Berliner Perlen

Gefasst auf jedes Donnerwetter

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Sofia Mareschow

Mit sommerlichen Farben in den Herbst: Astrid Freitag entwirft knallbunte Regenkleidung, die jede Saison übersteht. Dafür zahlen ihre Kunden auch gern etwas mehr

Diese fröhlich-bunten Hingucker ins Grau eines tristen Herbsttages zu verbannen, wäre Verschwendung. Da sind sich alle Besucher im szenigen Laden des Berliner Labels Freitag Fashion in den Hackeschen Höfen einig. Es sei Schlechtwetterkleidung für jede Saison, erklärt Chefin Astrid Freitag: "Man kann sie natürlich auch im Regen anziehen."

Wer je die glänzenden Stücke aus weich-fließendem Lackstoff anprobiert hat, kommt meist mindestens ein zweites Mal. Selbst Skeptiker lassen sich überzeugen wie jüngst ein so gar nicht modisch gekleideter Kunde, dessen Frau in einer spiegelglatten roten Jacke plötzlich ganz verwandelt aussah. Selbstbewusst greifen Kunden nach Lackhüten in angesagtem 20er-Jahre-Stil. "Je schräger die Kreationen", so die 53-Jährige, "desto besser verkaufen sie sich."

Woher die Anziehungskraft? Es ist wohl das Zusammenspiel von Farbe, Material und Design mit ausgefallenen Mustern und stilvollen Klecksen, den sogenannten Splashs. Die Wasser abweisenden, beschichteten, glänzenden oder mattierten Stoffe sind knautsch- und rissfest, wärme- und kälteresistent und mit Woll- oder Kunstfellfütterung auch für milde Winter tauglich.

Es sind die 30- bis 60-Jährigen, die sich für die Designerstücke begeistern. Am besten verkaufen sich Jacken, die in Schwarz mit blauen und gelben Elementen den Stil des Bauhauses zitieren. Die Klassiker gibt es für 298 Euro, gefütterte Wintermodelle für 500 bis 600 Euro. Zeitlose Trenchcoats kosten 380 Euro, Hüte und Mützen 50 Euro. Neu im Angebot sind Lack-Ponchos für 298 Euro. Bestickte Kleider aus herkömmlichen Stoffen sind für 198 Euro zu haben.

Nach dem Baukastenprinzip

Freitag Fashion setzt auf Qualität und Beratung. Und: Der Kunde kann sein Kleidungsstück nach dem Baukastenprinzip zusammenstellen. Bei Bedarf wird maßgeschneidert. Die Kunden wissen das zu schätzen. Sie kommen aus Italien, Spanien, Frankreich. "Die Läden der Hackeschen Höfe werden von Eigentümern geführt. Deshalb gibt es hier Sachen, die man woanders nicht findet", sagt Astrid Freitag. Zur Berlinale zieht ihre Kollektion Schauspieler und andere Filmschaffende an. Mitunter kaufen oder leihen Filmproduzenten einzelne Stücke als Requisiten. In Potsdams Holländischem Viertel betreibt Freitag einen weiteren Laden. In den Geschäften kaufen eher die Frauen. Im Internet ordern Männer.

Als sie vor 27 Jahren nach ihrem Abschluss mit dem damaligen Label "Sato Sato" startete, war an feste Standorte nicht zu denken. "Völlig andere Zeiten waren das, diese wild-kreativen 80er-Jahre", sagt sie. Die Szene traf sich seit 1983 auf der Westberliner Offline-Messe, die bald nach Hamburg, Düsseldorf, Stuttgart und Wien expandierte. Ihre Produktion und die Arbeit an drei Quadratmeter großen Messeständen wurden für sie zur Schule des Berufslebens.

Während Astrid Freitag so erzählt, führt der späte Vormittag eine große Zahl von Touristen durch die Höfe und somit auch ins Geschäft, manche von ihnen sind schon sichtlich erschöpft von ihrem bisherigen Programm. Eine sportliche Brünette zückt ihre Digitalkamera und macht Bilder von den Ausstellungsstücken. Jugendliche stöbern in der Trenchcoat-Kollektion. Ein junger Mann hilft seiner zierlichen Freundin in eine knallrote Regenjacke, die aber nicht recht passen will. "Sie brauchen die S-Größe", ruft Astrid Freitag.

Grundkonzept und Material standen für die gelernte Schneiderin aus Celle, die ihr Faible fürs modische Gestalten schon als Siebenjährige an Barbiepuppen ausprobierte, seit ihrem Studium in Hannover fest. Eine Lackmode-Kollektion war zum Entsetzen ihres Professors ihre Abschlussarbeit. Für Astrid Freitag ist Lack aber der vollkommene Rohstoff. "Wie kein anderer bringt er Farben perfekt zur Geltung." Mit der deutschlandweit einzigartigen Spezialisierung auf Regenmode hat Freitag sich ihre Nische gesichert. "Darum konnte ich mit meiner Geschäftsidee überleben."

Nicht korrigierbar

Inzwischen beschäftigt sie sechs Mitarbeiter, darunter ihren Lebensgefährten, im benachbarten Atelier und im Verkauf. Das gesamte Angebot ist Eigenproduktion. Zwei Profischneiderinnen leisten Präzisionsarbeit: Wenn es einmal verarbeitet ist, kann man das sensible Material nicht mehr korrigieren. Astrid Freitag ist für den Entwurf der Kollektionen verantwortlich. Zur Stoffauswahl besucht sie Messen in Paris und München. Meist kauft sie italienische, französische und belgische Produkte. "Zuerst sehe ich das Material, dann kommt die Idee, was ich daraus machen könnte."

Im knallbunten Durcheinander ihrer Werkstatt zieht sie geeignete Elemente heraus, um sie zu kombinieren und variieren. Kreativ-chaotisch sei sie, heißt es in ihrem Freundeskreis. Das stimme auch irgendwie, sagt Astrid Freitag. Sie liebe es eben bunt und schräg. Ihr Lebensgefühl übertrage sie so auf ihre Kreationen, aus denen tatsächlich pulsierendes Leben, Farbe und Optimismus sprechen. Selbst an tristen grauen Regentagen.

Freitag Fashion Hackesche Höfe, Hof 5, Mitte, Tel. 28 09 60 92, freitag-fashion.de, geöffnet Montag bis Sonnabend von 11-19 Uhr