Berliner Perlen

Nordische Kunststücke

In einem Berliner Hinterhof lebt das traditionsreiche Modelabel "Hamburger Kinderstube" weiter. Die handgefertigten Kleider, Blusen und Anzüge versetzen Eltern und Großeltern in Verzücken

Es muss ein ganz besonderer Moment gewesen sein damals, in den 20er-Jahren in Hamburg. Stellen wir ihn uns so vor: Alice Haas, Absolventin der Textil- und Modeakademie in Berlin, sitzt in ihrer Küche im Stadtteil Rothenbaum. Draußen ist es dunkel, die kleine, aber helle Lampe über ihrem Arbeitsplatz am Küchentisch beleuchtet ihr Gesicht und das, was vor ihr liegt. Ein Smokkleid mit kurzen Puffärmeln in rosafarbenem Vichy-Karo. Der angekrauste Rock hat zwei Aufsäume, die hintere Mitte des Kleides ist mit Perlmutknöpfen und einer Schlaufe geschlossen. Der weiße Tollenkragen ist abknöpfbar.

Ein letzter Stich, und das kleine Kunstwerk ist fertig. Ein Kleidchen für ihre beiden Töchter. Ein Unternehmen ist geboren: Die Hamburger Kinderstube, eines der heute ältesten Kindermodelabel Deutschlands, 1925 von Alice Haas an der Rothenbaumchaussee 3 gegründet.

Die Modedesignerin ging mit diesem ersten Kleidchen, das sie "Häsi" nannte, einen ganz neuen Weg: "Damals gab es keine wirkliche Kindermode. Meist war es Bekleidung der Erwachsenen, die auf Kindergröße geändert wurde", sagt Andreas Weber. Er ist heute der Mann hinter der Hamburger Kinderstube und verkauft die Mode mit nordischer Tradition überwiegend über den eigenen Online-Shop und in dem kleinen Showroom "Dunkelblau" an der Schöneberger Motzstraße. Wie aber geriet die Hamburger Kinderstube in einen Berliner Hinterhof?

Königliche Kundschaft

Eine Verbindung gab es schon immer. Denn nicht nur an der Rothenbaumchaussee konnte man den marineblauen "Hamburger Tuchmantel", die "Smokkleider" oder die berühmten Matrosenblusen erwerben. 1928/29 erhielt die Kinderstube Exklusivabteilungen in den Berliner Häusern an der Leipziger Straße und Kurfürstendamm des Konfektionshauses "F. v. Grünfeld". "Der Erfolg war bahnbrechend", erzählt der 45 Jahre alte Andreas Weber. "Vor dem Krieg hatte die Kinderstube 40 Dependancen in ganz Deutschland."

Sie wurde eine Institution mit besonderer Kundschaft: Das holländische Königshaus bestellte 1937 die Kleider für die Blumen streuenden Kinder der Hochzeit von Kronprinzessin Juliana mit Bernhard zu Lippe-Biesterfeld. "Auch das monegassische Fürstenhaus sowie der Schah von Persien zählten zu den Kunden", sagt der Kinderstuben-Chef. "Die stiegen in Hamburg im Vier Jahreszeiten ab und gingen dann mal eben hinüber und kauften den Laden leer." Im Jahr 1939 hatte Rena Haas, die Tochter der Gründerin, das Geschäft übernommen. Nach dem Krieg eröffnete sie die Hamburger Kinderstube am Jungfernstieg 34 erneut. In der sogenannten Belle Etage.

Rena Haas führte das Werk ihrer Mutter erfolgreich fort. In den 60er- und 70er-Jahren fand man die zauberhaften Kinderkreationen am Nachwuchs des deutschen Hochadels, an den Sprösslingen hanseatischer Kaufmannsfamilien und den Kindern bekannter Film- und Fernsehstars.

Bei Rena Haas beginnt auch die Verbindung zu Andreas Weber. "Meine Schwester hat einst bei ihr geschneidert", sagt er. Sie kannte alle Schnitte, alle Stoffe und Besonderheiten.

Rena Haas hatte keine Kinder und so stand irgendwann die Frage im Raum, wer die Tradition weiterführen kann. "Mein Bruder und seine Frau übernahmen die Kinderstube 1988. Leider war es für sie schwierig, besonders die Lage in der Belle Etage. Der direkte Zugang von der Straße fehlte."

1993 musste die Hamburger Kinderstube schließen. Ein trauriger Einschnitt in die Geschichte des Unternehmens. Das fand auch Andreas Weber. "Ich habe mit meiner Schwester nach neuen Wegen gesucht. Wir hatten ja alle Schnitte. Was also damit anstellen?" Weber wusste, dass Eltern, die etwas Besonderes für ihre Kinder haben wollen, auch mal im Internet nachschauen. Der Trend, im Netz zu kaufen, wurde zudem damals immer deutlicher.

Naturstoffe und Handarbeit

Im Jahr 1999 war die Hamburger Kinderstube wieder da. Im Internet und seit 2004 auch wieder mit eigenem kleinen Laden in Berlin. Die etwa 60 bis 80 verschiedenen Modelle, je nach Saison, werden in Einzelanfertigungen oder Kleinserien in Deutschland genäht und produziert. "Wir verwenden ausschließlich reine Naturstoffe, die dann wiederum mit anderen hochwertigen Materialien wie zum Beispiel Perlmuttknöpfen kombiniert werden", sagt Andreas Weber.

Maßanfertigungen für besondere Taufkleider oder andere festliche Anlässe werden innerhalb von zwei Wochen produziert. Durch traditionelle handwerkliche Techniken wie das "Smoken" werden Einzelstücke zusätzlich veredelt. Wie damals am kleinen Küchentisch von Alice Haas.

Das Kleid "Möwe" beispielsweise gibt es für 109 Euro, ebenso den klassischen Matrosenanzug "Sprotte" oder das beliebte Matrosenhemd. Und auch "Häsi" gibt es immer noch. Es kostet 169 Euro und kündet von einer langen Geschichte, die vor fast 90 Jahren an einem Hamburger Küchentisch begann.

Hamburger Kinderstube Motzstraße 59, Schöneberg, Tel. 23 60 71 87. Onlineshop: hamburger-kinderstube.de.

Öffnungszeiten: Mittwochs und donnerstags von 15 bis 19 Uhr, freitags 12 bis 19 Uhr, sonnabends 11 bis 15 Uhr