Kulturmacher

Wanderer zwischen Klassik und Sozialkritik

Jens-Peter Behrend hat vor mehr als 30 Jahren das erste Theater der Berliner Nachkriegszeit geerbt. Jetzt ist die Vaganten Bühne nach aufwendigem Umbau in die neue Saison gestartet

Der rote Samt auf den Theaterstühlen leuchtet noch neu unter den Scheinwerfern. Erst vor wenigen Wochen wurde die Vaganten Bühne nach monatelangen Umbauarbeiten wieder eröffnet. Es ist 10.30 Uhr, langsam treffen die jungen Schauspieler in den kleinen Räumen im Keller des Delphi-Kinos ein, um das neue Stück "Die Firma dankt" zu proben. Lena wärmt sich die Hände an einer Tasse Tee, Manolo beseitigt auf der Bühne die Konfetti-Reste vom vergangenen Abend. Fellinis "La Strada" stand auf dem Spielplan. Die Vaganten wollen damit ein Zeichen setzen. Bei der Neueröffnung der kleinen Bühne sollte es um das Leben der Künstler selbst gehen, um Vaganten eben fernab der großen etablierten Schauspielhäuser.

Theater-Direktor Jens-Peter Behrend begrüßt die Schauspieler mit fröhlich flachsenden Bemerkungen. Vom sprichwörtlichen großen Zampano aus "La Strada" ist er weit entfernt. Die Vaganten Bühne ist sein Wohnzimmer und die Künstler sind irgendwie auch seine Familie. Darin ist er den Ursprüngen treu. Die Vaganten Bühne war das erste Theater im zerstörten Berlin der Nachkriegszeit und es ist wohl das einzige Theater, was sich über all die Jahre bis heute als Familienbetrieb bezeichnen kann. "Wer kann schon von sich behaupten, ein Theater geerbt zu haben", sagt Behrend.

Er war gerade vier Jahre alt als sein Vater Horst Behrend im Februar 1949 im Wohnzimmer der Steglitzer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung die wandernde Theatertruppe Vaganten gründete. "Bei uns wurde geprobt, meine Mutter hat die Kostüme geschneidert und nach den Premieren kehrten die Schauspieler wieder in unsere Wohnung zurück und feierten oft bis in den Morgen", erinnert er sich. Es sei immer trubelig gewesen, schließlich waren da auch noch seine drei Geschwister. Er könne sich erinnern, dass es mehr als einmal in der ruhigen Wohngegend Ärger mit den Nachbarn gegeben habe, erzählt Jens-Peter Behrend.

Eine wandernde Theatertruppe

Die Vaganten hatten zunächst keine eigene Bühne. Sie traten in Kirchen, Krankenhäusern oder Schulen auf. Die christlichen Stücke sollten nach dem zerstörerischen Krieg eine neue Moral vermitteln. Und im Theater hatte der Vater Horst Behrend dafür das geeignete Instrument gesehen. Das lag nahe, denn die Familie hat eine Theatertradition, die viel weiter zurück reicht. Schon der Ur-Ur-Großvater, der jüdische Arzt Moses Behrend, war ein Theater-Liebhaber und hatte ein Stadttheater im damaligen Kolberg gegründet. Die Familie ging später zum Christentum über, doch vor der Verfolgung durch die Nazis bewahrte es sie nicht. "Mein Großvater beging Selbstmord, die meisten Verwandten flohen ins Ausland, nur mein Vater ist mit seiner Familie in Berlin geblieben", sagt Behrend.

"Nach dem Trauma der Nazizeit wollte mein Vater aufklärerisch tätig werden", sagt Jens-Peter Behrend. Diesem Geist sehe er sich heute noch verpflichtet. Nach dem Tod des Vaters 1979 hat der inzwischen studierte Theaterwissenschaftler gemeinsam mit seinem Bruder, dem Regisseur Rainer Behrend, die Bühne übernommen. 2009 ist Rainer Behrend mit 67 Jahren verstorben, seither führt Jens-Peter Behrend das Theater allein weiter.

Für Behrend kann Theater nicht allein Unterhaltung sein, es muss sich auch mit den Problemen der Zeit beschäftigen. So war es bei den Vaganten von Anfang an und so ist es heute. Zum Beispiel in dem sozialrealistische Stück "Die Firma dankt" von Lutz Hübner, das am 1. November Premiere feiert. Es geht um einen von Entlassung bedrohten Abteilungsleiter eines mittelständischen Unternehmens, das von einer Consultingfirma umgekrempelt werden soll. "Ähnlich wie in dem ersten Stück geht es auch jetzt wieder um Moral", sagt Jens-Peter Behrendt. Trotz all dieser Kontinuität gab es viele Brüche bei den Vaganten. Christliche Stoffe kommen allenfalls noch als Persiflage wie in "Der Messias" auf die Bühne.

Als die Vaganten 1959 von der Straße in ihre festen Räume an der Kantstraße zogen, hatte sich das Programm bereits deutlich erweitert. Werke zeitgenössischer Autoren wie Wolfgang Borchert, Jean Genet und Jean-Paul-Sartre kamen in den 50er- und 60er-Jahren dazu. Die kleine Bühne in einem ehemaligen Kühlraum des Delphi-Hauses passte perfekt in den damals aufkommenden Trend der Kellertheater. Die Vaganten machten sich einen Namen als Avantgarde-Bühne. Ende der 70er-Jahre rückten Schüler und Studenten als Zielgruppe in den Mittelpunkt. Klassische Werke erhielten als Lehrstoff durch die Arena-Form einen neuen Reiz. Schauspieler und Besucher waren nicht voneinander getrennt. Die Zuschauer gruppierten sich vielmehr um die in der Mitte liegende Spielfläche.

Der Westen ist im Kommen

Als Jens-Peter Behrend mit seinem Bruder die Bühne übernahm, begründeten sie das Drei-Säulen-Konzept, mit dem das Theater bis heute erfolgreich ist. "Wir haben sozialkritische Dramatik im Spielplan, Klassiker und Komödien", sagt Jens-Peter Behrend. Neben Dauerbrennern, bei denen seit Jahren die Hütte voll sei, gebe es auch immer wieder gewagte Aufführungen, bei denen weniger Besucher kommen. Das Stück "Effi Briest" beispielsweise, das Rainer Behrend noch vor seinem Tod inszeniert hatte, sei so ein Dauerbrenner, der bis heute auf dem Programm steht. Jens-Peter Behrend ist sich sicher, dass sich die Vaganten mit diesem Konzept auch weiter behaupten können. Schließlich haben sie schon etliche Krisen überstanden. "Nach der Wende gab es einen Einbruch. Die Menschen waren verständlicherweise neugierig auf alles, was damals in Mitte entstand", sagt er. In dieser Zeit hätten die Theater im Westen der Stadt eher ein Schattendasein geführt. Doch das habe sich geändert. "Das Zentrum West ist wieder im Kommen."

Und gibt es schon einen Erben, der das Familienunternehmen in Zukunft weiter führen wird? "Nein", sagt der 69-Jährige. "Falls es einen unbekannten Neffen gibt, müsste der sich schon schnell melden." Aus der nächsten Generation habe bisher niemand Interesse angemeldet. Doch das mache ihm keine Sorgen. In seiner Theaterfamilie an der Vaganten Bühne gebe es genügend engagierte junge Künstler.