut kross wie Karamell.

Großartig auch die Vorspeise. Ein Samtsüppchen vom Muskatkürbis mit knusprigen Salbei- Brotwürfeln. Die Sülze von der Kalbsstelze dazu war vorbereitet, aber schmeckte richtig frisch. Auch durch die ganz feine Säure. Die Winterpilze mit gerahmter Salsa Verde waren okay - aber nicht weiter erwähnenswert.

Im Gegensatz zu meinem TV-Partner Reiner Calmund bin ich kein großer Dessert-Freund, aber ich gestehe, im Palazzo habe ich den vierten Gang genossen, weil er ein so köstlich leichter Abschluss war. Berliner Weiße ( gebunden ), einmal mit Himbeeren, und ein zweites Minigläschen mit Waldmeister. Und dazu das Beste: eine Tarte Tatin auf Sterne-Niveau, mit Vanille-Schmand, der extra gereicht wurde. Unabhängig von allen gekonnten Ausführungen ist grundsätzlich das Schöne an der Palazzo-Küche, dass es hier kein Trend-Essen aus dem Chemiebaukasten gibt und auch kein Fast Food, die Notnahrung, die immer schneller und schlimmer wird, findet statt. Insgesamt steht unter dem Strich eine Bewertung knapp unter der Sternegrenze. Das ist für 400 Gäste wahrlich außergewöhnlich.

Der Service gehört zur Show oder die Show zum Service. Doch dieses Mal agiert der ganze Bedienungsapparat stilvoll und gut geschult, allein darauf konzentriert, den Gast zu verwöhnen. Die Weinkarte ist klein, umfasst günstige Kreszenzen. Wer lechzt schon nach einem Mouton-Rothschild, wenn die Künstler mit Akrobatik auf dem Seil den Atem rauben? Unabhängig vom tollen Unterhaltungsprogramm mit Las Vegas-Atmosphäre ist auch alleine das, was auf den Tisch kommt, empfehlenswert für einen schönen Abend. Das sah auch Schlagersänger Tony Christie ("Amarillo") als einer der Ehrengäste so. Ohne Gage sang er als Dankeschön auf der kleinen Bühne seine Hits zu Kaffee und Digestif.

Was der Spaß kostet? Die Preisliste beginnt bei 79,90 Euro und 99,90 Euro am Wochenende. Die Getränke müssen extra bezahlt werden. Für Genussverweigerer gibt es auch ein Eckchen, wo man nur die Show sehen kann (Preis ab 66 Euro). Aber wer will das schon?

Natürlich macht das Showprogramm Spaß - mir ging es an dieser Stelle aber ausschließlich um die Qualität des Menüs, das sich einem Sternekoch würdig erwies.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Palazzo Spiegelpalast am Hauptbahnhof, Friedrich-List-Ufer, Invalidenstraße, Di.-Sbd. 19.30 Uhr, Do. 18 Uhr, bis 3. März 2013, Tel. 01805 388 883, www.palazzo.org

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