Kulturmacher

Der Mann, der Orte inszeniert

Schauspieler Christian Schulz kam kurz nach der Wende als Hausbesetzer nach Berlin. Inzwischen ist er Theaterdirektor, Ballhausbetreiber, Strandbarerfinder und Schlossherr

Mit seinem schwarzen Schlapphut sitzt Christian Schulz auf einem Mauervorsprung vor dem Kassenhäuschen des Amphitheaters und blickt hinunter zur Spree. Am Ufer dreht sich eine Diskokugel über einer kleinen Bühne inmitten des Biergartens. In der blauen Stunde tanzen drei Paare Tango. Nach und nach werden es mehr. Zaungäste beobachten mit dem Weinglas in der Hand gerührt die romantische Szenerie vor dem Bode-Museum. Von der ersten Strandbar Mitte ist nur noch der Name geblieben, der Sand ist weg, die Liegestühle und auch die Hunderte Partygäste aus aller Welt. "Es ist etwas ruhiger geworden, aber jetzt kommen auch die alten Berliner wieder", sagt Christian Schulz. Ihm jedenfalls gefällt es besser, auch wenn er vielleicht etwas weniger Umsatz macht.

Christian Schulz bringt nicht nur Theater auf die Bühne, er inszeniert auch die Orte. Ihm geht es nicht darum, ein großes Geschäft zu machen, seine Arbeit soll Spaß machen, sagt er. Das gilt nicht nur für die Besucher sondern auch für ihn selbst und seine Mitarbeiter. Und deshalb sei es auch an der Zeit, kürzer zu treten und sich nicht ständig zu vergrößern.

In diesem Sommer stand Christian Schulz erstmals wieder selbst auf der Bühne des Hexenkessel Hoftheaters im Amphitheater gegenüber dem Bode-Museum. In "Candide" spielte er den Philosophen Voltaire auf der ewigen Suche nach dem Glück. "Ich war ja nur noch Kulturmanager, das war mir einfach zu viel", sagt er. Schließlich ist die Schauspielerei seine Leidenschaft und aus der sind die vielen Unternehmungen erst entstanden, mit denen er inzwischen der zweitgrößte Arbeitgeber in Alt-Mitte ist, gleich nach dem Hedwigs-Krankenhaus. Der 42-jährige Inhaber der Strandbar Mitte, des Hexenkessel Hoftheaters, des Cafés Altes Europa, des Oststrandes und mit seinem Partner des Tanzlokals Clärchens Ballhaus beschäftigt 230 Mitarbeiter. Ein Ensemble von 20 Schauspielern kann von den Einnahmen leben, und das ohne einen Cent Subventionen. Seit 2009 ist Schulz auch noch Schlossbesitzer in Schwante.

Museumsinsel als ideale Kulisse

Gleich nach der Wende kam er aus München hierher. Einen Bezug zu Berlin hatte er immer, seine Eltern sind beide gebürtige Berliner. Die ersten Jahre wohnte er in einem der vielen besetzten Häuser in Mitte und zog mit einer kleinen freien Theatergruppe durch die Stadt. Irgendwann stieß er auf das Hexenkessel Hoftheater, welches damals den Hof eines besetzten Hauses in Prenzlauer Berg verlassen musste. Beide Truppen zusammen suchten einen neuen Ort und fanden ihn am Monbijoupark. "Das lag nahe", sagt Schulz. Er kannte den Ort wie seinen Vorgarten. Und Museumsinsel und Spree waren wie geschaffen als Kulisse. Seine Intuition war ein Glücksgriff, wie sich bis heute zeigt. Hier am Spreeufer entwickelte sich seit 1999 eine ganz eigene Form des Volkstheaters, die inzwischen sogar in andere Städte exportiert wird.

Das Besondere ist die Interaktion der Schauspieler mit dem Publikum. "Am Anfang sind die Pausen und Kommentare eher aus der Not entstanden, wenn die Fahrgastschiffe vorbeifuhren und den Ablauf störten", erzählt Schulz. Doch dann hätten sie gemerkt, dass gerade die Unterbrechungen mit den improvisierten Bemerkungen einen besonderen Reiz ausmachten. Nach und nach hätte sich daraus ein Stil entwickelt, der wohl seine stärkste Ausprägung in der Märchenhütte erfährt. Das Blockhaus auf dem Bunkerdach wird anstelle des Amphitheaters im Winter bespielt. Drei Vorstellungen gibt es pro Abend, in denen immer zwei Schauspieler ein bekanntes Grimmsches Märchen spielen. "Das Schöne ist, dass Schauspieler und Publikum auf dem gleichen Level miteinander in Aktion treten und improvisieren können, denn der Stoff ist ja jedem bekannt", sagt Schulz. Der Theatermacher hat offenbar das richtige Gespür für Menschen und Orte.

Das Amphitheater und die Strandbar Mitte am Monbijoupark kommen so selbstverständlich daher, als wären sie uralte Berliner Institutionen. "Die Strandbar lag einfach in der Luft, es gab damals ein Bedürfnis, das Spreeufer zu nutzen und zu beleben. Die erste Berliner Strandbar eröffnete er 2002, einen Sommer später folgte die Bar "Oststrand" in Friedrichshain. Ab 2003 schossen in sämtlichen Städten Europas innerstädtische Strandbars aus dem Boden.

Auch Clärchens Ballhaus wurde innerhalb kurzer Zeit zum großen Erfolg. Das Geheimnis lag allein darin, dass Schulz zusammen mit Bühnenbildner David Regehr wie am Spreeufer behutsam das aufnahm, was er vorfand. Gemeinsam haben sie das Haus an der Auguststraße 2005 als Pächter übernommen. Den Ballsaal des ältesten erhaltenen Tanzlokals mit Kachelofen und Tischdecken beließen sie so unverändert wie möglich. Die größte Entdeckung war wohl der seit dem Krieg ungenutzte Spiegelsaal in der ersten Etage. Der verstaubte Saal, der zuletzt während des Krieges wahrscheinlich als Offizierscasino diente, wirkte so unberührt als wäre die Zeit stehen geblieben. Den neuen Pächtern ist es gelungen, die Atmosphäre zu erhalten, indem der Saal nur sparsam bespielt wird. Keine hippe Partylocation soll es sein, sondern ein Raum für klassische Sonntagskonzerte.

Ein Schloss zum Spielen

Und nun auch noch das Schloss in Schwante. "Es ist Rückzugsort, Probenort und Überlaufventil für die Theatertruppe", sagt Schulz. Und ein neuer Kulturort. Behutsam, denn er will den Bewohnern dort etwas bieten. "Wir machen drei bis vier Theatervorstellungen im Jahr", sagt er. Und die würden begeistert angenommen. Gab es nie Rückschläge oder Krisen? Eigentlich nicht, meint Schulz. Er habe immer kleine Schritte gemacht, nur so viel wie er auch sicher bewältigen konnte. Ein Mal allerdings habe alles auf der Kippe gestanden. Der Bezirk hatte im Zuge der Umgestaltung des Spreeufers den Spielort 2008 neu ausgeschrieben. Er musste sein Lebenswerk im Wettbewerb gegen andere Geschäftsideen behaupten.

Was die Zukunft bringt, lässt Christian Schulz auf sich zu kommen. Jetzt erst mal gehört seine Aufmerksamkeit seinem Sohn Valentin, der vor vier Wochen geboren wurde. Zur Entspannung spielt er gern mal Fußball mit der ganzen "Betriebssportgruppe" auf dem Fußballplatz gleich gegenüber von Clärchens Ballhaus. "Hoffentlich bleibt der Platz uns noch lange erhalten und fällt nicht bald irgendwelchen Investoren zum Opfer", sagt er.