Film: 360

Schnitzlers Reigen in Zeiten des Internets

360: Ein Episodenfilm, der angestrengt versucht, Stationen des modernen Lebens einzufangen

Was will dieser Film? Im Bezug auf das Werk von Regisseur Fernando Meirelles war dieser Frage bisher recht leicht zu beantworten. "City of God", die TV-Serie "City of Men", "Der ewige Gärtner" und "Die Stadt der Blinden" waren unterhaltsame, weil spannende Lehrstücke über gesellschaftspolitische Themen.

"360" beschreibt nun eher eine Perspektive als einen Gegenstand. 360 Grad ist der Radius, in dem sich der Drehbuchautor Peter Morgan in seiner Wahlheimat Wien einmal um sich selbst drehte, hin und wieder einen Schnappschuss in eine neue Himmelsrichtung machte und diesen dann einzelne Episoden eines erzählerischen Reigens zuordnete: Aus dem Osten kommen die schöne Prostituierte Mirka (Lucia Siposová) und ein humorloser "Boss", ein russischer Großkrimineller. Im Norden, in Berlin, wohnt ein ebenfalls namenloser deutscher Geschäftsmann (Moritz Bleibtreu), der seinen englischen Kollegen Michael (Jude Law) mehr oder weniger in flagranti mit Mirka erwischt und ihn damit erpresst. Weit im Westen, auf dem eingeschneiten Flughafen von Phoenix, Arizona, flirtet der traurige John (Anthony Hopkins) mit der frisch verlassenen Brasilianerin Laura (Maria Flora), die seine Tochter sein könnte. In der Telefonzelle nebenan kämpft derweil ein nervöser Sexualstraftäter mit seinem kaum zu unterdrückenden Trieb. Und so weiter.

Wie so viele Filme seit Erfindung des Internets, will "360" der modernen, globalisierten Welt mit den Mitteln des Episodenfilms gerecht werden. Autor Morgan, für seine weitaus übersichtlichere Charakterstudie "The Queen" zurecht mit dem Oscar ausgezeichnet, ist aufgefallen, dass in dieser Welt Menschen "verschiedene Sprachen" sprechen, aber alle einen "Bezug zum Thema Liebe" hätten. Das klingt ein bisschen banal und wird weder dadurch zwingender, dass sich Morgan am gut hundert Jahre jungen, episodischen Theaterstück "Reigen" des Wieners Arthur Schnitzler orientiert, noch dient es dem Tiefsinn, wenn zu Beginn von "360" über die Macht individueller Entscheidungen, über Zufall oder Vorbestimmung philosophiert wird. Den Episoden bleibt einfach zu wenig Zeit, um mehr zu erzählen, als kurz skizzierte Trennungen unter Tränen oder vielversprechende Neuanfänge.

Geradezu absurd wirkt Morgans Vorhaben, von der "Vielsprachigkeit" der Welt zu erzählen, wenn die deutsche Synchronfassung des Films alle "westlichen" Sprachen zu einem deutschen Einheitsbrei zusammenfasst, und diesem nur in kurzen Momenten ein paar untertitelte Brocken Russisch, Slowakisch und Arabisch entgegenstellt. Wirklich ärgerlich wird der mal seichte, aber hin und wieder durchaus berührende Reigen, wenn die Phoenix-Episode die Problematik eines Triebtäters mit den alltäglichen Tücken der Liebe gleichsetzt. Doch in dem Moment, in dem man sich über diese Naivität ärgert, macht es plötzlich "Klick" und man versteht: Hier wird in erster Linie von individueller Naivität erzählt und von ihren Kollisionen mit der Komplexität der Gegenwart. Hier wimmelt es von Seelen, die nicht schnell genug wuchsen, um der potenziellen Größe ihrer Welt gewachsen zu sein. In diesem Sinne ist "360" nicht nur interessant anzuschauen, sondern wird auch zum dankbaren Objekt seiner eigenen Erörterungen.

Drama: UK/A/F/BR 2011, 110 Min., von Fernando Meirelles, mit Anthony Hopkins, Rachel Weisz, Jude Law, Moritz Bleibtreu

+----