Berliner Perlen

Einfach mal zugreifen

In dem kleinen Schokoladenladen "Doçura" an der Zossener Straße in Kreuzberg gibt es erlesene Schokolade, feine Trüffel und immer schnelle Hilfe bei Heimweh

Im Schaufenster steht ein kleiner Kaufmannsladen. So einer aus Holz, schon ein bisschen abgespielt von Kindern, die sich jahrelang leidenschaftlich mit dem guten alten "Guten Tag, Sie wünschen?"-Spiel die Zeit vertrieben haben. So einer, bei dem man gleich versucht ist, die Schublädchen aufzuziehen und neugierig hineinzuschauen. In den kleinen Regalflächen stehen und liegen bunte Bonbons, Schokoladentäfelchen und Lutscher.

Besser könnte der kleine Süßigkeitenladen "Doçura" (portugiesisch für "Süße", sprich: du'sura) an der Zossener Straße in Kreuzberg sein Innerstes nicht nach Außen tragen: Dort gibt es "Naschwerk" und süße Spezialitäten aus aller Welt und das in anheimelnder Krämerladen-Atmosphäre auf 30 Quadratmetern. In diesem Jahr feiert der feine Laden von Marina Pereira Monteiro und ihrem Lebensgefährten Jascha Kappelmeyer sein zehnjähriges Jubiläum.

Es gibt drei Dinge, die sofort auffallen, wenn man das Geschäft betritt. Angenehm kühl ist es hier. Das liegt an der Klimaanlage für die Schokoladen. Herrlich gemütlich ist es. Wie sollte es anders sein, wenn man das Gefühl hat, mitten in den Wunschladen seiner Kindheit zu treten? Und bunt ist es. Kein Wunder bei rund 250 verschiedenen Produkten, die alle das Ziel haben, glücklich zu machen. Und zwar Groß und Klein.

"Viele Schokoladenläden haben den Anspruch, eine Gourmet-Adresse zu sein", sagt Marina Pereira Monteiro. Bei ihr im Laden soll dagegen jeder fündig werden: Der Gourmet, der 95-prozentigen Kakaogehalt braucht, und das Kind, das sein erstes Taschengeld für Schokoladen-Buntstifte oder Erdbeerlutscher ausgeben möchte.

Ein kleines Stück Kindheit

Dass die gebürtige Brasilianerin, die seit ihrer Kindheit in Berlin lebt, und ihr Partner zwei Schokoladenläden - der andere ist am Mexikoplatz 1a - ihr Eigen nennen, ist nicht unbedingt schon immer vorhersehbar gewesen. Die 35-Jährige ist Betriebswirtin, arbeitete im Hotelwesen. Lebensgefährte Jascha Kappelmeyer (38) ist Wirtschaftsjurist, der sich mit Aktienanalysen befasste. "Wir waren beide unglücklich in unseren 60-Stunden-Berufen", erzählt Marina Pereira Monteiro. "Außerdem wollten wir gern etwas zusammen machen, am liebsten etwas Traditionell-Kaufmännisches. Mit einem Produkt, das man anfassen kann, das nicht virtuell ist."

Sie besannen sich darauf, was sie beide gerne tun: Schokolade essen und reisen. "Und schon hatten wir unser Produkt, das dann auch noch mit Glück und Genuss zu tun hatte: Schokolade", sagt die Mutter von Emilia (7) und Carlos (2). Kinder, die in einem Schokoladenladen aufwachsen - was für ein Paradies!

Die Preisspanne bei "Doçura" ist beinahe ebenso groß wie die angebotene Bandbreite der Produkte. Der teuerste Genuss ist von der italienischen Firma "Amedei" zu haben. 50 Gramm kosten 6,90 Euro. "Das ist richtig fein und nicht überall zu haben", sagt Marina Pereira Monteiro. "Aber wir haben auch niedrigpreisige Schokolade, die viele Chocolatiers gar nicht verkaufen würden. Bei uns fallen diese Produkte in die Sparte ,Heimwehschokolade'." So holt sich zum Beispiel der gebürtige Schweizer seine Dosis "Kägi fretli" ab: ein kleines Stück Kindheit, von Schweizern in Riegelform gebracht, bestehend aus Schokolade und Waffeln. Wie so viele "Heimweh- oder Kindheitserinnerungs-Kranke" schafft es auch besagter Schweizer nicht bis nach Hause, sondern reißt die Verpackung noch im Laden auf. Als Beobachter fühlt man sich gleich an einen populären Werbespot für einen Karamellbonbon aus den späten 80er-Jahren erinnert: "Und den allerersten, den isst er immer noch sofort."

Als Marina Pereiro Monteiro und Jascha Kappelmeyer 2001 ihren Schoko-Laden eröffneten, mussten sie anfangs noch "Missionsarbeit" leisten, wie die Chefin sagt: "Für die meisten Leute gab es damals eben Vollmilch- oder Zartbitterschokolade, sonst nichts", sagt die Chefin, die privat auch gern mal Pralinen und Trüffel herstellt. "Aber die sind nichts für den Laden", findet sie. In den Verkauf kommen vor allem Produkte, deren Verwendung das Paar guten Gewissens vertreten kann. "Man sollte verantwortungsvoll mit Schokolade umgehen. Was kommt denn bei 49 Cent für die Tafel noch bei dem Kakaobauern an?", sagt Marina Pereira Monteiro. Und weiter: "Wir haben faire Preise, keine Phantasiepreise. Reich wird man damit allerdings nicht."

Verantwortung und faire Preise

Aber glückliche Kunden bekommt man, die beim Blick durch die Regale ins Schwärmen geraten: Erlesene Konfitüren, weißen Nougat mit Pistazien, Pralinen von Coppeneur in der Frischetheke, Tee, Weingummi und ein Regal übervoll mit köstlichstem Lakritz aus Holland (150 Gramm kosten 1,90 Euro) finden diese dort. Aber natürlich auch belgische "Dolfin"-Schokolade (2,40 Euro für 70 Gramm), "Tiroler Edle" mit Milch vom Tiroler Grauvieh ab 3,70 Euro, Schweizer "Original Beans" in Bio-Qualität ab 4,50 Euro. Es gibt Postkarten, die versichern: "Alles ist gut, wenn es aus Schokolade ist." Wer bei "Doçura" vor den Regalen steht, glaubt das sofort.

Doçura Zossener Straße 20, Kreuzberg, und Mexikoplatz 1a, Zehlendorf. Tel. 81 79 73 99 www.docura-berlin.de