Kulturmacher

Zur besten Sendezeit

Vor acht Jahren gründeten Constanze Behrends und Oliver Tautorat das Prime Time Theater

Nina ist schwanger von Mahmud, dem Tiger vom Wedding. Die Dorfschönheit Ronja aus Hassleben wird vermisst. Ihr Cousin, dem sie zur Ehe versprochen wurde, will verhindern, dass sie ihren geliebten Pawel sieht. Und: Der Postbote Kalle trifft in der neuen Kita seiner Söhne Walter und Ullrich auf das Elternpaar Theresa und Tom, deren Sohn Kevin-Justin mit den Zwillingen Streit hatte. Es kommt zum Eklat.

Das klingt nach Drama und Tränen einer klassischen Vorabendsoap - ist aber der Plot einer Folge "Gutes Wedding, Schlechtes Wedding" (GWSW), Deutschlands erster und einziger Theater-Sitcom. Vor acht Jahren gründete Schauspielerin Constanze Behrends mit ihrem heutigen Mann, dem Schauspieler Oliver Tautorat, das Prime Time Theater in Wedding. Es ist das Herzensprojekt eines Paares, das liebt, was es tut, weil es auch liebt, wo es das tut. "Der Wedding ist cool. Wir wohnen so gerne hier - und wollten da Kultur machen, wo wir auch leben", sagt die 29-jährige Constanze Behrends.

Sie stammt aus Sachsen-Anhalt, studierte Schauspiel in Berlin und lernte Oliver Tautorat (39) bei einem Kurzfilmdreh kennen. Bald zogen sie zusammen, in den Wedding. "Ich habe mich hier sofort zu Hause gefühlt", sagt Behrends. Und so sollte der Wohn- dann auch der Arbeitsort werden - und die beiden gründeten einfach mal so ein Theater im Wedding. Mit 35 Plätzen ging alles los, Constanze Behrends verkaufte die Karten selbst, organisiert wurde alles per Handy, weil kein Geld für ein Büro da war.

"Stiefkind der Berliner Bezirke"

Ein Theater in einem Bezirk gründen, der als "No-Go"-Area galt, noch immer "Problembezirk" genannt wird, wo knapp die Hälfte der Bewohner einen Migrationshintergrund haben. Ein Widerspruch? Nicht, wenn man das Konzept des Prime Time Theaters kennt. "Zehn Prozent der Bevölkerung gehen ins Theater - wir machen Theater für die restlichen 90 Prozent, die lieber fernsehen", sagt Oliver Tautorat. Und daher bringen sie Film- und Fernsehformate auf die Bühne, Beginn stets um 20.15 Uhr, Prime Time eben. Neben GWSW, der Sitcom, deren 80. Folge am 15. September startet, gibt es dienstags "Sopra - die Talkshow". Im Jahr kommen mehr als 50.000 Gäste. Theater im Wedding funktioniert. "Hier ist man nicht übersättigt von Theaterprojekten, wir hatten das Gefühl, dass man hier Lust auf Kultur hat", sagt Tautorat über - wie er es nennt - das "Stiefkind der Berliner Bezirke". "Es funktioniert - die Leute, die sonst nicht ins Theater gehen, die kommen zu uns", sagt Tautorat.

Der Bezirk bringe ihnen die Ideen sagen beide, die Hauptfiguren von GWSW wie der Dönertaxifahrer Murat, Heidemarie Schinkel, Chefin der Arbeitsagentur oder Kalle, der Macho-Postbote sind zwar überzeichnet, aber gleichzeitig nah an der Weddinger Realität angelegt. Die Weddinger sind die Helden von Behrends und Tautorat, die seit 2006 verheiratet sind und eine zweijährige Tochter haben. "Wir sind stolz, hier zu wohnen und die Kids, die GWSW gucken, sind danach auch stolz, ein Weddinger zu sein", sagt Constanze Behrends. Aus anfangs 35 Sitzplätzen sind inzwischen 220 geworden, auch weil Oliver Tautorat früher Karten an skeptische Weddinger auf der Straße verschenkte: "Das war wirtschaftlich vielleicht nicht sinnvoll, aber wichtig."

Das Paar ist ein eingespieltes Team - und das müssen sie sein, um alle vier Wochen ein neues Stück auf die Bühne bringen zu können. Gemeinsam sammeln sie Ideen, planen die neue Folge GWSW, die Behrends in Drehbuchform bringt: "Die Charaktere sind mir inzwischen so ans Herz gewachsen, dass ich in vier bis fünf Tagen eine Folge aufschreiben kann", sagt sie. Nach drei Lese- und drei Bühnenproben ist dann auch schon Premiere. Folge 80 wird das 100. Stück sein, das Behrends geschrieben hat - mit nur 29 Jahren. Doch ausruhen wird sie sich darauf nicht, es geht immer weiter: "Wir standen schon mehrmals an dem Punkt, an dem klar war: Entweder wir hören jetzt auf oder vergrößern uns." Immer entschieden sie sich für das Risiko, ihr Theater zu vergrößern. Inzwischen gehört auch eine Kantine dazu, in der das Publikum warmes Essen bekommt - Gulaschsuppe und Pommes, bodenständig eben, wie das Ehepaar selbst. Und so sieht man in den Vorstellungen Rucksäcke, Fahrradhelme, Einkaufstüten vom Discounter oder Kapuzenpullis - Dinge, die im klassischen Theater eher draußen bleiben.

Die Idee zu ihrem neuesten Projekt entstand auf einer USA-Reise. In einem Broadway-Theater sahen sie das Stück "Love, Loss and What I Wore" von Nora Ephron, es "bezauberte" Constanze Behrends so sehr, dass sie erstmals ein Stück für das Prime Time Theater einkaufte. Gast-Stars wie die Entertainerin Gayle Tufts oder Petra Nadolny und Susanne Pätzold aus dem "Switch Reloaded"-Ensemble werden dann im Prime Time Theater auftreten und Broadway-Glamour in den Wedding bringen.