Kulturmacher

Der Jazz-Optimist

Sedal Sardan hat mit dem A-Trane in Charlottenburg einen außergewöhnlichen Club etabliert. Er präsentiert international renommierte Stars. Und kümmert sich um die lokale Musikerszene

Vermutlich würde Sedal Sardan sogar den Papst duzen. Nicht aus mangelndem Respekt oder wegen einer Hippie-Lebensphilosophie. Aber der 50 Jahre alte Jazz-Club-Besitzer ist ein Workaholic, ein Besessener, ein Kämpfer. Sein Ziel dabei: die Menschen mit gutem Jazz zu verbinden. Egal, ob Gast, Musiker, Personal oder Prominenz. Wer seinen Club betritt, gehört dazu und wird auch so behandelt. Ein simples Konzept, das seit vielen Jahren funktioniert. Das den winzigen Laden zu einem der erfolgreichsten Jazz-Clubs in Deutschland gemacht hat und Sardan zu einem glücklichen Menschen.

Das sagt er jedenfalls über sich selbst. Die perfekte Erfolgsgeschichte eines jungen Mannes aus Ankara, der in Deutschland seinen Traum lebt? Fast. Denn natürlich gab es Verluste. Der Burn-Out war unvermeidlich. Das gebrochene Herz auch. Alles überstanden. Doch die Melancholie des Barkeepers, der alle traurigen Geschichten kennt, haftet Sedal Sardan bis heute an. Wie an jedem Sonnabend ist es rappelvoll im A-Trane. Das Publikum reicht vom grantligen Wiener in Tracht, über den jungen Hipster mit Hut und Hosenträgern bis hin zur mittelalten Mutti mit buntem Seidenhalstuch. Und sie alle wollen Jazz hören. Live und intim.

Vom Basketball zum Barkeeper

Sedal Sardan hockt auf einem der blauen Stühle an der Bar und nippt an seinem Wein. Rot, trocken, aus Frankreich. Das Hemd ist weiß - mit genügend Brusthaar im Ausschnitt, um nicht spießig zu wirken. Im Nacken ringelt sich das graumelierte Haar zu kleinen Spaßlöckchen. Er lacht viel, redet viel, legt den Kopf schief, berührt sein Gegenüber am Arm, wenn ihm etwas wichtig ist. Manchmal sind seine Gedanken schneller, als er sie auf Deutsch formulieren kann.

Sedal Sardan war 12 Jahre alt, als er mit seinen Eltern und zwei Brüdern aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist. "Es musste Berlin sein, die Stadt mit den Geschichten", sagt er. Seitdem hat er in Kreuzberg, Schöneberg und Charlottenburg gewohnt. Hier ist er endgültig angekommen. "In Charlottenburg lebt ein angenehmes Völkchen. Niemand muss mehr beweisen, dass er jung und hip ist. Hier sind irgendwie die Künstler und Menschen, die es bereits geschafft haben."

Seine Eltern kehren mit dem jüngsten der Brüder zurück in die Türkei, als Sardan 24 Jahre alt ist. Er arbeitet als Grafiker in einer Werbeagentur, in seiner Freizeit spielt er Basketball. Natürlich habe er seine Eltern vermisst. "Aber es war okay. Ich kam klar." Bis zu dem Tag, an dem seine Großmutter in der fernen Türkei starb. In diesem Moment brach seine innere und äußere Welt zusammen. Er sagte die Prüfungen seiner Grafikausbildung ab, trauerte, tobte, stürzte in eine Krise. "Was man halt so macht, beim ersten Tod, den man verarbeiten muss", sagt Sardan und dreht am Stil seines Weinglases. Die Krise dauerte zwei Jahre.

Auch Herbie Hancock trat hier auf

Als er sich wieder aufrappelt, ist ihm klar was er will: Er will selbstständig sein. Er will seine künstlerische Ader ausleben. Er will eine Jazz-Kneipe. 1991 eröffnet Sardan die BeBop Bar in Kreuzberg. Eigentlich die Stammkneipe seiner Basketball-Jungs. Nun gibt es jeden Sonnabend ein Konzert, Sardan steht hinter der Bar, zapft Bier, organisiert Bands. "Es war eine Art Versuchslabor für das A-Trane", meint er heute. "Und ich habe es geliebt. All die Geschichten, die Menschen. Als Barkeeper ist es so, als würde man die Welt von der anderen Seite sehen." Der Blick des Barmannes sei nüchtern, fast analytisch, während der Alkohol die Menschen vor dem Tresen nackt und verletzlich macht. Sein Erkenntnisgewinn von der anderen Seite? Sardans Hände sind plötzlich ganz ruhig. Diese Geschichte gehört nicht zu denen, die er gewohnt ist, zu erzählen. Es ist eine von denen, die noch weh tun.

Er trinkt einen Schluck Wein, zupft an seinem Nackenlöckchen. "Ich habe gelernt, dass die große Liebe - und ich meine wirklich diese ganz, ganz große Liebe - dass sie meistens kurz und heftig ist. Zerstörerisch. Und oft nicht gut aus geht." Das hat er erlebt. Auf beiden Seiten des Tresens. Aber zum Glück hat er ja noch seine andere ganz, ganz große Liebe: den Jazz. Sie treibt ihn dazu, 1997 das A-Trane zu übernehmen, nachdem das BeBop wegen Anwohnerbeschwerden schließen musste. Es läuft gut, internationale Jazz-Stars wie Herbie Hancock oder Diana Krall spielten schon auf seiner Bühne. Für Gagen, die "bezahlbar sind". So kann er gleichzeitig den Nachwuchs unterstützen. "Ich sehe meine Arbeit als Kulturauftrag", sagt er. "Ich nutze die Präsenz der großen Namen, um die kleinen Talente zu motivieren und zu mir zu locken." Es klingt ganz selbstverständlich, wie er das so erzählt. Als wäre es keine große Sache, einen Jazz-Club zu führen.

Ein Jazz-Café zum Geburtstag

Dabei ist auch Sardan einmal an seine Grenzen gestoßen. 2002 war das. Damals eröffnete er einen weiteren Club in Charlottenburg, das Soul-Trane. Insgesamt vier Geschäftsführer hat er eingestellt und wieder gefeuert. Er hat lieber alles selbst gemacht. Zwei Clubs geführt und sich um alles gekümmert. Kontrollzwang? Jetzt lacht er wieder auf diese Art. Mit dem ganzen Körper. "Neiiiin!! Ich wollte ja Dinge abgeben", ruft Sardan. "Aber die haben es nicht richtig gemacht." Ein Jahr lang hat er es alleine geschafft. Dann ist er zusammengeklappt. Burn-Out, Nervenzusammenbruch, das ganze Programm. Er hat das Soul-Trane wieder abgegeben.

Von Scheitern will Sardan aber nichts hören. "Pech", nennt er es. Sedal Sardan ist vielleicht auch deshalb so erfolgreich, weil er sich eine unschlagbare Mischung aus Euphemismus, Naivität und Arroganz angeeignet hat. Konkurrenz? "Gibt es nicht." Kritiker?" "Die gab es mal." Ängste? "Wovor sollte ich mich fürchten?" In seinem Büro hängt ein Fünf-Euro-Schein an der Wand. Ein Musiker hat ihn geschickt, weil das von Sardan bestellte Taxi billiger war als gedacht. "Siehst du", sagt Sardan und strahlt. "Ein guter, ehrlicher Mensch. Man darf nie den Glauben verlieren." Das hat er offensichtlich nicht. Denn am 11. September, zum 20. Geburtstag des A-Trane, eröffnet er das Jazz-Café. Gleich gegenüber vom A-Trane. "Ganz klein. Da kann nichts passieren", sagt Sardan.

Sein Wein ist leer, das Licht im A-Trane wird gedämpft, das Konzert geht gleich los. Sardan steht auf, er ist zum Essen verabredet. "Das schaffen die auch ohne mich", sagt er und zwinkert dem Barkeeper zu. "Ich bin ja kein Kontrollfreak!"