Kulturmacher

Unter den Schornsteinen von Tempelhof

Der Schweizer Immobilieninvestor Frank Sippel betreibt auf dem ehemaligen Schultheiss-Gelände die "Malzfabrik". Ein Ort für Kultur und Kreativität - verankert im Umweltdenken des Chefs

Wer sich dem Gewerbegebiet in Tempelhof-Schöneberg nähert, hat oftmals nur ein Ziel: Das große schwedische Möbelhaus gleich an der A 100 nahe dem Bahnhof Südkreuz. Wer sich aber einmal weiter vorwagt und sich an Auto-Werkstätten, Küchen- und Gartencentern vorbei in Richtung Bessemerstraße aufmacht, der steht plötzlich vor ihr: Dieser scheinbar würflig, aber dennoch akkurat hingeworfenen Ansammlung verschieden großer gründerzeitlicher Klinkerbauten. Oben drüber thronen die vier beeindruckenden Schornsteine, die scheinbar ritterbehelmt und erhaben ihre Festung bewachen - und stolz dem trostlosen Umfeld trotzen. In Frank Sippel haben die Vier einen Komplizen gefunden.

Ihr "Schützling" ist wahrlich schützenswert. Ein magischer Ort, eine Insel inmitten der Großstadt: Das Areal der ehemaligen Schultheiss-Mälzerei in Tempelhof. Der Schweizer Immobilieninvestor Frank Sippel (40), Gründer und Vorstandsvorsitzender der Real Future AG, kaufte das Gelände 2005 und heute ist die "große Rote" mit den vier markanten Schornsteinen seine Herzensangelegenheit. Seit 2008 trägt sie den Namen "Malzfabrik" und ist ein Ort für Kreative, Künstler, Idealisten und Visionäre. Ateliers für junge Künstler findet man, Ausstellungsräume, Werkstätten, Räume für junge Musiker oder auch eine neue Form des Bio-Farmings. Die "Malzfabrik" ist eine "Petrischale für Innovation". Seine "Oase", wie Frank Sippel beinahe zärtlich sagt - nein: Er sagt es zärtlich.

Liebe auf den ersten Blick

Das war nicht immer so. Eigentlich hatte der erfolgreiche Immobilieninvestor andere Pläne. Solche, die in die Umgebung des Gewerbegebiets gepasst hätten. Man ahnt, wie die hätten aussehen können. Aber dann passierte diese Sache mit der Liebe auf den ersten Blick, die also auch einen Investor treffen kann. Frank Sippel sah "dieses schöne Exemplar einer Industriebrache" und wusste: Die behalt ich! Das war 2008 - da gehörte ihm die heutige "Malzfabrik" schon drei Jahre, allein das Interesse an ihr fehlte. Auch in andere Berliner Immobilien hatte der Schweizer bereits investiert, "kleinere Anlageprojekte", wie er sagt. Doch als er "das erste Mal länger als eine Stunde" auf dem Gelände in Tempelhof war, war es um Frank Sippel geschehen. Die "Malzfabrik" wurde so etwas wie sein privates Kunstprojekt - auf 50.000 Quadratmeter Fläche und mit neun Gebäuden. Darin stecken Geld (bis heute 17 Mio. Euro) und Zeit - "eine Investition, die sich trägt", sagt Frank Sippel.

Fertig ist die "Malzfabrik" dennoch nicht: In drei Bauphasen wird das gesamte Areal saniert - und dabei darauf geachtet, den Charakter des Ortes zu erhalten und ihn gleichzeitig mit einem funktionierenden Nachhaltigkeitskonzept zu unterlegen. Mit Erfolg: Der erste Platz des "Location Awards 2012" in der Kategorie Nachhaltigkeit und Innovation ging an die "Malzfabrik". "Da waren wir sehr stolz", sagt Frank Sippel. Wir, das ist sein 13-köpfiges Malzteam, das geradezu familiär miteinander umgeht.

Wer zu Besuch ist auf dem Gelände, merkt schnell: Hier arbeiten Freunde, zur Begrüßung gibt es eine Umarmung. Frank Sippel nennt das "managment by happiness". Untermauert wird die ganze Atmosphäre von einem "malzeigenen" Wertesystem: Bei der Sanierung wird ökologisch maximal optimiert - und über die Auswahl der Mieter bis hin zu den alltäglichen Bürostrukturen wird Umweltbewusstsein und nachhaltiges Denken fokussiert. "Wir haben überall kleine Erinnerungstafeln hängen, die ,green labels', was man tun kann: Das fängt schon dabei an, dass man das Licht ausschaltet oder nicht brennen lässt, wenn man es nicht unbedingt braucht", sagt Frank Sippel. Das sollte seinen Mietern wichtig sein. Und zwei weitere Kriterien des Chefs sollten sie erfüllen: "Wir nehmen hier nicht jeden ersten Mieter, sondern warten auf denjenigen, der passt. Wer in die Malzfabrik einzieht, muss nett und kreativ sein", sagt Frank Sippel. Die Geduld, die dafür manchmal nötig ist, gönnt er sich einfach. Weil er es kann. Und sagt zufrieden: "Wir sind eine eigene kleine Welt mit eigenen Regeln und Flair."

Viel von diesem Flair hat Frank Sippel an diesen Ort gebracht: Er ist groß gewachsen, hat ein jungenhaftes, offenes Gesicht. Sein Auftreten ist eine Mischung aus lässiger Bescheidenheit - vielleicht ist es auch bescheidene Lässigkeit. Jedenfalls ist es sympathisch. Und er weiß, was er tut: "An diesem Ort kann ich meine beiden Leidenschaften verbinden: Kunst und Naturschutz." Der Ort wird in seinem Ursprung erhalten, denn: "Für ein Kulturzentrum muss man gar nicht so viel Glas und Stahl verbauen, wie alle denken."

Die eigene Kunststiftung

Seine Liebe zur Kunst und Kultur hat Frank Sippel von seiner Mutter. "Meine Mutter malt selbst und sammelt. Die Kunst war bei uns immer irgendwie gegenwärtig, auch dieser Satz: Ich habe ein neues Bild mitgebracht!", sagt Frank Sippel. "Irgendwann habe ich angefangen, über den Prozess hinter den Bildern nachzudenken. Daraus entstand dann auch die Idee für die Stiftung hier auf dem Gelände: Man muss Künstlern, gerade und auch jungen Nachwuchskünstlern, die Möglichkeit geben, ihre Kunst umzusetzen." Die "District Kunst- und Kulturförderung" ist seit 2009 auf dem Gelände, gegründet von - natürlich - Frank Sippel. In wenigen Tagen, am 4. Oktober, wird die Ausstellung "Say it loud" in der "Malzfabrik" eröffnet. Nicht die erste. Und ganz sicher nicht die letzte.

Frank Sippel sagt Sätze wie: "Ich habe einen langfristigen, nachhaltigen Ansatz, zu investieren." Oder: "Ich bin ein Idealist, aber kein Utopist". Und er sagt: "Auch wer ein wirtschaftlich orientierter Unternehmer ist, kann ein authentischer Öko sein." Er findet, nur so geht es in Zukunft: Vorhandene Bestände nutzen und nachhaltig handeln. "Anders zu denken ist heute unbedingt notwendig", sagt Frank Sippel. Auch das Klimaproblem ist sein persönliches Projekt. Seit 2002. Da sah er einen BBC-Bericht über das Auftauen von Alaskas Permafrostböden - berührt stiftete er den kompletten Jahresgewinn seiner Firma für den Erwerb und Erhalt großer Urwaldgebiete. Ohne zu zögern. Auch in der Malzfabrik lebt Frank Sippel nun seine "Haltung und Philosophie, die Welt anders anzugucken." Weil er es kann. Weil er es will. Von Herzen, das merkt man.