Horrmanns Gourmetspitzen

Ende gut, Adnan gut

Heinz Horrmann besucht Adnan Oral in seinem wieder eröffneten Restaurant in Charlottenburg

Wird ein Restaurant vorübergehend geschlossen, wittern alle finanzielle Probleme, Steuer-Ärger oder ähnliches. Auch als Adnan Oral sein Restaurant an der Schlüterstraße für einige Monate schloss, ging das Gerede los. Dabei hat er sein beliebtes "In-Restaurant" lediglich aufwendig renovieren lassen.

Heute steht er strahlend im Raum. Als der große Gastgeber, der wirklich jeden liebevoll begrüßt. Bei meinem Besuch habe ich auch in Sachen Küche und Service den besten Adnan aller Zeiten erlebt. Gewiss gilt auch aktuell, dass er nicht nach den (Michelin)-Sternen greift, aber seine Gäste mit Gerichten aus guten Grundprodukten begeistert.

Manchmal handhabe ich das wie viele andere Genießer in unserer Stadt: Wenn ich privat unterwegs bin, wähle ich nicht erst im Restaurant mein Wunschgericht aus, sondern drehe den Spieß um. Das Essen, auf das ich gerade Lust habe, führt zur Wahl des Restaurants. Für ein vorzügliches Steinbuttfilet gehe ich zu Christian Lohse ins Fischers Fritz, für ein erstklassiges Wiener Schnitzel zu Joe Laggner in die Gendarmerie. Und steht mir bei besonderen Anlässen der Sinn nach grandiosen Variationen - steht das Lorenz Adlon Esszimmer auf der Liste. Und wenn ich Lust auf ein rustikales, aber perfekt gegrilltes, butterzartes Kalbskotelett mit viel Salbei und geröstetem Gemüse habe, reserviere ich automatisch bei Adnan Oral. Der Kalbsknochen sorgt gegenüber dem eher langweiligen Kalbsfilet für viel mehr Aroma. Adnan Orals Küche kann man nicht ganz komplett, aber weitgehend als mediterran beschreiben. Gerichte wie der klassische italienische Meeresfrüchtesalat, die große Pasta- und Pizza-Auswahl oder die 500 Gramm Riesengarnelen vom Grill mit geröstetem Knoblauchbrot und Sauce Béarnaise (hausgemacht und nicht aus der Konserve) zeigen das. Die Garnelen sind ein Bestseller bei vielen bekannten Prominenten, die kommen. Adnan Orals Restaurant hat den höchsten Promi-Faktor aller Restaurants in Charlottenburg-Wilmersdorf. Das Lokal auf der Ecke zur Mommsenstraße ist jeden Mittag und jeden Abend gut besucht. Der Restaurateur, gebürtiger Türke, hatte bekanntlich wenig Glück mit seinem zweiten Restaurant Bey. Das gab er bald wieder auf, weil es selber nur an einer Stelle sein konnte - der Chef aber der Star ist, mit dem jeder reden möchte.

Empfehlenswert, kein Höhenflug

Wie aber sind Küche und Service im Adnan heute zu bewerten? In früheren Jahren bin ich hier Fahrstuhl gefahren, mal nach oben, mal nach unten. Heute bleibt das Produkt komplett stabil. Ich erlebte einen sehr empfehlenswerten Genussabend ohne verkrampfte, weil zu gewollte Höhenflüge. Erst einmal ist Adnan Oral ein großartiger Gastgeber, der Stammgäste anzieht und bindet, und er dirigiert einen sehr guten Service. Gästepflege, die er auch im ausgebuchten Restaurant selber vorlebt und die seine Kellner dann zelebrieren.

Zur Küche: Das vorzügliche Kalbskotelett habe ich erwähnt. Der Salat dazu kommt knackig frisch, der angelfrische Fisch (ganz gleich, ob Lachs, Steinbutt, Zander oder Dorade) ist stets perfekt gegart. Empfehlenswert: Spaghetti mit Trüffel und, wer Lust darauf hat, die großen, ovalen Pizzen mit Scampi oder Thunfisch oder mit pikanter Salami und Artischocken. Das klingt erst einmal sehr simpel, wenn man bedenkt, dass der ausgerollte Hefeteig vor 500 Jahren in Neapel als Arme-Leute-Essen zur Resteverwertung erfunden wurde. Heute bekommt man das runde Stück Italien zumeist labberig mit oft unpassendem Belag an jeder Straßenecke. Ich bleibe dabei: So kross, so hauchdünn, mit Käse, Tomaten und Kräutern belegt und damit unverfremdet, wie die Pizza bei Adnan auf den Tisch kommt, ist das simple Gericht auch für Feinschmecker ein Genuss. Nicht auf der Karte steht eine heimliche Spezialität zum Einstieg ins Menü: hauchdünner Pizzaboden, milder Käse und tüchtig darüber gehobelte Trüffel. (Die Zeit der weißen aus Alba und Asti beginnt gerade.) Genau diese Art von Köstlichkeiten, diese Linie, Einfaches gekonnt zuzubereiten, zieht sich durch das Küchenprogramm, prägt die Qualität des Hauses. Wer hier allerdings nie dagewesene, kreative Aha-Erlebnisse oder Molekularküche aus dem Chemiebaukasten erwartet, hat schlicht das falsche Restaurant gewählt. Das Gesamtkunstwerk ist die Zusammenstellung eines Angebots, das eigentlich jeder mag. Die Jakobsmuscheln beispielsweise, bereitet die Küche auf Wunsch des Gastes kross gebraten oder in einer herzhaften Estragon-Sauce auf Spinat angerichtet und unter dem Salamander (Oberhitze) gratiniert. Sind die Speisen am Abend im mittleren bis gehobenen Preisbereich angesiedelt, ist das Business-Menü am Mittag (ab 12 Uhr) bewusst preisgünstig kalkuliert. Als Vorspeise Salat oder Suppe (im Sommer kalt), dann ein Fisch oder ein kleiner Fleischgang: In 50 Minuten ist alles serviert. Wer mit einem großen Salat und viel Fetakäse zufrieden ist, kommt mit 7,50 Euro zurecht.

Kompetent und umsichtig

Die Desserts sind Standard. Adnan Oral empfiehlt seine hausgemachten Sorbets, das Tiramisu, Crèmes und frische Früchte. Etliche Weingenießer verzichten darauf und ordern die Käseauswahl. Die Weinkarte ist übersichtlich klein und kundenfreundlich kalkuliert. Die Kreszenzen des Südtirolers Alois Lageder sind zur Zeit der Renner in der gehobenen Mittelklasse. Der Weinservice ist kompetent und umsichtig ("Darf ich den Barolo dekantieren?") und Adnan Oral, der Chef, hat seine Augen auf jedem Tisch. Er ist sich nicht zu schade, mitzuhelfen, wenn jeder Stuhl besetzt ist. Er rennt, trägt auch mal das Geschirr und Speisen. Adnan Oral ist nicht nur dabei, sondern mittendrin, er hat alles im Blick und alles im Griff. Und immer ein charmantes Lächeln im Gesicht.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Restaurant Adnan Schlüterstraße 33, Charlottenburg, Mo.-Sbd. ab 12 Uhr, Tel. 54 71 05 90