Ich bin ein Berliner

Im Lauf der Zeit

Mehr als drei Millionen Menschen wohnen in Berlin. In der Morgenpost und auf morgenpost.de erzählen sie ihre Geschichte. Heute: Holger Blumensath, Uhrmacher

Mit der Zeit ist es kompliziert: Sie lässt sich sparen und verschwenden, niemals aber greifen oder erfassen. Das macht eine Definition schwierig, nicht nur für Physiker und Philosophen, sondern auch für einen Handwerker wie Holger Blumensath. Selbst nach Jahrzehnten als Uhrmachermeister vermag er das Wesen der Zeit nicht genau zu benennen - umso präziser sorgt er dafür, dass das Mysterium messbar bleibt.

Das, was in seinem Geschäft am meisten über ihn und seinen Beruf verrät, sind aber nicht die Lupen und Triebfedern, Aufzugswellen und Federstege. Es ist das unscheinbare, abgewetzte Polster, das auf der dunklen Ladentheke liegt. Wenn Blumensath eine Taschen- oder Damenarmbanduhr repariert hat und dem Kunden übergibt, dann drückt er sie ihm nicht etwa einfach in die Hand, sondern bettet sie mit Bedacht auf den Samt. "Uhren begleiten ihre Besitzer über Jahre und Jahrzehnte hinweg, teilweise stets am Körper", sagt Blumensath. "Das macht sie zu etwas Besonderem. Es sind ständig präsente, kleine Begleiter."

In seinem Laden in der Brunnenstraße ist er von diesen Begleitern umgeben: an den Wänden, in der Vitrine, auf der Werkbank. Leises Ticken erfüllt den hohen Raum, regelmäßig durchbrochen von den tiefen Schlägen einer großen Standuhr - Big Ben lässt grüßen - und ab und an auch von der alten Leier, die über der Tür hängt. Wenn sie ertönt, ist ein Kunde hereingetreten, von der krachigen Gegenwart in Mitte geradewegs ins 19. Jahrhundert. Zeit, sagt Blumensath, sei für ihn vor allem Veränderung, aber gerade davon ist seinem Geschäft wenig anzumerken - so wie heute könnte es hier schon vor einem Jahrhundert ausgesehen haben, mit dem wuchtigen Tresor, in dem Blumensath kleinere Aufträge aufbewahrt, und den Rechnungen, die er von Hand und mit Tinte schreibt. "Glitzervitrinen und Chromleisten", sagt er, werde man hier nicht finden. "Das überlasse ich gerne anderen. Ich verstehe mich nicht als Händler. Zwar verkaufe ich hier und da mal eine Uhr, aber im Mittelpunkt steht das traditionelle Handwerk."

So, wie er es sich schon als Jugendlicher bei dem Uhrmachermeister in Eberswalde abgeschaut hat, wenn er auf dem Schulweg an dessen Laden vorbeikam. Schon als Junge nahm Holger Blumensath Wecker auseinander; die Präzision der "winzigen mechanischen Wunderwerke" faszinierte ihn. Inzwischen führt er seit 17 Jahren seine eigene Werkstatt. Der 47-Jährige repariert alle Zeitmesser, von der zierlichen Damenuhr mit daumennagelgroßem Ziffernblatt bis hin zur Turmuhr - sofern ihm dazu die Zeit bleibt. Das Auftragsbuch ist gut gefüllt. Seine Hände verrichten dabei filigranste Schwerstarbeit. Stundenlang sitzt der Uhrmachermeister hochkonzentriert unter dem hellen Neonlicht, eine starke Lupe ins Auge geklemmt, und vollführt minutiöse Bewegungen. Fehlt ein Ersatzteil, bearbeitet er ein Stück rotierenden Stahl so lange an der Drehbank, bis daraus die winzige Welle einer Unruh entstanden ist: "Eine Sisyphosarbeit." Denn gerade für alte Uhren fehlen solche Ersatzteile oft. Die anstrengendsten Aufgaben bewältigt Blumensath am Wochenende, wenn kein Kunde unterbricht.

Nicht nur ältere Menschen kommen zu ihm, sondern auch junge Leute - mit "echten" Uhren, sagt Blumensath, aus einem Jahrzehnt, das noch keine Batterien oder Funkempfang kannte. Erbstücke etwa, die sie vom Vater oder Großvater haben. "So etwas heben die Leute auf - und freuen sich teilweise wie ein Kind, wenn sie es wieder in Händen halten."

Werktags ist ihm der frühe Morgen am liebsten. Oft sitzt er schon gegen fünf in der Werkstatt. "Da ist die Stadt noch nicht so hektisch", sagt Holger Blumensath. Diese Stunden brächten ihm besonders viel Ruhe. Etwas, das sich über seinen Alltag als Geschäftsinhaber und Familienvater nicht sagen lässt. "Ich lebe ein Leben wie alle anderen", sagt der Uhrmachermeister, "die Zeit läuft bei mir weder langsamer noch schneller." Bei ihm stehen nur die Zeiger still.