Berliner Perlen

Suche nach dem perfekten Klang

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Die Handwerker der Werkstatt Picea geben der Musik jene Instrumente, die sie verdient. Für ihre einzigartigen Celli, Geigen und Gitarren greifen sie da mitunter auch mal zu Mammut-Stoßzahn

Diese Gitarre ist Jahrtausende alt und kommt aus Sibirien. Zumindest ein kleiner Teil von ihr. Der Obersattel, der kleine Steg zwischen Kopf und Hals der Gitarre, lag einst in der gefrorenen Erde Asiens. Aus dem Stoßzahn eines Mammuts ist die Halterung gefertigt. Aufgrund seiner Härte sei dies das ideale Material, damit die Gitarrensaiten nicht verrutschen, sagt Instrumentenbauer Christian Koehn. Mit einer Präzisionsfeile bringt er dem Stoßzahn kleinste Vertiefungen bei, in die er später die Saiten legen wird. Die Gitarre auf seiner Werkbank ist nun fast fertig.

Vier Instrumentenbauer teilen sich die enge Werkstatt an der Katzbachstraße. Geigen und Celli kommen aus der Hand von Florence Ford und Thilde van Norel. Gitarren bauen Christian Koehn und Dennis Tolz. Picea haben die vier ihren im Juni 2011 in Kreuzberg eröffneten Laden genannt.

Ab 5000 Euro

Mit dem Namen drücken sie ihre besondere Wertschätzung aus, er ist das lateinische Wort für Fichte. "Das ist jenes Holz, ohne das wir gar nicht arbeiten könnten", sagt die 38-jährige Thilde van Norel, denn aus Fichte werden die meisten Saiteninstrumente gebaut. Die in der Werkstatt verwendete Fichte kommt nicht aus dem Baumarkt. Hier verarbeitete Hölzer wachsen in den Alpen, knapp oberhalb der Baumgrenze, in einer kargen, nährstoffarmen Gegend mit langen Wintern. Nur in dieser lebensfeindlichen Höhe entsteht das Holz, das für die edlen Instrumente aus der Kreuzberger Werkstatt richtiges Gewicht und notwendige Härte aufweist. Das passende Holz beim Händler auszuwählen kann Stunden dauern.

Konzentriert und still arbeiten die vier Instrumentenbauer in ihrer Werkstatt. Der 27 Jahre alte Dennis Tolz beginnt mit dem Bau einer neuen Gitarre, noch hält er nur ein dünnes Holzbrett in den Händen. Thilde van Norel entfernt behutsam mit einem Stemmeisen Holz aus dem unteren Teil eines Cellos. Florence Ford, ebenfalls 27 Jahre alt, poliert eine Violine. Geigen und Gitarren hängen von den Wänden, in Halterungen ruhen japanische Sägen und Schnitzmesser. Verschiedene Lacke stehen auf den Werktischen, neben allerhand Messwerkzeug, Winkel, Raspeln, Feilen, und Hobel, manche so groß wie ein Unterarm und andere kleiner als ein Daumen. Koehn hat die letzte Saite auf seine fertige Gitarre gespannt. Jetzt ist zu hören, worum es hier geht: Wärmende Basstöne und zarte Gitarrenläufe füllen die Werkstatt.

Solche Instrumente per Hand zu bauen, braucht viel Zeit. Und Handarbeit kostet Geld. Eine Gitarre anzufertigen, nimmt bis zu fünf Wochen in Anspruch. Am Ende kostet so ein Stück ab 5000 Euro. Etwa ebenso lang dauert es, eine Violine fertigzustellen. Hier beginnen die Preise bei 7000 Euro. Zwar teilen sich die vier Instrumentenbauer Werkstatt und Werkzeug, aber letztlich arbeiten sie auf eigene Rechnung. Jeder hat einen Kundenstamm aus gut verdienenden Amateuren und Profi-Musikern.

Und das Miteinander funktioniert, sagt der 36-jährige Christian Koehn, was wenig verwundert. Florence Ford und Dennis Tolz sind seit mehreren Jahren ein Paar, Thilde van Norel mit Christian Koehn verlobt.

Die Vier lernten sich in Ostengland während ihres Studiums in der kleinen Stadt Newark kennen. Das Newark College für Instrumentenbau ist berühmt für seine hervorragende Ausbildung. Menschen aus der ganzen Welt kommen hierher um zu lernen. Allein schon dort angenommen zu werden, kann als Auszeichnung gelten. Jedes Jahr bietet die Schule nur einer handvoll Lehrlingen einen Platz. Gitarrenbau zu lernen dauert zwei Jahre, bei Geigen sind es bis zu vier Jahre.

Für den gebürtigen Berliner Christian Koehn verlief der Weg zum Gitarrenbauer keineswegs geradlinig. Als 28-Jähriger studierte er noch Gartenbau und Botanik, aus Interesse für Bäume, wie er sagt. Bis er in einem Musikgeschäft nach Noten für seine Gitarre suchte und auf ein Buch über Instrumentenbau stieß.

Aus dem anfänglichen Interesse wuchs der leidenschaftliche Wille, selbst das Handwerk auszuüben. Wenn man bereits achtundzwanzig Jahre alt ist, müsse man sich wirklich sicher sein, dass man etwas Neues anfangen will, sagt Koehn. "Doch wenn man sich für etwas entscheidet, das man wirklich machen will, lässt sich Großes leisten."

Magie und Mythos

Was dies ist, kann Koehn einfach bestimmen. Für ihn ist es das Schönste, wenn ein Musiker sein Instrument spielt und es schlicht wunderbar findet. Je mehr ein Musiker nach dem Besonderen in der Musik sucht, sagt Koehn, umso mehr sucht er dies auch im Instrument. Es geht um die Magie und den Mythos, die in einem Instrument leben. Viele Musiker verbrächten derart viel Zeit mit ihrem Instrument, dass es für sie aufhöre, ein Gegenstand zu sein, sagt Koehn. Er zögert einen Moment auszusprechen, was seine Beschreibung zusammenfasst. Dann sagt er es doch: "Für mich ist es so, dass ein Instrument eine Seele haben kann."

Picea Katzbachstraße 9, Kreuzberg, Tel. 70 03 45 95, www.picea-berlin.de, Termin nach Vereinbarung