Berlin genießen

Ganz koscher

10.000 Mitglieder hat die Jüdische Gemeinde zu Berlin. Für sie und für Neugierige gibt es Restaurants mit korrekter Kost

Ein paar ausgestopfte Vögel hängen an der Wand. Auf der Tafel steht: "Kosher Classroom". "Das war einst der Biologiesaal ", sagt Leon Golzmann. Es ist Freitag, Golzmann hat viel zu tun. Um 19.30 Uhr beginnt das viergängige Shabbat-Menü. Leon Golzmann ist so etwas wie der Zeremonienmeister. "Ich versuche den Geist des Sabbats zu vermitteln, die Verbindung von Essen und Shabbat zu erklären", sagt er. Ohne ihn gäbe es am Abend kein koscheres Essen. Er ist der Koscher-Inspektor, stellt in der Küche, in der nicht-jüdische Köche arbeiten, Herd und Ofen an und überwacht die Zubereitung der auf der osteuropäischen Küche mit orientalischen Einflüssen basierenden Gerichte.

Seit der Wiedereröffnung der einstigen Jüdischen Mädchenschule unweit der Jüdischen Synagoge ist die Berliner Restaurantlandschaft um zwei Speisestätten reicher: den Pauly Saal von den Machern des Grill Royal und den Kosher Classroom. Das Restaurant von Michael Zehden bietet zertifiziertes koscheres Essen an: freitags ein "Shabbat Dinner", sonntags einen Brunch.

Geprüft vom Koscher-Inspektor

Koscheres Essen unterliegt den Regeln des Kashrut, die ihre Ursprünge in der Tora haben. Sie gelten für die Küchen der Jüdischen Gemeinden, von Israel über Europa und Asien bis Südamerika. Fleisch muss von wiederkäuenden Vierfüßlern mit gespaltenen Hufen wie Rind, Kalb oder Lamm stammen. Sie müssen auf traditionelle Weise durch einen Schnitt mit einem langen Messer geschlachtet werden und danach ausbluten. Von Meerestieren dürfen nur solche mit Flossen und Schuppen verzehrt werden. Milchprodukte und Fleisch dürfen nicht gleichzeitig gegessen und auch nur getrennt aufbewahrt und zubereitet werden. Obst und Gemüse gelten als neutral, werden mit Fleisch oder Milchprodukten zusammen gegessen. "Koscher bedeutet auch nicht, wie vielfach angenommen, 'rein', sondern 'korrekt'", sagt Leon Golzmann.

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat knapp 10.000 Mitglieder. Dennoch gibt es kaum koschere Restaurants. Das Gabriel's im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße schloss Anfang des Jahres, das Le Chaim in Wilmersdorf ist ebenfalls zu. Das von der Israelitischen Synagogen-Gemeinde betriebene Beth Café ist eine Ausnahme. Moderne israelische Küche, alles Bio, gibt es hier.

"Viele Juden in Berlin leben weltlich, kochen nur zu Festen traditionell", sagt Börries von Notz, geschäftsführender Direktor der Stiftung Jüdisches Museum. Seit August läuft hier das Café Schmus. "Kosher Style", beschreibt Betreiber Klaus Peter Kofler das Küchenkonzept. Der Name ist umgangssprachlich jiddisch und bedeutet soviel wie "miteinander reden" und "tratschen". Brownies und Bagels gibt es ebenso wie Pasta mit hausgemachter Pesto.

Im Bleibergs verrät das Kashrut-Zertifikat an der Wand: Dieses Café ist koscher. Manuela Hoffmann-Bleiberg serviert gerade Frühstück, vornehmlich Rühr- und Spiegeleier. "Wir sind koscher-milchig", erklärt sie. Milchkaffee, Quark und Käse, dafür verwendet sie ausschließlich koschere Milch. Schnitzel und Bratwürste bestehen aus Tofu. Brot, Brötchen und der Teig für die Pizza kommen aus Berlin, von der Bäckerei Kädtler, die seit 2001 koscher zertifiziert ist. Stefan Kädtler hat schon immer traditionell gebacken. "Die Anregung, koscher zu backen und uns zertifizieren zu lassen, kam vom Gemeinde-Rabbiner", sagt der Bäcker. "Wir sind somit die erste koschere Bäckerei seit dem Zweiten Weltkrieg in Berlin." Inzwischen stellt er 35 Sorten koscheres Brot und 25 verschiedene Brötchen her, darunter Puszta-Brot mit Zwiebeln, Mais und Paprika. Das Bleibergs ist gleichermaßen koscher, vegan und vegetarisch. Auf der Karte würde man weder hier noch im Kosher Classroom erkennen, dass es koschere Speisestätten sind. Weil Gerichte wie Hummus, Kalamata-Oliven und Rotkohl mit Birnen das Wichtigste erfüllen: Sie schmecken.

The Kosher Classroom Auguststr. 11-13, Mitte, Fr. um 19.30 Uhr (75 Euro), So. ab 11 Uhr, Tel. 31 59 50 950, www.thekosherclassroom.com

Bleibergs Nürnberger Str. 45a, Wilmersdorf, Mo.-Do. 10-21 Uhr, Fr. 9-16 Uhr, So. 15-21 Uhr, Tel. 21 91 36 24, www.bleibergs.de

Café Schmus Lindenstr. 9-14, Kreuzberg, Mo. 10-22 Uhr, Di.-So. 10-20 Uhr, Tel. 25 79 67 51, www.jmberlin.de

Bäckerei Kädtler Danziger Str. 135, Prenzlauer Berg, Mo.-Fr. 6-18.30 Uhr, Sbd. 7-12 Uhr, Tel. 42 33 233, www.kaedtler.de