Kleine Entdeckungen

Die strenge Amazone vom Tiergarten

Hoch zu Ross und leicht bekleidet blickt sie in die Ferne.

Mit einer Mischung aus Eleganz und Stolz thront eine Amazone im Tiergarten, unweit des Reichstages. Sie schaut skeptisch dorthin, als traue sie denen nicht, die über die Geschicke des Volkes bestimmen.

Allein schon als Frau hatte sie dazu auch nicht besonders viel Anlass, als sie Ende des 19. Jahrhunderts ihren Posten bezog. Der wilhelminische Parlamentarismus verzichtete schließlich auf die Mitarbeit von Frauen und es wundert daher nicht, dass Frauenrechte in der damaligen Gesetzgebung wie Fremdkörper erschienen. Zu den zeitgenössischen Sittenvorstellungen gab die Amazone ein gewagtes Gegenbild ab.

Der Berliner Bildhauer Louis Tuaillon schuf die überlebensgroße Statue. Was ihn damals dazu bewegte, lässt sich nicht sagen, fest steht jedoch, dass sich zu Füßen seiner Schöpfung später einmal ein Treffpunkt für sportlich ambitionierte Berlinerinnen etablieren sollte. Bevor alle Welt die Fitnesscenter für sich entdeckte, trabten sie von dort aus durch den Tiergarten oder stärkten Körper und Geist mit Gymnastik. Das Selbstbewusstsein der Amazone hatten sie verinnerlicht.