Berliner Perlen

Rot-Weiß Wilmersdorf

"Chuchichäschtli" bedeutet auf Schweizerisch "kleiner Küchenkasten". In einem Geschäft mit diesem Namen gibt es typische Waren und Kuriositäten aus dem Alpenland

Eine große rote Fahne mit dem weißen Kreuz flattert vor dem Schaufenster im Wind. Darunter stellt Matthias Kaiser einen kleinen Tisch und zwei rote Holzstühle in die Sonne. Immer wieder bleiben Menschen vor dem kleinen Geschäft stehen, blicken durch das Rundbogenfenster in die Auslagen und rufen Dinge wie: "Das kenn ich doch!" und "Das haben wir doch im Urlaub gegessen!" Oft treten sie dann ein, über einen roten Teppich auf dem Bürgersteig. Wenn sie den Laden wieder verlassen haben sie kleinen Tüten dabei. Darin: ein kleines Stückchen Schweiz.

Matthias Kaiser und Chris Fankhauser verkaufen seit Januar typische Schweizer Waren. Vom Messer bis zur Trinkschokolade. Den Besucher empfangen die Schweizer Nationalfarben in jeder Form, an den Wänden, auf Geschirrhandtüchern und auf den T-Shirts der beiden Chefs. Aus Lautsprechern tönt leise Mundartmusik "Das ist Züri Wäscht", sagt Fankhauser, und meint damit die Berner Band Züri West. Der 44-Jährige ist echter Schweizer und spricht mit Kunden gern in seiner Sprache. Falls sie ihn verstehen.

Sirup und Fonduekäse

Das Geschäft an der Holsteinischen Straße in Wilmersdorf trägt einen für Deutsche fast unaussprechlichen Namen: "Chuchichäschtli". Das bedeutet "Kleiner Küchenkasten". "Mit der möglichst originalgetreuen Aussprache des Wortes stellen Schweizer gerne Deutsche auf die Probe", erklärt Fankhauser und lacht. Selbstverständlich verkauft er auch ein kleines Wörterbuch für Deutsch-Schweizerdeutsch. Dort ist die Übersetzung für "Schläckstängu" nachzulesen, was "Lutscher" bedeutet. Die zuckrigen Spezialitäten stehen, in Schweizer Nationalfarben, auf dem Verkaufstisch.

In weißen Regalen vor roten Wänden sind verschiedene Süßigkeiten und Herzhaftes, spezielle Weine, 29 verschiedene Sirupsorten und Fonduekäse aufgebaut. Vier Caotina-Trinkschokoladen-Sorten inklusive Diabetiker-Version sind vertreten. Bei der Toblerone-Schokolade gibt es sogar eine türkisfarbene Sorte, die noch gar nicht im deutschen Handel ist. In einem Kühlschrank liegen typische Käsesorten wie Greyerzer oder Bärlauch-Weichkäse. Ovomaltine in jeglicher Form hat eine eigene kleine Abteilung, gleich neben den DVDs der Schweizer Filme mit deutschen Untertiteln.

Schweizer Kunden freuen sich besonders über Spezialitäten wie Dörrbohnen (grüne, getrocknete Bohnen, die wie Erdnüsse gegessen werden) oder "Zweifel"-Chips, auf denen sogar die Adresse des Kartoffelbauers steht. "Dafür kommen die Leute extra aus Prenzlauer Berg her", sagt der 41-jährige Matthias Kaiser.

"Wo hän mrs Matterhorn?", ruft Fankhauser durch den Laden und fragt damit Kaiser, wo die Matterhorn-Plätzchenstechform liegt. Dort, wo er sie findet, liegt noch mehr: die Schweiz als Stechform aus Metall und Heidi-Stechförmchen mit Heidi, Almöhi, Ziegenpeter und Almöhi-Hütte. In großen Glasvitrinen an der Wand sind zahlreiche Taschenmesser und Küchenmesser ausgelegt. Davor liegen stapelweise T-Shirts mit dem Aufdruck "Wer hat's erfunden?", angelehnt an die Ricola-Bonbon-Werbung.

Sie genießen den regen Zuspruch. "Unsere Kunden sind Leute, die etwas wiederentdecken, das sie aus ihrem Schweiz-Urlaub kennen", erzählt Chris Fankhauser, der zwischen Zürich und Berlin pendelt. "Und sehr viele Schweizer Kunden, die in Berlin leben, sind froh, dass sie sich nicht mehr ihre Notpakete aus der Heimat schicken lassen müssen."

Das "Chuchichäschtli" ist in einen typischen Altbau eingezogen. "Im Kiez rund um die Güntzelstraße sieht es schön aus und die Leute sind nett", sagt Matthias Kaiser. "Unsere Kunden, vor allem die, die uns neu entdecken, bleiben meist lange im Laden, um sich zu unterhalten. Jeder hat eine Geschichte zur Schweiz zu erzählen. Mir scheint, als lebten in Wilmersdorf mehr Schweizer als in anderen Berliner Stadtteilen."

Shoppen in der Heimatsprache

Wie zur Bestätigung kommen Eva Lezzi und ihr neunjähriger Sohn Jonas durch die Tür. Die Literaturwissenschaftlerin, die aus Zürich stammt und in Wilmersdorf lebt, hat im Schaufenster etwas entdeckt: die Vermicelles-Presse. Damit wird die Schweizer Süßspeise Vermicelles zubereitet, ein Mousse aus pürierten Esskastanien in Spaghettiform. Sofort spricht sie mit Chris Fankhauser Schweizerdeutsch. "Es ist toll, das hier zu finden", sagt die 47-Jährige. "Und noch viel toller, dass ich hier in meiner Heimatsprache sprechen kann."

Als Teil ihres Konzeptes sehen Matthias Kaiser und Chris Fankhauser diesen Kommunikationsaspekt. "Wir wollen außerdem die Schweizer Aperitif-Kultur in Berlin einführen", sagt Chris Fankhauser. "In der Schweiz geht man vor dem Restaurantbesuch noch einen Aperitif trinken und isst dazu ein bisschen Bündnerfleisch oder Käse."

Seit kurzem wird eine Variante dieser Tradition auch an der Holsteinischen Straße gepflegt. Außerdem trifft man sich jeden Sonnabendnachmittag. Da wird das "Chuchichäschtli" dann noch ein wenig mehr zu einem Ort, an dem sich Schweizer und Deutsche begegnen. Mitten in Wilmersdorf.

Chuchichäschtli Holsteinische Straße 19, Wilmersdorf, Tel. 53 67 72 20, Di. bis Fr. 10 bis 18.30, Sbd. 10 bis 15 Uhr