Berliner Perlen

Ihr ist alles Wurst

Silvia Wald entwirft in ihrem Friedrichshainer Atelier "Aufschnitt" Fleischwaren aus Stoff und Wolle und präsentiert sie in Kaufmannsladen-Atmosphäre. Dabei ist sie eigentlich Vegetarierin

Es war einer dieser Sonntagnachmittage, an denen man halbgar auf dem Sofa liegt und sich durchs Fernsehprogramm zappt. Langeweile, die nicht so recht entspannend ist und unruhiges Kribbeln auslöst. So auch im beschaulichen Städtchen Mühlberg an der Elbe in Brandenburg. Silvia war 18 Jahre alt und in diesem oftmals unsicheren Zustand zwischen Kinderzimmer und Erwachsenenwelt. Ihre Mutter wollte sie zum Radfahren überreden. Doch Silvia schaute lieber weiter fern und wusste deshalb eine halbe Stunde später genau, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte. "Meine Mutter kam von ihrer Radtour zurück und ich eröffnete ihr: Ich werde Bekleidungstechnikerin", sagt Silvia Wald.

"Ich habe eigentlich schon immer genäht und beinahe messiemäßig Stoffe gesammelt. Aber ich hatte keine Vorstellung davon, wie daraus ein Beruf werden könnte", sagt die 32-Jährige. Der Fernsehbericht, an dem sie hängen geblieben war, zeigte es ihr bald. Darin ging es um die Bekleidungsfachschule Naila in Oberfranken. "Und plötzlich wusste ich: Nähen kann man ja auch professionell."

Blutwurst als Nackenrolle

Heute lebt sie davon. Nach ihrer Ausbildung in Naila studierte sie in Berlin an der FHTW, der heutigen Hochschule für Wirtschaft und Technik. 2007 war sie fertig und durfte sich "Ingenieur für Bekleidungstechnik" nennen. Nach einem dreimonatigen "Selbstfindungstrip" in San Fransisco kam sie zurück nach Berlin und eröffnete 2008 ihr eigenes Atelier "Aufschnitt".

Dabei sind ihr Schnitte und Schnittgestaltung eher fremd. "Ich liebe Materialien und Stoffkombinationen. Aber Schnitte mag ich einfach nicht. Bei einem Namen wie 'Aufschnitt' ist ja klar, dass es sich nicht um ein seriöses Schnittfachgeschäft handelt", sagt Silvia Wald.

Als Eröffnungsgeschenk gab es damals, passend zum Namen, genähte kleine Würste, so ähnlich wie die Scheibe Extrawurst "auf die Hand". Inzwischen hat die etwas andere Fleischereifachverkäuferin über 40 verschiedene Wurstsorten in ihrer stilechten Fleischtheke: aus Wolle, Mischgewebe, Nikki oder Mikrofaser. Da reiht sich Bockwurstkette an Blutwurstnackenrolle und Salami an Haarspangenwiener. Sogar eine plüschige "Gesichterwurst" lächelt den Kunden treu an. Riesige Schinken liegen vor der Theke - als gemütliches Sitzkissen. Die Preisspanne reicht von 7,50 bis 320 Euro.

Aber wieso überhaupt Wurst? "Der Name des Geschäfts bedingte irgendwie das Produkt", sagt Silvia Wald. Erst gab es den Namen, dann folgten die Würste. "Außerdem habe ich als Vegetarierin den nötigen Abstand zu Fleisch."

Das hilft offensichtlich. Die imitierte Wurstwelt in der Boxhagener Straße 32 sieht echt aus. Irgendwie aber auch süß. Flauschig halt. Und das Wort "Kuscheltiere" bekommt angesichts der Auslagen eine ganz neue Dimension.

Und darum geht es ihr: den neuen Zusammenhang. Belehrend dagegen will sie nicht wirken. "Jeder soll essen wie er will. Hauptsache gesund." Sie ist weit entfernt von Gesellschaftskritik, sie will ein Bewusstsein für Dinge schaffen. Bewusstsein dafür, was Fleisch ist, dass es nicht immer so aussieht, wie es auf dem Teller landet. Dass es oft verarbeitet wird, aber eben nicht aus Kuschelmaterialien, Nadel und Faden. Viel Wert legt sie auch darauf, dass die Materialien für die Wurst stimmen. Dazu passt dann auch der "kindliche, comichafte Stil" der Fleischwaren.

"Ich arbeite natürlich mit reduzierten Schnittformen. Aber immer mit tollen Materialien. Die präsentiere ich dann möglichst im Originalkontext." Deshalb auch die Fleischertheke, die Fleischerhaken, die Fleischerwaage (natürlich auch zum Hineinlegen). Der Kontext ist bei Silvia Wald eigentlich ebenso wichtig wie das Produkt. Kunst zum Kuscheln.

Knallharte Geschenkartikel

"Ich arbeite gerne an Themenkonzepten und Produktkollektionen", sagt Silvia Wald. Sie weiß, dass ihre Kuschelwurst ein "knallharter Geschenkartikel" ist, wie sie selbst sagt, und oftmals wie ein wurstgewordenes Augenzwinkern verstanden wird. Sowohl bei den Fleischessern als auch bei den Vegetariern. Aber ihr geht es auch um das Gesamtpaket, wie es heute so schön heißt.

Für den 1. Mai hat sie auch an so einem Gesamtpaket geschneidert. "Da entstand die Kollektion ,Aufstand'", sagt Silvia Wald. "Ich habe Schlagstöcke, Pflastersteine und Mehrzweckeinsatzgeräte genäht." Auch dabei gilt: Es zählt nicht nur das Produkt, sondern auch das Dahinter und das Drumherum. So fragt sich der Betrachter bald, wie wunderbar friedlich so ein ausgepolsterter 1. Mai mit Plüsch auf allen Seiten wäre.

Gern würde Silvia Wald in diesem Stil noch verschiedene andere Themen künstlerisch umsetzen. Auch für die Nahrungsmittelindustrie. Keine Dekoration oder Installation rund um ein Produkt, die ihr unmöglich scheint. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. "So einen komplett genähten Supermarkt würde ich mir schon wünschen", sagt Silvia Wald. Den Stoff, aus dem diese Träume sind, hat sie ja schon.

Aufschnitt Boxhagener Str. 32, Friedrichshain, Tel. 0176 80 05 79 64, aufschnitt.net, Di.-Fr. 12-20 Uhr, Sbd. 14-18 Uhr