Berliner Perlen

Die Fantastischen Zwei

Özlem und Gazihan Kara handeln mit Helden. In ihrem Schöneberger Geschäft "Cine Collectibles" stehen Kino-, Comic- und Fantasy-Figuren, die so rar sind, dass sie als Geldanlagen gelten

Manchmal braucht es einfach eine starke Schulter. Einen, der abends da ist, wenn man mit seinen Sorgen heimkommt. Keinen Mann der übereilten Ratschläge. Eher einen, dessen stumme Präsenz sensibel signalisiert: "Auch ich habe beruflich und besonders in meiner Freizeit mitunter total den Mörder-Stress. Aber was soll's: C'est la vie, Kumpel." Wer einen geräumigen Kofferraum hat, kann sich den Freund fürs Leben mit nach Hause nehmen. Er heißt Batman, ist 1,90 Meter groß und kostet 1900 Euro.

Cine Collectibles macht es möglich. Im Geschäft an der Martin-Luther-Straße in Schöneberg, das nach jüngst abgezogenen Holzdielen riecht und aus allen Ecken und Vitrinen funkelt, verkaufen Gazihan und die Architektin Özlem Kara Comic-, Fantasy- und Film-Figuren in allen Größen. Es ist ein Ort, in dem erwachsen gewordene Kinder mit leuchtenden Augen die Tür aufstoßen, um nun nicht mehr ihr Taschengeld sondern Gehalt und Erspartes für die Helden ihrer Vergangenheit, ihrer Träume und Sehnsüchte auszugeben.

Adresse für Schmuggler

Dafür kommen sie aus ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz. "Wenn meine Frau wüsste, was ich dafür wieder ausgebe", raunen manche beim Bezahlen, und dass sie das jetzt irgendwie an der Familie vorbei in die Wohnung schmuggeln müssen. Denn ein Geheimnis sind die Stücke durchaus wert, von 260 Euro für den stählernen Sprücheklopfer Iron Man bis zum knappen Monatslohn für den mannshohen Batman.

Alpine Preishöhen für ein Produkt, dessen Sinn und Wert auch bei scharfem Nachdenken ganz wenigen einleuchten: Das sind sichere Indikatoren der rarsten aller Warengruppen. Richtig. Hier geht es um Sammlerstücke.

Mögen Spider-Man und die Imperialen Sturmtruppen beim gewöhnlichen Filmfreund für Jux und Dollerei, ohrenbetäubende Explosionen und bizarre Todesursachen stehen: Im Reich der Figuren-Sammler werden sie zu Raritäten, die Verlangen wecken. "Vor acht Jahren beispielsweise", sagt Gazihan Kara, "gab es die 500er-Auflage eines 'Balrogs' aus Herr der Ringe. Damals zahlte man dafür 250 Euro. Inzwischen ist er 1400 Euro wert." Angebot und Nachfrage in reinster Form, vorgeführt von Lord Voldemort & Co. "Manchmal ärgere ich mich, dass ich mir von manchen Figuren nicht selbst zehn Stück zurück gelegt habe", sagt Kara. Bessere Rendite biete kein Börsenpapier.

Andere Superhelden erblühen nach Jahren dumpfen Ladenhüter-Daseins zum Superstar. Zehn Sekunden Leinwandpräsenz in Frühjahrs-Blockbuster "The Avengers" reichten etwa Thanos, einem prahlerischen Tunichtgut vom Saturnmond Titan, um in der Sammlergemeinde zum Objekt der Begierde zu werden. "Drei Jahre lang wollte den niemand haben", sagt Gazihan Kara. "Aber nach dem Filmstart war er weltweit schnell ausverkauft."

Seine Frau führt den Kult um die Helden-Miniaturen auf Star Wars zurück. "Der Erfinder George Lucas hat einen großen Teil seines Vermögens mit den Fanartikeln gemacht", sagt sie. Ein paar Jahrzehnte bevor sie ihren Mann kennen lernte, lag auch er im Kinderzimmer und ließ in seinen Fantasiewelten erste Plastikbildnisse von Luke Skywalker, Obi-Wan und Leia neue Abenteuer bestehen.

An Özlem Kara muss man keine kostspieligen Figuren in die Neuköllner Wohnung vorbeischleusen. Sie mag die Filme und schätzt das Know-How ihres Mannes. "Er ist die Schnittstelle unter den Sammlern. Er weiß, wer ein gefragtes Stück abstoßen möchte und wer es gerade sucht."

Den Bedürfnissen der Helden aus Kunstharz ist sie immer hinterher gezogen. Die übersinnlichen Damen und Herren in den elastischen Anzügen brauchen nämlich Platz. Im Geschäft stehen sie in polierten Glaskästen. Der täuschend echte Batman-Rivale Joker bekommt zur vollendet furchteinflößenden Wirkung den erhöhten Ausstellungsort auf einem Regal. Den meisten Raum nehmen die Kartons der Figuren ein. "Die lagert man, weil darauf die Seriennummern gedruckt sind. Eine weitere Kiste für den Versand gehört ebenfalls dazu", sagt Gazihan Kara. Ohne das Gesamtpaket der Pakete zahlt kein Sammler den gewünschten Preis.

Zunächst habe man von daheim aus mit den Figuren gehandelt. "Aber Sammler wollen nachschauen, ob die Farben stimmen, dass ein Stoffumhang richtig verarbeit ist, dass die Augen sauber gemalt wurden." So eröffnete das Paar in der Crellestraße ein erstes Geschäft. Die Werbeplane mit dem stets übel gelaunten Hulk und seinen tolldreisten Comic-Kollegen, daheim von Özlem Kara mit Photoshop entworfen, bedeckt vom Gehsteig bis zur zweiten Etage eine Brandwand gegenüber dem Amtsgericht Schöneberg an der Grunewaldstraße. Vor drei Monaten haben die Karas die Adresse überklebt. Cine Collectibles zog um.

In Cape und Technicolor

Das war gut fürs Geschäft. Die Gegend bringt Laufpublikum. Wer aus dem Süden gen Kudamm fährt, bemerkt meist auch den Laden. Jetzt kommen neben den Kennern jene Eltern, Paten und Verwandten, die einem Kind eine Freude machen wollen. Und hat ihnen Kara erst erklärt, dass der Wert der Stücke meist steigt, zahlen viele gern die Liebhaberpreise.

Superhelden sollen auch die Zukunft seines zwei Jahre alten Sohnes sichern. "Ein bisschen Kindergeld investieren wir in Figuren", sagt er. Die Männer und Frauen im Laden in Cape und Technicolor sind gut für den Jungen. Das hat der Kleine begriffen. Und der mächtige Batman auf der Empore, sagt Özlem Kara, mache ihm auch keine Angst mehr. Das ist jetzt ein Freund der Familie. Groß und zuverlässig.

Cine Collectibles Martin-Luther-Straße 47, Schöneberg, Tel. 922 136 38, cinecollectibles.com, Mo.- Fr. 11-17 Uhr, Sbd. 11-15 Uhr.